Kultur | Gastbeitrag

„Waldheim war kein Nazi, nur sein Pferd“

Historiker Lorenzo Vianini widerspricht Altlandeshauptmann Durnwalder und zeigt erneut, wie Opferthesen Österreichs (und Südtirols) NS-Vergangenheit verdecken – bis heute.
Waldheim-Pferd
Foto: wienmuseum.at
  • Durnwalder ha ragione: Waldheim non era nazista, solo il suo cavallo!” Die Geschichte ist alt und bekannt. Am 14. Juni 1986, einen Monat vor der Inauguration Kurt Waldheims Mandat als Bundespräsident der Republik Österreich, kommentierte der SPÖ-Bundeskanzler Fred Sinowatz: «Nehmen wir also zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd.» Seit Monaten stand Waldheim wegen seine Verstrickungen in den Nationalsozialismus im Zentrum massiver Kritik. Nicht selten schwankten Wadheims Antworten zwischen Fantasie und Unanständigkeiten: Um jeden Verdacht von sich zu weisen, erklärte der Diplomatiker in einem Interview mit dem Spiegel im April 1986, er sei schon Mitglied des NS-Reiterkorps, einer Unterorganisation der SA, gewesen, aber in Wirklichkeit hatte er lediglich „mitgeritten“.

  • Der Autor

    Lorenzo Vianini ist Zeithistoriker: sein Schwerpunkt liegt auf die Erinnerungskultur(en) Südtirols. Er promovierte mit einer Dissertation über den lokalen "Calendario Civile" (1945-1975) und beschäftigte sich zuvor mit der Erinnerung an die Via Rasella. Derzeit arbeitet er am Projekt "HISTONA" des Zentrums für Regionalgeschichte mit.

    Foto: Universität Graz
  • An diese Episode erinnerte mich ein Kollege, als ich ihm erzähle, dass Luis Durnwalder gerade in einer Podiumsdiskussion erklärt hat, dass „Österreich nie etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte“. Diese Aussage war offenkundig eine Reaktion auf die vorangegangenen Vorträge – sowohl des Autors als auch von Historiker Michael Gehler –, die sich mit dem selektiven Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit beschäftigt hatten. Die Worte Durnwalders sind nicht nur ein Relikt der Geschichte, sondern sie sind auch typisch für diese Beziehung, die heute als „Opferthese“ bezeichnet wurde, und zeigt die Persistenz dieses erinnerungspolitischen Musters.

  • Vor Waldheim gab es nur ein Opfer: Österreich

    Vor der öffentlichen Auseinandersetzung über den ehemaligen Oberleutnant der Wehrmacht, österreichischen Diplomaten, UNO-Generalsekretär und Kandidaten für die Bundespräsidentschaft Kurt Waldheim fehlte es in Österreich an einer angemessenen Form des Umgangs mit der NS-Vergangenheit. Bis weit in die 80er Jahre war das offizielle Selbstverständnis und -darstellung Österreich von der Opferthese bzw. Opferdoktrin geprägt. Österreich sei das „erste Opfer des Nationalsozialismus“ gewesen, da es im März 1938 gewaltsam angeschlossen und erst im April/Mai 1945 durch die österreichischen Widerstand und die Alliierten befreit worden ist.

  • Kurt Waldheim, Diplomat und Politiker: von 1968 bis 1970 Österreichs Außenminister, von 1972 bis 1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen und von 1986 bis 1992 Bundespräsident Österreichs. Foto: Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau/Wikimedia
  • Diese Sichtweise fand einen frühen Ausdruck in einer Rede des Bundeskanzlers Leopold Figl am 19. August 1945.: „Sieben Jahre schmachtete das österreichische Volk unter dem Hitlerbarbarismus. Sieben Jahre wurde das österreichische Volk unterjocht und unterdrückt, kein freies Wort der Meinung, kein Bekenntnis zu einer Idee war möglich, brutaler Terror und Gewalt zwangen die Menschen zu blindem Untertanentum.“ So wird die Gründungsideologie des neuen österreichischen Staates in ihrer ersten antifaschistischen Variante umrissen, schreibt Heidemarie Uhl. Die Jahre 1938 bis 1945 wurden nur als Fremdherrschaft beschrieben und somit wurde jede Mitverantwortung ausgeblendet.

    Zentral in dieser Argumentation war die (instrumentelle) Berufung Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943: Österreich sei „das erste freie Land, das der Hitlerschen Aggression zum Opfer gefallen ist“. Diese Passage wurde in der Nachkriegszeit systematisch herangezogen, um den Opferstatus politisch und diplomatisch zu legitimieren.

