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Ein Jahr voller „PLUS“

Vom Speed-Dating bis zum Bühnenkampf: Die Initiative PLUS der Vereinigten Bühnen Bozen feierte ihren ersten Geburtstag. Ein Rückblick auf ein Jahr gelebte Diversität.
1 Jahr VBB Plus Vereinigte Bühnen Bozen
Foto: Vereinigte Bühnen Bozen
  • Vor genau einem Jahr traten die Vereinigten Bühnen Bozen (VBB) mit einer neuen Vision an: Den klassischen „Theaterfreund“ zu entstauben und durch eine offene, diverse Community zu ersetzen. Nun feierte „PLUS“ seinen ersten Geburtstag. Ein Rückblick auf ein Jahr voller Speed-Dating, Kampfchoreografien und der Erkenntnis, dass 25 Euro viel mehr sein können als nur ein Mitgliedsbeitrag.

    Wer Katharina Hiller aus dem Künstlerischen Betriebsbüro und Vorstandsmitglied Tanja Pichler kurz vor dem „Geburtstags-Aperitivo“ im Stadttheater begegnet, dem sticht sofort das Strahlen der beiden Frauen ins Auge. Es ist eine Begeisterung, die ansteckt – das Leuchten von Menschen, die eine Idee nicht nur verwalten, sondern mit Leidenschaft leben. „Eigentlich sind wir schon ein bisschen über ein Jahr alt“, lacht Katharina Hiller. „Aber die Idee wurde natürlich schon viel früher geboren.“

     

    „Wir wollten diesen Freundeskreis einfach ein bisschen entstauben“

     

    Der Weg von den traditionsreichen „Theaterfreunden VBB“ hin zu „PLUS“ war kein bloßes Umetikettieren. Es war eine Neuausrichtung mit dem Ziel, Barrieren abzubauen. „Wir wollten diesen Freundeskreis einfach ein bisschen entstauben“, erklärt Tanja Pichler. „Wir suchten einen Namen, der für Öffnung steht, für Mehrsprachigkeit und Diversität. Das Wort ‚Plus‘ hat sofort überzeugt. Es steht für Mehrwert in jederlei Hinsicht.“

  • Tanja Pichler und Katharina Hiller: Foto: SALTO
  • Der Startschuss fiel am 10. Februar 2025 mit einem Event, das so gar nicht nach steifem Theater-Empfang klang: Speed-Dating mit dem Theater. „Es waren etwa 120 bis 130 Leute da“, erinnert sich Hiller. „An verschiedenen Stationen konnten die Gäste die Abteilungen kennenlernen – von der Technik über die Disposition bis hin zum Betriebsbüro. Wir wollten zeigen: Theater ist viel mehr als nur die Bühne und die Vorstellung. Da stecken Berufe dahinter, die man als Zuschauerin und Zuschauer oft gar nicht auf dem Schirm hat.“

     

    „Wir haben den ehemaligen Freundeskreis absorbiert“

     

    Das Konzept ging auf. Heute, ein Jahr später, zählt die Community fast 130 „Plus-Menschen“. Ein Erfolg, der sich auch in der Struktur der Gemeinschaft widerspiegelt. Die Sorge, man könnte die treuen Seelen des alten Freundeskreises verlieren, erwies sich als unbegründet. „Wir haben den ehemaligen Freundeskreis absorbiert“, sagt Pichler. „Es sind Menschen dabei, die schon seit Jahrzehnten treu sind, aber eben auch ganz junge Leute. Von klein bis groß, vom Mittelalter bis ins hohe Alter – alles ist dabei.“ Besonders positiv: Die Gruppen vermischen sich. Aus Plus-Personen wurden Abonnenten und umgekehrt.

