Società | SALTO change

Die Wächter des Gadertales

Im Gadertal ist eine im Alpenraum einzigartige Siedlungsform entstanden, die Viles. Sie prägen die Landschaft und weisen interessante Eigenheiten auf.
Ciaseles 2021
Foto: Archiv Piccolruaz
  • Sigrid Piccolruaz ist eine Architektin aus dem Gadertal, die sich intensiv mit der bau- und siedlungskulturellen Besonderheit der Viles auseinandersetzt. Im Auftrag des Landes hat sie immer wieder an Projekten zur Erhaltung und zum Schutz der Viles in verschiedenen Gemeinden des Gadertals gearbeitet und kennt diese traditionellen Siedlungsformen sehr genau. 

    Architektin Piccolruaz bringt ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus zahlreichen Sanierungsprojekten immer wieder in die Tätigkeit des Heimatpflegeverbandes ein. So hat Sie beispielsweise als Referentin bei der Tagung „Identitätsstiftende Orte“ im Herbst 2021 über die besondere alpine Siedlungsform der Viles gesprochen. Ihr Vortrag bei der Tagung kann hier in der Mediathek des Heimatpflegeverbandes (ab Min. 18) aufgerufen werden. 

    Piccolruaz gilt auch innerhalb der Architekturstiftung Südtirol als ausgewiesene Expertin für diese spezifische Siedlungsform im Gadertal und in Livinalongo/Buchenstein. 

  • Architektin aus dem Gadertal, die sich mit den Viles auskennt: Sigrid Piccolruaz Foto: privat
  • SALTO change im Januar

    Im Januar dreht sich bei SALTO change alles um die Frage, wie Menschen Räume nutzen, gestalten und wahrnehmen – und welche gesellschaftlichen Folgen daraus entstehen. Dabei werden Themen wie Landschaftsschutz, Tradition, Tourismus und Stadtentwicklung behandelt.

    Wir berichten über aktuelle Konflikte in Südtirol, etwa touristische Übernutzung, Entwicklungen in Brixen und Bozen sowie Fragen zu öffentlichem Raum, Wohnen und Ortsidentität. Ergänzt wird dies durch Beispiele gelungener Umnutzung und Initiativen wie „HouseEurope“, die für nachhaltiges Bauen eintreten.

    Den Abschluss bildet eine SALTO Talk im Bozner Kulturwohnzimmer Carambolage am 30. Januar um 20 Uhr. Dabei geht es um die Zukunft der Stadt Bozen und die Frage, wie lebenswerter Stadtraum für alle gestaltet werden kann.

    SALTO change Partner des Monats ist der Heimatpflegeverband Südtirol, der sich intensiv mit Raumqualitäten und -nutzung beschäftigt und eine der bedeutendsten Organisationen der Südtiroler Zivilgesellschaft ist. 

  • Autarke Mikrokosmen

    „Man muss ein wenig unterscheiden zwischen dem, was die Viles historisch waren und dem, was sie heute sind, die Dinge verändern sich tiefgreifend“, beginnt Sigrid Piccolruaz die Antwort auf meine Frage nach den Eigenheiten der Viles, in der Einzahl Vila genannt, und fährt fort: „Das Gadertal wurde von oben besiedelt, die Viles sind viel älter als die Ortskerne, die wir heute als Hauptsiedlungstypologien kennen. Ich bezeichne die Viles gerne als ehemals weitgehend autarke Mikrokosmen, die früher das soziale Leben im Gadertal prägten.“

     

    „Gebäudepaare, die aus einem Wohnhaus und einem Stadel mit Stall bestehen.“

     

    Die spezifische Siedlungsform ist aus den Notwendigkeiten des Raums heraus gewachsen: „Die landwirtschaftlichen Flächen sind aus aufwendigen Rodungen in schwierigem Gelände entstanden, die Gebäude wurden raumsparend angeordnet“, erklärt Piccolruaz: „Es sind kleine Dörfer, die größenmäßig zwischen sechs und maximal zwanzig Gebäuden umfassen.“ Dabei sind es stets Gebäudepaare, die aus einem Wohnhaus und einem Stadel mit Stall bestehen. 