  • Österreich präsentierte sich hingegen als „erstes Opfer“, als „besetztes Land“, ungeachtet des hohen Anteils österreichischer NationalsozialistInnen – 1942 waren rund 688.000 Personen bzw. 8,2 Prozent der Gesamtbevölkerung Mitglieder der NSDAP –, der Vertreibung von rund 120.000 und der Ermordung von rund 65.000 österreichischen Juden, und ungeachtet der führenden Rolle von Österreichern innerhalb des nazistischen Besatzungs- und Terrorapparats: Ernst Kaltenbrunner, ab 1943 „zweiter Mann“ des SS-Apparats nach Himmler, Adolf Eichmann und eine ganze Reihe von aus Österreich stammenden Organisatoren der „Endlösung“ wie Odilo Globocnik, verantwortlich für die „Aktion Reinhard“ (1,9 bis 2,2 Millionen jüdische Opfer) und Franz Stangl, Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka – sie wurden als Deutsche, nicht als Österreicher wahrgenommen (Uhl, 2001, p. 22)

  • Die Externalisierung jeder Schuld durch den Opferstatus diente mehreren Zwecken. Aus diesem Grund hat Gehler in seinem Vortrag klargestellt, dass es sich nicht bloß um eine „Opferthese” handelte, sondern um eine echte „Opferdoktrin”. Es handelte sich also nicht nur um ein Deutungsmuster, um sich zu entlasten, sondern um ein politisches Instrument, das sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene eingesetzt werden konnte. Auf dieser Grundlage entwickelte sich eine doppelte Strategie, die Anton Pelinka als double speak definiert hat. Nach außen hin ermöglichte es die Selbstdefinition als „erstes Opfer“, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verurteilen und zugleich den eigenen Widerstand hervorzuheben. Nach innen richtete sich der Diskurs an die eigene Bevölkerung: Schuld wurde auf wenige Kollaborateure begrenzt und „Deutsche“ und „Österreicher“ wurden klar voneinander getrennt. Große Teile der Gesellschaft konnten so schnell entlasten werden – ein nicht zu unterschätzender wahlpolitischer Vorteil – und gleichzeitig wurden die Argumente für den künftigen Staatsvertrag bekräftigt.

    Es handelt sich also nicht nur um einen Mythos oder eine Theorie, sondern um einen funktionalen Mechanismus staatlicher Gedächtnissteuerung. Es war also einen nicht-simultanen Diskurs oder, mit anderen Worten: Österreich sagte nach außen nicht dasselbe wie nach innen – ohne formell zu lügen. Der Konflikt zwischen internationalen moralischen Erwartungen und innerem Konsens konnte so vermieden werden.

  • Foto: journals.openedition.org
  • In diesem Sinne agierte auch Bruno Kreisky, sowohl als Diplomat als auch später als Politiker wie der Autor in seinem Vortrag kurz hingewiesen hat. Als erster (und einziger) Kanzler mit Erfahrungen im Exil hatte er dennoch beschlossen, ebenso wie seine Kollegen Gorbach und Figl, die hingegen in Konzentrationslagern interniert worden waren, diese Doktrin zu unterstützen, wenn auch mit unterschiedlichen politischen Zielen.

    Der innere Widerspruch dieser Narration wurde 1986 dann offen sichtbar. Mitten im Streit erklärte Waldheim tatsächlich: „Ich habe im Krieg nichts anderes getan als Hunderttausende andere Österreicher, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt“ (09.03.1986). Diese Worte stellten seine eigenen Argumente in Frage und untergruben die Darstellung des Opfers. Wenn Hunderttausende Österreicher „pflichtgemäß“ in der Wehrmacht gedient hatten, dann war Österreich nicht nur Opfer, sondern Mittäter.

    Waldheim wurde jedoch zum Bundespräsident gewählt, aber die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit blieb eine Zäsur, die den Bruch des traditionellen Geschichtsbildes Österreichs auslöste – Auch wenn diese Einsicht bis heute nicht von allen geteilt wird, wie der Aufstieg der FPÖ unter Jörg Haider zeigte und die nachfolgenden Entwicklungen bis zum heutigen Tage.

    Waldheim selbst musste in einem Fernsehinterview am Vorabend des 50. Jahrestags des Anschlusses am 12. März 1988 zugeben: 

  • „Der Holocaust ist eine der größten Tragödien der Weltgeschichte, Millionen jüdischer Menschen wurden in den KZ’s [sic!] vernichtet. Diese Verbrechen sind durch nichts zu erklären und durch nichts zu entschuldigen. Ich verneige mich in tiefem Respekt vor diesen Opfern, die uns stets Mahnung und Auftrag sein müssen. [...] Wir dürfen nicht vergessen, daß viele der ärgsten Schergen des Nationalsozialismus Österreicher waren. Es gab Österreicher, die Opfer, und andere, die Täter waren. Erwecken wir nicht den Eindruck, als hätten wir damit nichts zu tun. Selbstverständlich gibt es keine Kollektivschuld, trotzdem möchte ich mich als Staatsoberhaupt der Republik Österreich für jene Verbrechen entschuldigen, die von Österreichern im Zeichen des Nationalsozialismus begangen wurden.“ (Zitat aus Gehler 1997, S. 380)

