Musica | Virtuoso

„...Sehnsucht hörbar zu machen“

Andrè Schuen, Bariton, stammt aus Wengen und ist ein Star der internationalen Musikszene. Demnächst wird er in Trient auftreten, im Duo mit Daniel Heide.
Schuen, bariton
Foto: christian leopold
  • SALTO: Herr Schuen, Sie sind in einer Familie aufgewachsen, in der Musik zu Hause war. Ihre Schwestern Elisabeth und Marlene gründeten zusammen mit ihrer Cousine Maria Molig das Pop-Trio Ganes. Sie haben zuerst Cello studiert, bevor Sie mit Gesang begonnen haben. Wann dachten Sie, dass Gesang und Kunstlied Ihr Weg sein würden, dass Sie mit Ihrem Talent die prestigeträchtigsten Bühnen betreten könnten?

    Andrè Schuen: Das hat sich sehr natürlich ergeben. Musik war einfach immer da. Sie war Teil unseres Alltags, so selbstverständlich wie die Natur um unser Haus in Wengen. Meine Eltern und Schwestern haben gesungen und musiziert und ich bin dann, sobald ich alt genug dafür war, mit eingestiegen.

    Bis kurz vor der Matura habe ich eigentlich vorgehabt das Cello zum Beruf zu machen, bis ich gespürt habe, von meiner Schwester darauf angesprochen, dass das Singen noch mehr in mir berührt. Der weitere Weg hat sich dann sehr natürlich vor mir aufgemacht, mit allem, was dazugehört. Höhen, Tiefen, Herausforderungen, Erfüllung. Und was das Wichtigste ist und irgendwie - bis jetzt - immer da war, die Liebe zur Musik.

    Sie sind heute Exklusivkünstler bei der Deutschen Grammophon. Für das renommierte Label haben Sie mehrere Liederzyklen von Franz Schubert aufgenommen, die beim Publikum und bei den Kritikern großen Anklang fanden. Was fasziniert Sie an Schubert?

    Schubert berührt mich, weil er das Große im Kleinen findet. Seine Lieder sind wie intime Landschaften – manchmal nur ein paar Takte, aber darin liegt ein ganzes Universum.

    Er hat diese unglaubliche Fähigkeit, Sehnsucht hörbar zu machen. Vielleicht fühle ich mich ihm auch deshalb so nahe, weil ich aus einer Gegend komme, in der Stille eine große Rolle spielt. In den Bergen lernt man, zuzuhören. Und Schuberts Musik verlangt genau das: Lauschen auf Zwischentöne, auf das Ungesagte.

    In Trient werden Sie als Gast der Società Filarmonica Werke von Richard Strauss, Richard Wagner und Alexander von Zemlinsky interpretieren. Können Sie uns dieses Programm mit vier Adjektiven beschreiben ?

    Leuchtend. Abgründig. Sinnlich. Suchend. Es ist Musik, die an die Grenzen geht – emotional wie klanglich. Strauss mit seiner schillernden Farbenpalette, Wagner mit dieser existenziellen Wucht und Zemlinsky, der oft zwischen Welten steht – voller Sehnsucht und Zerbrechlichkeit.

  • André Schuen: Highlights auf der Konzert- und Opernbühne waren sein Debüt in der New Yorker Carnegie Hall mit Brahms' Deutschem Requiem zusammen mit dem Orchestra of St. Luke’s und Bernard Labadie, Auftritte bei den Münchner Opernfestspielen als Wolfram in Castellucis Tannhäuser-Produktion und am Royal Opera House in London als Sharpless in Puccinis Madame Butterfly sowie zum 125. Jubiläum der Deutschen Grammophon im Konzerthaus Berlin. Foto: Christian Leopold
  • Ist Ihnen während oder am Rande eines Ihrer Konzerte eine lustige oder tragikomische Begebenheit passiert, über die Sie heute noch lächeln?

    Bei meiner ersten Probe in meinem ersten festen Engagement an der Oper in Graz, direkt nach dem Studium, habe ich mir den Fuß gebrochen und war erstmal 3 Monate im Krankenstand. Mittlerweile finde ich es lustig…

    Stimmen Sie mit Dostojewski überein, dass „die Schönheit die Welt retten wird“?

    Ich weiß nicht, ob sie die Welt retten wird, aber der Gedanke gefällt mir sehr. Nur sehe ich, dass wir uns als Menschheit gerade eher davon abwenden. Es scheint nur mehr das wichtig zu sein, was man unmittelbar zu barem Geld machen kann. Wirtschaftlicher Erfolg, Ruhm… Der Ton wird immer rauher, politische Lenker sagen Dinge, die man vor kurzer Zeit noch für unmöglich gehalten hat. Und das alles zur eigenen Erhöhung und Bereicherung.

    Sich auf die wahrhaft schönen Dinge des Lebens zu besinnen könnte da schon helfen. Wenn zum Beispiel Musik, Kunst, gutes Essen, ein tiefes Gespräch uns wirklich berührt, dann werden wir weicher, offener und auch mitfühlender.

    Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie nicht in Südtirol sind? Und was gefällt Ihnen, wenn überhaupt, an unserem Teil der Welt nicht?

    Am meisten vermisse ich die Stille der Berge und meine Familie. Und die Sprache – das Ladinische, sie ist der Klang meiner Kindheit. Wenn ich Ladinisch höre, fühle ich mich sofort zuhause.

    Was mir manchmal Sorgen bereitet, ist auch in Südtirol eine gewisse Maßlosigkeit. So gut es ist, dass der Tourismus Wohlstand gebracht hat, ich finde er hat eine Grenze erreicht, die wir nicht noch weiter ausreizen sollten.

    Gibt es ein Buch oder ein Film, die Ihr Leben geprägt haben?

    Wenn ich mich für eines entscheiden müsste, würde ich sagen Hermann Hesses „Siddhartha“… Das hat mich in jungen Jahren sehr begleitet, wie überhaupt Hermann Hesse, auch „Der Steppenwolf“ und „Narziss und Goldmund“…

  • Konzerttermin

    6. März 2026 - 20 Uhr

    Società Filarmonica di Trento

    „Träume/Alpträume“

    André Schuen,  Bariton
    Daniel Heide,  Klavier

    Werke von : R. Strauss (1864-1949), R. Wagner (1813-1883) und A. Zemlinsky (1871-1942) .


    Sala della Filarmonica, via Giuseppe Verdi, 30 - Trento