Palcoscenico | Theater

Die zwei Möglichkeiten der Menschheit

Der Schriftsteller Erich Kästner hätte heute Geburtstag. Seine Geschichte rund um Fabian feierte am Samstag Premiere. Zwei Gründe zum Feiern? Ja!
Fabian
Foto: Nikolaus Ostermann
  • Wie sich über Wasser halten? Wann mit und wann gegen den Strom schwimmen? Das heutige Geburtstagskind, der Schriftsteller Erich Kästner (1899–1974), schildert in seinem Roman Fabian das Überleben innerhalb einer scheinbar verrückt gewordenen Gesellschaft im Berlin des Jahres 1928. Hauptprotagonist ist Jakob Fabian, der sich in der aktuellen Inszenierung der Vereinigten Bühnen Bozen entweder passend im Kreis dreht oder sich in (s)einer Kapsel bewegt – mit ihm seine Geschichten und Freunde. Bis er abspringt.
     

    Bevor Sie mich erwürgen, wollte ich eigentlich noch einen Brief an meine Mama schreiben. 
    [Jakob Fabian]

  • Foto: Nikolaus Ostermann
  • Es ist nicht der originale Fabian, der in Bozen zu sehen ist. Es ist der anscheinend originellere. Nälich jener, der unter dem Titel Der Gang vor die Hunde erst seit wenigen Jahren bekannt und vom Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek – er stellte 2024 auch die Kästner-Biografie im Burggrafenamt vor – ausgegraben wurde. „Dem Erstlektor waren einige Passagen zu heiß: zu explizit sexuell, in einem Teilkapitel sicher auch zu politisch“, erzählte Hanuschek gegenüber SALTO und der Zeitschrift Kulturelemente kurz vor der Erstveröffentlichung von Der Gang vor die Hunde. „Das ursprüngliche Typoskript hat sich im Nachlass Kästners erhalten. Ein Text, der den jungen, frechen, manchmal übermütigen Kästner zeigt, eine reine Freude.“ Die „Neuauflage“ von Kästners Fabian wurde zum Bestseller, erlebte 2021 eine kongeniale Kinoverfilmung und ist nun bis 1. März auf der großen Bühne des Stadttheaters in Bozen zu sehen.

  • Foto: Nikolaus Ostermann

    Am 10. Mai 1933 wurden auf dem Berliner Opernplatz und in weiteren deutschen Universitätsstädten Zehntausende Werke öffentlich verbrannt – auch der Roman Fabian von Erich Kästner. Der Autor schaute sogar zu. Nur wenige Wochen zuvor war er mit einer Liebschaft in Meran gewesen, wo er „ausgiebig Tennis gespielt“ hatte und sogar für ein Foto am Vigiljoch posierte. Sein Verhalten während des Nationalsozialismus ist umstritten. Das Kriegesende erlebte Kästner im Mayrhofen in Tirol, bei einem Fake-Filmdreh. Die Geschichte dazu erzählt er in Notabene 45 (in der Erstauflage sogar mit Karikaturen von Paul Flora)

    Als Beobachter seiner Zeit lässt Kästner die Hauptfigut Jakob Fabian analysieren, kritisieren und moralisieren, aber er handelt nicht wirklich. Und gerade das wird ihm zum Verhängnis. Das Motiv des Schwimmens steht im Stück am Anfang und am Ende, als Fabian nämlich versucht, einen Jungen, der ins Wasser gefallen ist, zu retten – obwohl er selbst gar nicht schwimmen kann. Dabei ertrinkt Jakob Fabian und stirbt aus einem spontanen, guten Impuls heraus. Gerade er, der Moralist, der die Gesellschaft kritisierte, scheitert an einer ganz konkreten, praktischen Fähigkeit.

    Die Inszenierung in Bozen beginnt mit einem Fährmann der Toten, einem Charon (Fabian Mair Mitterer). Mit seinen Flügeln schwebt er mit, und manchmal glaubt man, einen der Engel aus dem Film Himmel über Berlin von Wim Wenders zu sehen. Er übernimmt, wie auch viele andere der Schauspielerinnen und Schauspieler, weitere Rollen, wechselt andauernd Kostüm, Perücke, Geschlecht und Rolle. 