  • 1986 als Wendepunkt: die Grenzen des Landes

    Die Wahl Waldheims führte somit zu ersten Rissen in der Opferdoktrin und zum Zerstörung des goldenes Mythos von Österreich als „Insel der Seligen“. Diese österreichische Entwicklung ist auch für Südtirol von Bedeutung, wo einer Art „Historikerstreit“ jedoch erst später eintraf. Seitdem sind fast vierzig Jahre vergangen, doch Durnwalder vertritt nach wie vor eine historiografisch überholte Theorie: Dies hängt mit der Sichtweise auf die Geschichte zusammen, die die Südtiroler lange Zeit gepflegt haben.

     

    Auf Grund dieser Opferthesen scheiterten die Entfaschisierung und die Entnazifizierung. 1945 bedeutete keinen Bruch, keine Stunde Null. 

     

    Wie in Österreich wurde auch in Südtirol schnell auf eine Opfernarrative zurückgriffen. Die lokale Widerstand gegen den Nationalsozialismus trat rasch in den Hintergrund, als der Einheitsgedanken des Kanonikus Michael Gampers (und so der SVP) sich durchsetze. Während die „Italiener“ in Südtirol sich selbst auf Grund der zwanzig Monaten Besatzung und Operationszone Alpenvorland als Opfer darstellten, sprach sich die deutschsprachige Bevölkerung selbst eine Generalabsolution zu – gestützt auf das Leid unterm Beil. Auf Grund dieser Opferthesen scheiterten die Entfaschisierung und die Entnazifizierung. 1945 bedeutete keinen Bruch, keine Stunde Null. 

  • „Der objektiv richtige Tatbestand, daß die Südtiroler Minderheit ein Opfer des Hitler-Mussolini-Abkommens war, wurde unzulässig verallgemeinert; es wurden solcherart auch jene in die großmütige Generalabsolution einbezogen, die den Nazismus auch in seinen verbrecherischen Formen bejahen […]. Einer Gewissenserforschung über die Zeit 1939 und 1945 meinten sich viele Deutschlandoptanten um so eher entziehen zu dürften, als ja auch im faschistischen Lager vielfach nicht mehr als ein Wechsel von Hemd und Wappen stattgefunden hat.“ (Gatterer 1968, s. 876 f.)

  • Auf die Marginalisierung des lokalen Widerstands folgte der Aufstieg der Wehrmachtsgeneration. Symbolisch dafür stand die politische „Doppelspitze“ – Landeshauptmann Silvius Magnago und Kulturlandesrat Anton Zelger – sowie die Leitung der „Dolomiten“ von Josef Rampold. Die Frage der Beteiligung der Südtiroler an beiden Regimes blieb also lange Zeit unbeachtet, auch nach der Veröffentlichung von Gatterers „Im Kampf gegen Rom“ und Steurers „Südtirol zwischen Rom und Berlin“.

    Erst das annus mirabilis 1986, wie es Hans Heiss nennt, brachte mehreren Aufbrüche. In Deutschland, Österreich und Italien entbrannten die Historikerstreite – die Kontroversen um Nolte, Waldheim und De Felice. Gleichzeitig erschien die Ausgabe der sturzflüge „Juden in Tirol“, die den Antisemitismus in Südtirol thematisierte und auf die kontroverse Benennung des wissenschaftlichen Gymnasiums in Bozen nach Raimund von Klebelsberg zu sprechen kam. In den folgenden zwei Jahren wurde zunächst an der Universität Innsbruck, dann im Tiroler Geschichtsverein über Regionalgeschichte diskutiert: So entstand die Idee einer Optionsausstellung, die einen erinnerungspolitischen Durchbruch markierte.

  • Foto: web
  • Option-Heimat-Opzioni, so hieß es, fiel mit einem Generationenwechsel in der Politik zusammen. Magnago und Zelger, die für die bisherigen Kulturpolitik verantwortlich waren, traten zurück und 1988 wurde Luis Durnwalder zum Landeshauptmann. Als Zeichen der Erneuerung nimmt er an der Ausstellungseröffnung teil und förderte, dass der „Mantel des Schweigens“ über die Jahre 1939-1945 endlich aufgehoben wurde. 

    Und doch, trotz vieler anderer Fortschritte in Forschung, Gesellschaft und Politik selbst (nicht zuletzt dank des Stil- und Tonwechsels von Arno Kompatscher), verteidigt und verbreitet Durnwalder dreißig Jahre später erneut die Opferthese. Es handelt sich nicht nur um eine etwas nicht nur eine marginale oder altersbedingte Entgleisung, sondern um ein weiteres besorgniserregendes Zeichen dafür, dass der Schatten der Vergangenheit auf die Gegenwart noch dunkel – schwarz, ja sogar braun – ist.