    Die Aufteilung der Gebäude und Flächen im Raum ist Ausdruck von Aushandlungsprozessen unter den Eigentümern, die meist Familien waren und sind: „Die Verteilung der Gebäude und der Nutzflächen im Raum lässt erkennen, dass es den Gemeinschaften darum ging, die räumlichen Ressourcen und die Qualitäten der Nutzflächen nach dem Prinzip der größtmöglichen Gerechtigkeit zu verteilen. Deshalb sind die Flächen in den Viles oft sehr kleinteilig parzelliert“, analysiert die Architektin. Der Blick auf die Katasterdaten – zum Beispiel in Casselles – zeigt, dass die Nutzflächen nicht zusammenhängen, sondern sich in kleinen Einheiten über alle Lagen und Expositionen verteilen. Offenkundig waren die Gemeinschaften an stabilen und tragfähigen – also nachhaltigen – Daseinsformen interessiert und weniger auf Konkurrenz ausgerichtet.  

  • Nachhaltige Daseinsform statt Konkurrenzdenken: Die Parzellierung der einzelnen Flächen ergab sich aus den Bemühungen um eine gerechte Verteilung. Foto: Archiv Piccolruaz
  • Gemeinschaftliche Daseinsvorsorge

    „Das gilt auch für einzelne Gebäude“, erläutert Piccolruaz: „Wenn sie geteilt wurden, dann selten einfach vom First bis zum Boden in zwei Hälften, sondern Raum für Raum wurde zugewiesen, sodass die Qualitäten und Funktionen der Räume, die in die materiellen Anteile überführt wurden, möglichst gleichwertig sind.“ Auch dieser Umstand lässt auf eine weitestgehend solidarische Organisation der gemeinschaftlichen Daseinsvorsorge in den Viles schließen. „So ist es auch bei den Nutzgärten, die alle in einer Reihe in einer qualitativ einheitlichen Lage zu finden sind und in gleiche Stücke aufgeteilt sind. 

     

    Die Vicinia ist eine Nachbarschafts- und Eigentumsgemeinschaft, die oft ungeschriebenen traditionellen Regeln unterworfen ist.   

     

    Dazu kommen Gemeinschaftsflächen und -einrichtungen, wie Erschließungen, kleine Plätze, Backöfen, Tränken, Quellen und Wasserleitungen und die traditionelle Harpfen zur Trocknung des Mähertrages. Vielerorts werden diese Gemeinschaftsflächen und -einrichtungen, zu denen auch Wälder, Almflächen oder Weiderechte oder beispielweise auch kleine Mühlen gehören in der Rechtsform der sogenannten “Vicinia„ verwaltet. Im Gegensatz zur Fraktionsverwaltung, die auch öffentlich-rechtliche Funktionen hat, ist die Vicinia eine dem Zivilrecht zuzuordnende Nachbarschafts- und Eigentumsgemeinschaft, die oft ungeschriebenen traditionellen Regeln unterworfen ist.   

    Während die Funktionalitäten in allen Viles mehr oder weniger dieselben geblieben sind, ist die Bebauungstypologie der Viles nicht einheitlich und hängt hauptsächlich von den topografischen Gegebenheiten ab. Wenn es eine Vila am Hang ist, ist sie oft in einer oder in zwei Linien angeordnet; wenn sie auf einem Schwemmkegel liegt, findet man sie fächerförmig; wenn sie in flacherem Gelände liegt, kann sie konzentrisch sein“, legt Piccolruaz dar. „Aber die Prinzipien sind immer dieselben. Zentral ist der gemeinschaftliche Raum, sei es ein Platz oder eher ein Weg. Wenn es eine lineare Viles ist, ist es eine Straße, wenn sie konzentrisch oder fächerförmig ist, sind es Plätze.“

  • Zeitgemäße Siedlungsform?

    Was sehen wir heute von den Viles und handelt es sich noch um zeitgemäße Siedlungsformen? „Der vorherrschende und heute relevante Gebäudebestand im typischen Gadertaler Stil geht in etwa bis ins späte 18. Jahrhundert zurück“, antwortet die Expertin und fasst die weitere Entwicklung zusammen: „Bis in die 1950er-/1960er-Jahre hat sich nur wenig an der Struktur der Viles und der Alltagskultur geändert und beides war landwirtschaftlich geprägt und auf Subsistenz ausgerichtet.“

     

    „Viele Gemeinschaftsflächen verkommen zu Autostellplätzen.“

     

    Dann kam der Tourismus ins Land und der schleichende Bedeutungsverlust der Berglandwirtschaft begann, sich auf die Viles auszuwirken. „Zum Glück hatten sie eine sehr niedrige Abwanderungsrate und sie bleiben weiter in intensiver Wohnnutzung bei immer weniger Landwirtschaftstätigkeit. Das hat auch mit Nebenerwerbsmöglichkeiten zu tun, die durch den Tourismus ins Tal kamen“, gibt Piccolruaz zu bedenken.

