Mehr ist nicht immer besser
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Gegensätze prägen seit jeher die Geschichte der Menschheit – und daran hat sich auch in unserem hochentwickelten Zeitalter nichts geändert. Auch unser kleines Land Südtirol ist gefangen in diesem Zwiespalt und scheint auf zwei völlig entgegengesetzten Gleisen unterwegs zu sein. Einerseits wird mit aller Kraft versucht, noch mehr Tourismus ins Land zu holen, andererseits droht uns gleichzeitig ein wachsender Mangel an Arbeitskräften.
Es ist ein Wettlauf, der Jahr für Jahr neue Nächtigungsrekorde hervorbringt: 38 Millionen Übernachtungen waren es im Jahr 2025 – rund drei Prozent mehr als im Vorjahr. Zahlen, die Erfolg versprechen. Denn der Tourismus ist eine Goldgrube, ein Wirtschaftszweig, der enorme Profite abwirft.
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Wollen wir diese Entwicklung wirklich?
Es reicht nicht, dass unsere Berge, unsere Täler, unsere Dörfer längst zu einer begehrten Marke geworden sind. Wir müssen noch Megaevents organisieren, um den Namen Südtirol noch lauter in die Welt zu verkünden. Die Werbekampagnen haben unser Land längst zu einem Pflichtstopp auf Europas Reiserouten gemacht. Südtirol ist längst kein Geheimtipp mehr.
Aus unserer einzigartigen Landschaft schöpfen wir scheinbar mühelos wirtschaftlichen Gewinn. Doch der Preis dafür ist hoch – vielleicht höher, als wir wahrhaben wollen. Steigende Immobilienpreise, zunehmender Verkehr, fehlender leistbarer Wohnraum und vor allem die fortschreitenden Eingriffe in die Natur machen deutlich, dass wir an unsere Grenzen stoßen. Ausgerechnet die Natur, die doch eigentlich unser größtes Kapital ist.
Die Frage ist also nicht nur, wie viel Tourismus unser Land verträgt – sondern auch, wer ihn in Zukunft überhaupt tragen soll.
Es wäre an der Zeit, innezuhalten und uns ehrlich zu fragen: Wollen wir diese Entwicklung wirklich? Oder treiben wir einem Wachstum hinterher, dessen Folgen wir längst nicht mehr kontrollieren? Schon heute stoßen wir an unsere Grenzen. Wir schaffen es bereits jetzt nicht, die Touristenmassen zu bewirtschaften. Laut einem Artikel der Wirtschaftszeitung vom 12. September 2025 benötigt Südtirol bis 2029 rund 14.000 zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland.
Darüber hinaus steht Südtirol vor einer massiven Pensionierungswelle, da die geburtenstarken Jahre den Arbeitsmarkt verlassen werden. Schätzungen der Arbeitsmarktbeobachtung zufolge deuten in Südtirol auf bis zu 70.000 Abgänge in den nächsten 15 Jahren. Die Frage ist also nicht nur, wie viel Tourismus unser Land verträgt – sondern auch, wer ihn in Zukunft überhaupt tragen soll.
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Immer mehr Tourismus bei gleichzeitig akutem Arbeitskräftemangel – wie soll das zusammengehen? Auch die Politik des Landes gerät dabei in offensichtliche Widersprüche. Während unser Wirtschaftsmodell immer stärker auf Wachstum und internationale Gäste setzt, wirbt die Bewegung „Junge Südtiroler Freiheit“ in sozialen Netzwerken mit dem Slogan: „Südtirol darf nicht bunter und diverser werden.“ Wie hält sich die widersprüchliche Haltung zwischen der Förderung des Tourismus und den Vorbehalten gegenüber Arbeitskräften mit Migrationshintergrund? Wenn wir von unserem Wohlstand nie genug bekommen und „immer mehr“ verlangen, dann braucht es auch mehr Arbeitskräfte. Woher sollen sie kommen? Junge Südtirolerinnen und Südtiroler können sich das Leben im eigenen Land kaum noch leisten. Viele wandern ab, um anderswo ihr Studium und ihre Qualifikationen einzubringen.
Vielleicht ist jetzt der Moment, innezuhalten
Und dennoch wird an der Notwendigkeit von Arbeitskräften mit Migrationshintergrund gezweifelt. Wer allerdings diese Notwendigkeit nicht einsieht, sollte versuchen, eine Woche zu leben, ohne Dienstleistungen von Menschen in Anspruch zu nehmen, die Migrationshintergründe haben – sei es in der Gastronomie, im Gesundheitswesen oder in der Mobilität. Spätestens dann wird man die Bedeutung von auswärtigen Arbeitskräften erkennen, wenn man selbst im hohen Alter auf eine Pflegekraft angewiesen ist.
Trotz dieser gegensätzlichen Perspektiven sollten wir den Mut haben, uns grundlegendere Fragen zu stellen: Welche Werte sind uns wirklich wichtig? Ist es nicht an der Zeit, bewusster, nachhaltiger und vielleicht auch mit mehr Maß zu denken und zu leben, um unserem Handeln und letztlich unserem Leben wieder Klarheit, Verantwortung und Sinn zu verleihen?
Vielleicht ist jetzt der Moment, innezuhalten – bevor wir merken, dass wir etwas verloren haben, das sich nicht mehr zurückholen lässt.
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