  • Foto: Nikolaus Ostermann
  • In den ersten 40 Minuten entfaltet das Stück (wie schon das Buch) eine regelrechte Sogwirkung, die Bühne dreht sich, es wird getanzt, Dauerbeschallung aus den Boxen. Nachdem Jakob Fabian (Lukas Spisser) von seinem Chef gefragt wird: „Sie haben einen Nebenberuf? Dacht ich mir’s! Was tun Sie denn?“, meint der Angesprochene, sich zum Nebenjob bekennend: „Ich lebe.“ 

    Auf der Bühne wird gefeiert, es gibt Songs zur Befindlichkeit der Gemüter und immer wieder Hinweise, die vor einem Jahrhundert geschrieben wurden, aber oft pfeilgerade ins Heute und nach Bozen passen. Etwa in der Kaufhausszene am Rande, wenn es heißt: „Kaufhäuser sind, obwohl das gar nicht in ihrer Absicht liegt, außerordentlich geeignet, Leuten, die kein Geld und keinen Schirm haben, Unterkunft und Unterhaltung zu bieten.“

    Oder auch dann, wenn der hustende Erfinder (Peter Schorn) auftaucht und als Tech-Bro sein Geld mit Textilmaschinen macht. Untertaucht und zuschaut wie die Welt zugrunde geht. „In meinem Haus am Starnberger See gelte ich als ‚verschollen‘. Hier laufe ich wie ein Strolch durch die Stadt.“ Peter Schorn gibt auch einige weitere Akteure und Akteurinnen, so auch den Beamten Fischer von der Concordia Tabak-Werbeabteilung – eigentlich eine mehr als nebensächliche Nebenfigur, der es aber gelingt sich glänzend in den Mittelpunkt zu telefonieren. 
     

    Wer Optimist ist, soll verzweifeln. Ich bin ein Melancholiker, mir kann nicht viel passieren.
    [Jakob Fabian]

  • Foto: Nikolaus Ostermann

    Pippa Galli gibt die Erzählerin, singt die Songs und spielt die große Liebe von Fabian, zieht dann aber Geld und Ruhm dem später arbeitslosen Fabian vor. „Ich bin kein Engel, mein Herr“, meint sie beim Kennenlernen zu Fabian, „unsere Zeit ist mit den Engeln böse.“

    Die Kuppel ist dem Berliner Fernsehturm nachempfunden. Sie öffnet und schließt sich und zeigt, wie die immer offener werdende Gesellschaft sich verschließt, sich einigelt, während rundherum der autoritäre Faschismus sich ausbreitet. Den wird Fabians Freund, der reiche Labude (Bernd-Christian Althoff), gar nicht mehr erleben, denn er scheidet – nachdem ihn seine Freundin verlassen hat und sein wissenschaftlicher Abschluss „scheinbar“ danebengegangen ist – frühzeitig aus dem Leben. „Die Vernünftigen werden nicht an die Macht kommen“, sagt Fabian einmal zu seinem Freund. „Aber sollten sie es nicht trotzdem wagen...“, entgegnet dieser. Die liebestolle Irene Moll (Katja Uffelmann) würde alles für Jakob Fabians Liebesgunst tun, aber sie kämpft umsonst. „Frauen, wir brauchen Männerbordelle!“, ist sie überzeugt. Robin Rohrmann spielt den Soldaten, allerhand mehr und kümmert sich um die Choreografie. Die Live-Musik kommt von Agatha, die Bühne von Ece Anis Kollinger, die Kostüme von Aleksandra Kica, das Licht von Nikos Vlasopoulos. Das ist alles sehr stimmig und passt in den Rahmen der unstimmigen Zeitverhältnisse.

    Das Stück unter der Regie von Sarantos Georgios Zervoulakos – er führte bereits Regie bei Vor Sonnenaufgang – dreht am Rad der Geschichte. Und er zieht immer wieder die Notbremse. Dann entstehen im hektischen Großstadtleben wunderbare Momentaufnahmen, für die es – aus welchen Gründen auch immer – zu spät oder zu früh ist. Fabian oder Der Gang vor die Hunde ist – schade, dass die Vorstellungen für Schülerinnen und Schüler nicht stattfinden können – ein Muss für Schwimmer und Nichtschwimmer. Kästner zeichnet darin ein Bild der Ohnmacht, während vor der Kuppel Diktatur und Faschismus heraufziehen. Es ist ein Zeitdokument, erschreckend aktuell und mit einer würdig gelungenen Umsetzung, sich in den Untergang tanzend, mitschwimmend untergehen.

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