    „Natürlich wirken sich die massiven Änderungen auf die Viles aus. So verkommen beispielsweise viele Gemeinschaftsflächen zu Autostellplätzen und an die Stelle des Platzes für die Gemeinschaft sind vielerorts Manövrierflächen für landwirtschaftliche Maschinen getreten“.   

    „Die örtlichen Gemeinschaften erweisen sich als stabil und der Wille, weiterhin in den Viles zu wohnen, ist stark ausgeprägt, auch wenn die Bedeutung der Landwirtschaft weiter zurückgehen wird“, konstatiert die erfahrene Architektin. 

  • Was wird aus den Viles?

    Letzthin beobachtet Piccolruaz ein neues Phänomen: Die Viles bestehen großteils aus geschlossenen Höfen, die vermehrt von nichtbäuerlichen Käufern erworben werden. Dies treibt die Preise in die Höhe und erhöht das Spekulationsrisiko. Obwohl die Viles seit den 1980er-Jahren unter Landschaftsschutz stehen, ist bekannt, dass findige Bauwerber Mittel und Wege finden, um die großzügigen Möglichkeiten im Umgang mit Kubatur im landwirtschaftlichen Grün zu nutzen. Sigrid Piccolruaz hegt in diesem Zusammenhang Bedenken: „Das wird ein großes Problem! Wenn es innerhalb der Viles Eigentümer von Höfen gibt, die von weiß Gott woher kommen, dann verändert sich auch die soziale Struktur.“ Einschränkend fügt sie hinzu: „Einzelne Auswärtige, die sich ein Gebäude innerhalb einer Vila gekauft haben, um dort zu wohnen, hat es immer wieder gegeben und sie können auch durchaus eine Bereicherung für die örtliche Gemeinschaft sein.“

     

    „Die Einwohner sollten die Möglichkeit haben, auf den Viles zu bleiben und zeitgemäß zu bauen.“

     

    Wie sieht es mit der räumlichen Ausdehnung der Siedlungskerne aus? „Die Zersiedelung konnte bisher recht gut verhindert werden“, wendet Sigrid Piccolruaz ein und verweist auf eine andere Herausforderung: „Viel schwieriger war es, die architektonische Qualität der einzelnen Gebäude zu kontrollieren, auch weil die Bauherren verstanden haben, dass es keine Folgen hat, wenn die Auflagen und Vorschläge des Landschaftsschutzes nicht eingehalten werden. Daher finden wir Gebäude mit roten Ziegeln, wir finden Holzbauten die in den 80er/90er Jahren gelblich gestrichen wurden, und ähnliche Fehlentwicklungen. Das ist Gottseidank etwas besser geworden, ich denke, weil wir jetzt andere Modeerscheinungen haben.“ 

    Abschließend möchte ich wissen, welche Funktionen die Viles in zehn oder zwanzig Jahren haben werden. Architektin Piccolruaz denkt kurz nach: „Die Einwohner sollten die Möglichkeit haben, auf den Viles zu bleiben und zeitgemäß zu bauen. In Livinalongo gibt es auch Viles mit derselben Struktur, wo die Gemeinde Wiedergewinnungspläne erstellt hat, die es innerhalb dieser Pläne erlauben, nicht mehr genutzte landwirtschaftliche Volumen für Wohnzwecke umzunutzen. Das Gebäude muss erhalten bleiben, innen kann es umgestaltet werden, so bleibt es landschaftlich ähnlich und ich finde das korrekt.“
     
    Eine große Sorge treibt Sigrid Piccolruaz um: „Am meisten Angst macht mir der Verkauf  geschlossener Höfe, nicht des einzelnen Häuschens, das hie und da neue Bewohner findet. Wenn geschlossene Höfe verkauft werden, weil sie niemand mehr bewirtschaftet, dann kauft sie nicht ein Bauer.“

    Das ist schwer zu lösen, denke ich. Der Druck ist stark und die Leute, die ihn ausüben, sind es auch, weil sie ein mächtiges Instrument in der Hand haben: Geld.