Società | Clickday

Eltern brauchen Nerven wie Drahtseile

Die Organisation der Sommerbetreuung ist Strukturproblem und Belastungsprobe für Familien. Perspektiven einer Mutter mit Drahtseil-Nerven und von Miriam Rubino vom VKE.
Kinder, Seilziehen
Foto: Anna Samoylova/Unsplash
  • „Der Horror beginnt schon im Dezember“, so beginnt eine Mutter aus dem Burggrafenamt, die anonym bleiben möchte, ihre Beschreibung des Clickday-Schreckens. Sie hat zwei Kinder im Grund- und Mittelschulalter und wie viele Eltern in Südtirol steht sie jedes Jahr vor derselben Frage: Wie um Gottes Willen lassen sich elf Wochen Sommerferien organisieren, wenn beide Eltern arbeiten?

    Miriam Rubino, pädagogische Leitern der VKE-Ferienbetreuung, schildert, dass hinter den stressigen „Horrortagen“ für Eltern ein Strukturproblem steckt: „Der Clickday ist nicht das Problem, sondern ein Symptom“.

  • Zwei Kinder, zwei Angebote, zwei Standorte

    Besuchen die Kinder verschiedene Schulstufen, müssten Eltern in den meisten Fällen zwei verschiedene Angebote an unterschiedlichen Standorten suchen, erklärt die Mutter. Da die Betreuungen zu unterschiedlichen Zeiten beginnen können, seien auch hier hohe organisatorische Aufwände nötig, um die Kinder vor der Arbeit an ihrem jeweiligen Betreuungsort abzugeben. Bei einigen Angeboten sei das Mittagessen dabei, bei anderen müsse man es für die Kinder vorbereiten.

    Sicher, organisatorisch ist es für die Eltern kein Leichtes, ihre Kinder in den Ferien unterzubringen, das war aber wohl schon immer so. Eine tieferliegende und weitreichendere Problematik, die der Clickday sichtbar macht, ist die Knappheit des Angebots. Eine Knappheit, die dazu führt, dass sich die Eltern mit Nachbarn und Verwandten absprechen, um sich parallel bei den Clickday-Terminen einzuklicken, womit sie ihre Chancen erhöhen, dass zumindest einer der Miteinbezogenen Erfolg beim Einklicken hat und einen Betreuungsplatz ergattert. 

     

    „Um Punkt 19 Uhr musst du dich einklicken und um 19:05 Uhr ist bereits alles voll!“ 

     

    Sie erzählt vom Clickday vom Verein Haus der Familie, an dem sich die Familie bereits mehrere Male beteiligte: „Um Punkt 19 Uhr musst du dich einklicken und um 19:05 Uhr ist bereits alles voll. Da heißt es Konzentration, dass man ja das richtige Angebot auswählt!“ Zudem spreche man nicht von dem einen Clickday, denn die meisten Trägerorganisationen haben eigene Clickdays zu verschiedenen Daten, die teilweise erst im Jänner bekannt werden und nachzurecherchieren sind, und so ist dies auch manchmal mit den Aktivitäten-Programmen.

    Auch die Preisschere gehe weit auseinander: „Mit mehr Geld, gehen mehr Möglichkeiten einher. Die Angebote unterscheiden sich in Aktivitäten, aber auch in Länge und Abdeckung“, erzählt die Mutter. Die Mutter beschreibt sich selbst als privilegiert. Sie habe einen guten Job, ein funktionierendes Netzwerk, sechs Wochen Urlaub. Ihr Mann hat drei. „Viele finden sich hier mit anderen Situationen konfrontiert. Und auch für meine Familie bleiben mehrere Wochen, die irgendwie überbrückt werden müssen“, erklärt sie.

     

    „Es ist ein Irrgarten der Traurigkeit.“

     

    Infrage würden auch die sozialen Dynamiken stehen, die dieses System zutage fördere: „Das System erzeugt Konkurrenz unter den Eltern, schürt Konfliktpotenzial innerhalb der Familie, geschweige denn, dass die individuellen Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden können“. Weiters schildert sie: „Ich kann mich noch erinnern, wie Eltern sich gegenseitig überredet haben, die Dreijährigen am selben Ort einzuschreiben. Und wenn die andere Familie des Kindes nicht reinkommt, dann ist mein Kind drei Wochen ganztags an einem völlig neuen Ort mit fremden Leuten.“

    Sie unterstreicht: „Es ist ein Irrgarten der Traurigkeit.“ Alles laufe digital, anonym, ohne persönliche Begleitung. Wer schnell, gut vernetzt und technisch versiert sei, komme weiter. Wer das nicht könne, bleibe zurück.

  • Perspektive des VKE

    Dass der Clickday selbst nicht das eigentliche Problem ist, bestätigt Miriam Rubino vom VKE. „Der Clickday ist ein Symptom eines strukturellen Problems“, sagt sie. Dennoch macht es Eindruck, dass die Betreuungsplätze umkämpfter zu sein scheinen, als Karten für ein AC/DC-Konzert. Auch sie erzählt, dass am 26. Jänner, um 8 Uhr morgens, das Angebot des VKE in Bozen online ging … um 8:04 Uhr waren alle Plätze weggeklickt. „Das zeigt einfach, wie groß die Nachfrage ist und wie begrenzt das Angebot“, so Rubino. 

    Im Dezember erklärte Landesrätin Rosmarie Pamer im Interview mit SALTO, dass das Land den Gemeinden empfohlen habe, von den Clickdays als Einschreibemodalität abzusehen. Landesweite Angebote, wie jene des VKE oder des „Haus der Familie“ könnten nicht beeinflusst werden.

    Am 26. Jänner erklärte Rubino: „Wir haben heute mit den Anmeldungen begonnen, da wir von der Gemeinde Bozen aufgefordert wurden, vor dem ersten Februar mit den Anmeldungen zu beginnen. Wir versuchen stets, den Anforderungen der Gemeindebehörden nachzukommen.“

     

    „Das ist eine strukturelle Aufgabe und man muss damit anfangen, zu bedenken, dass Eltern und Großeltern nicht mehr zuhause sind.“

     

    Gleichzeitig stehe man als Trägerorganisation in Sachen Sommerbetreuung vor einer unmöglichen Aufgabe, erklärt Rubino: „Wir möchten alle Familien glücklich machen, aber das Angebot reicht nicht aus, um der extrem großen Nachfrage zu begegnen“. Im Laufe ihrer zehnjährigen Karriere beim VKE bemerkt Rubino, dass sich die „Nachfrage vor allem in den letzten Jahren akut zugespitzt hat“. Bei Projekten, wie der Kinderstadt „MiniBZ“ mussten die Plätze von 250 auf 900 Plätze aufgestockt werden, und das reiche noch immer nicht.

    Für sie ist klar, dass private Vereine diese Lücke nicht schließen können. „Die Sommerferien dauern zwölf Wochen. Das ist eine strukturelle Aufgabe und man muss damit anfangen, zu bedenken, dass Eltern und Großeltern nicht mehr zuhause sind. Vor allem in den Bereichen Kindergärten und Schulen müssen hier Lösungen gesucht werden“, betont Rubino.

    Der Clickday sei dabei für sie nicht das zentrale Problem, denn das würde das tieferliegende Strukturproblem herunterspielen. Rubino wolle den Stress der Eltern an den Clickdays nicht minimieren, aber das Problem sei, dass von der öffentlichen Hand noch keine angemessenen Lösungen gefunden wurden, um eine flächendeckende Sommerbetreuung zu ermöglichen.