  • „Wir haben den ehemaligen Freundeskreis absorbiert“: Foto: Armin Indio Mair
  • Masterclasses und Kampfchoreografien

    Was bekommt man für einen Jahresbeitrag von 25 Euro? Die Bilanz des ersten Jahres ist beachtlich. Neun Events wurden gestemmt – von Probenbesuchen („Sneak plus Peek“) über Künstlergespräche bis hin zu Workshops. Ein Highlight war die „Master plus Class“ mit einer Kampfchoreografin. „Vier Stunden lang haben die Plus-Menschen gelernt, wie man auf der Bühne kämpft“, erzählt Hiller sichtlich stolz. „Wenn man das für einen Beitrag von 25 Euro erleben kann, ist das absolut super.“ Doch „PLUS“ bleibt nicht innerhalb der Theatermauern. Das Format „In plus Outside“ führt die Community hinaus in die Stadt – ins Museion, in lokale Treffpunkte oder auf Theaterfahrten. „Wir sehen uns als Brückenbauer“, erklärt Tanja Pichler. „Wir öffnen uns für die Gesellschaft und wünschen uns, dass man uns hineinlässt. Wenn wir außerhalb des Theaters Events machen, treffen wir Plus-Personen und Menschen, die vielleicht noch nie Kontakt zu den VBB hatten.“

  • Hintergrund: Die VBB-Community

    PLUS ist das offene Netzwerk der Vereinigten Bühnen Bozen für Austausch und Diversität. Für einen Jahresbeitrag von 25 Euro erhalten Plus-Personen exklusive Einblicke hinter die Kulissen. Die Benefits umfassen etwa Probenbesuche (Sneak plus Peek), Künstlergespräche (Meet plus Greet), Fach-Workshops (Master plus Class) oder Kooperationen mit Partnern wie dem Museion. Die Community lebt von der Offenheit: Plus-Menschen können zu Events jederzeit ein weiteres „Plus“ (Begleitperson) mitbringen.

    Anmeldung & Infos: 

  • Ein Statement gegen die Verpflichtung

    Im Gespräch wird deutlich: Den Initiatorinnen geht es um mehr als nur Publikumsbindung. Es geht um eine gesellschaftliche Vision. Pichler betont den solidarischen Charakter des Beitrags „Oft höre ich: ‚Für Plus habe ich keine Zeit.‘ Aber es soll keine Verpflichtung sein. Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er mal nicht kommen kann.“

     

    Es geht um eine Community, die sich solidarisch verhält.

     

    Vielmehr sei der Beitrag ein Zeichen der Unterstützung für die Kulturlandschaft. „Es hat einen Wert, sagen zu können: Wir sind viele. Es geht um eine Community, die sich solidarisch verhält.“ Das gilt auch für die Inklusion. Obwohl die VBB primär deutschsprachig produzieren, soll „PLUS“ Sprachbarrieren schleifen. „Viele wissen gar nicht, dass wir Untertitel haben“, so Hiller. „Über ‚PLUS‘ kommen die Leute ins Haus, und wenn sie erst mal drinsitzen, merken sie: Theater ist Sehen, Hören, Fühlen. Die Sprache ist dann oft gar nicht mehr das größte Hindernis.“

  • Intendant Rudolf Frey, Vorstandsmitglied Tanja Pichler, Präsidentin Judith Gögele und Kulturlandesrat Philipp Achammer: Foto: Vereinigte Bühnen Bozen
  • Die Bedeutung dieses Community-Projekts zeigte sich auch bei der kleinen Feier am Donnerstag, den 26. Februar. In festlichem, aber lockerem Rahmen blickten die Verantwortlichen auf das erste Jahr zurück. Unter den Gratulanten fanden sich neben zahlreichen Plus-Menschen auch Kulturlandesrat Philipp Achammer, VBB-Intendant Rudolf Frey und Präsidentin Judith Gögele ein, um den Erfolg dieser neuen Form der Theater-Teilhabe zu würdigten. Und die Pläne für das zweite Jahr sind bereits geschmiedet. Auf dem Programm stehen beispielsweise schon nächste Woche ein Besuch im Dormizil sowie später eine ‚Master plus Class‘ mit Regisseur Peter Lorenz zur Mini-Stückentwicklung gemeinsam mit den Plus-Personen. Im April wird es unter anderem kulinarisch: Lukas Lobis wird für die Community beim ‚Meet plus Greet‘ des Operettenensembles (Im weissen Rössl) Kaiserschmarrn kochen.„

     

    Zusammenhalt statt Trennung.

     

    Am Ende des Gesprächs bleibt ein Satz von Tanja Pichler hängen, der die Philosophie des Projekts auf den Punkt bringt “Wenn wir aufeinander schauen, dann können wir viel mehr erreichen. Das ist die Vision: Zusammenhalt statt Trennung." Ein sympathischerer Grund, Teil der Plus-Menschen zu werden, lässt sich wohl kaum finden.