„Waldheim war kein Nazi, nur sein Pferd“
-
“Durnwalder ha ragione: Waldheim non era nazista, solo il suo cavallo!” Die Geschichte ist alt und bekannt. Am 14. Juni 1986, einen Monat vor der Inauguration Kurt Waldheims Mandat als Bundespräsident der Republik Österreich, kommentierte der SPÖ-Bundeskanzler Fred Sinowatz: «Nehmen wir also zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd.» Seit Monaten stand Waldheim wegen seine Verstrickungen in den Nationalsozialismus im Zentrum massiver Kritik. Nicht selten schwankten Wadheims Antworten zwischen Fantasie und Unanständigkeiten: Um jeden Verdacht von sich zu weisen, erklärte der Diplomatiker in einem Interview mit dem Spiegel im April 1986, er sei schon Mitglied des NS-Reiterkorps, einer Unterorganisation der SA, gewesen, aber in Wirklichkeit hatte er lediglich „mitgeritten“.
-
Der Autor
Lorenzo Vianini ist Zeithistoriker: sein Schwerpunkt liegt auf die Erinnerungskultur(en) Südtirols. Er promovierte mit einer Dissertation über den lokalen "Calendario Civile" (1945-1975) und beschäftigte sich zuvor mit der Erinnerung an die Via Rasella. Derzeit arbeitet er am Projekt "HISTONA" des Zentrums für Regionalgeschichte mit.
Foto: Universität Graz -
An diese Episode erinnerte mich ein Kollege, als ich ihm erzähle, dass Luis Durnwalder gerade in einer Podiumsdiskussion erklärt hat, dass „Österreich nie etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte“. Diese Aussage war offenkundig eine Reaktion auf die vorangegangenen Vorträge – sowohl des Autors als auch von Historiker Michael Gehler –, die sich mit dem selektiven Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit beschäftigt hatten. Die Worte Durnwalders sind nicht nur ein Relikt der Geschichte, sondern sie sind auch typisch für diese Beziehung, die heute als „Opferthese“ bezeichnet wurde, und zeigt die Persistenz dieses erinnerungspolitischen Musters.
-
Vor Waldheim gab es nur ein Opfer: Österreich
Vor der öffentlichen Auseinandersetzung über den ehemaligen Oberleutnant der Wehrmacht, österreichischen Diplomaten, UNO-Generalsekretär und Kandidaten für die Bundespräsidentschaft Kurt Waldheim fehlte es in Österreich an einer angemessenen Form des Umgangs mit der NS-Vergangenheit. Bis weit in die 80er Jahre war das offizielle Selbstverständnis und -darstellung Österreich von der Opferthese bzw. Opferdoktrin geprägt. Österreich sei das „erste Opfer des Nationalsozialismus“ gewesen, da es im März 1938 gewaltsam angeschlossen und erst im April/Mai 1945 durch die österreichischen Widerstand und die Alliierten befreit worden ist.
-
Diese Sichtweise fand einen frühen Ausdruck in einer Rede des Bundeskanzlers Leopold Figl am 19. August 1945.: „Sieben Jahre schmachtete das österreichische Volk unter dem Hitlerbarbarismus. Sieben Jahre wurde das österreichische Volk unterjocht und unterdrückt, kein freies Wort der Meinung, kein Bekenntnis zu einer Idee war möglich, brutaler Terror und Gewalt zwangen die Menschen zu blindem Untertanentum.“ So wird die Gründungsideologie des neuen österreichischen Staates in ihrer ersten antifaschistischen Variante umrissen, schreibt Heidemarie Uhl. Die Jahre 1938 bis 1945 wurden nur als Fremdherrschaft beschrieben und somit wurde jede Mitverantwortung ausgeblendet.
Zentral in dieser Argumentation war die (instrumentelle) Berufung Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943: Österreich sei „das erste freie Land, das der Hitlerschen Aggression zum Opfer gefallen ist“. Diese Passage wurde in der Nachkriegszeit systematisch herangezogen, um den Opferstatus politisch und diplomatisch zu legitimieren.
-
Österreich präsentierte sich hingegen als „erstes Opfer“, als „besetztes Land“, ungeachtet des hohen Anteils österreichischer NationalsozialistInnen – 1942 waren rund 688.000 Personen bzw. 8,2 Prozent der Gesamtbevölkerung Mitglieder der NSDAP –, der Vertreibung von rund 120.000 und der Ermordung von rund 65.000 österreichischen Juden, und ungeachtet der führenden Rolle von Österreichern innerhalb des nazistischen Besatzungs- und Terrorapparats: Ernst Kaltenbrunner, ab 1943 „zweiter Mann“ des SS-Apparats nach Himmler, Adolf Eichmann und eine ganze Reihe von aus Österreich stammenden Organisatoren der „Endlösung“ wie Odilo Globocnik, verantwortlich für die „Aktion Reinhard“ (1,9 bis 2,2 Millionen jüdische Opfer) und Franz Stangl, Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka – sie wurden als Deutsche, nicht als Österreicher wahrgenommen (Uhl, 2001, p. 22)
-
Die Externalisierung jeder Schuld durch den Opferstatus diente mehreren Zwecken. Aus diesem Grund hat Gehler in seinem Vortrag klargestellt, dass es sich nicht bloß um eine „Opferthese” handelte, sondern um eine echte „Opferdoktrin”. Es handelte sich also nicht nur um ein Deutungsmuster, um sich zu entlasten, sondern um ein politisches Instrument, das sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene eingesetzt werden konnte. Auf dieser Grundlage entwickelte sich eine doppelte Strategie, die Anton Pelinka als double speak definiert hat. Nach außen hin ermöglichte es die Selbstdefinition als „erstes Opfer“, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verurteilen und zugleich den eigenen Widerstand hervorzuheben. Nach innen richtete sich der Diskurs an die eigene Bevölkerung: Schuld wurde auf wenige Kollaborateure begrenzt und „Deutsche“ und „Österreicher“ wurden klar voneinander getrennt. Große Teile der Gesellschaft konnten so schnell entlasten werden – ein nicht zu unterschätzender wahlpolitischer Vorteil – und gleichzeitig wurden die Argumente für den künftigen Staatsvertrag bekräftigt.
Es handelt sich also nicht nur um einen Mythos oder eine Theorie, sondern um einen funktionalen Mechanismus staatlicher Gedächtnissteuerung. Es war also einen nicht-simultanen Diskurs oder, mit anderen Worten: Österreich sagte nach außen nicht dasselbe wie nach innen – ohne formell zu lügen. Der Konflikt zwischen internationalen moralischen Erwartungen und innerem Konsens konnte so vermieden werden.
-
In diesem Sinne agierte auch Bruno Kreisky, sowohl als Diplomat als auch später als Politiker wie der Autor in seinem Vortrag kurz hingewiesen hat. Als erster (und einziger) Kanzler mit Erfahrungen im Exil hatte er dennoch beschlossen, ebenso wie seine Kollegen Gorbach und Figl, die hingegen in Konzentrationslagern interniert worden waren, diese Doktrin zu unterstützen, wenn auch mit unterschiedlichen politischen Zielen.
Der innere Widerspruch dieser Narration wurde 1986 dann offen sichtbar. Mitten im Streit erklärte Waldheim tatsächlich: „Ich habe im Krieg nichts anderes getan als Hunderttausende andere Österreicher, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt“ (09.03.1986). Diese Worte stellten seine eigenen Argumente in Frage und untergruben die Darstellung des Opfers. Wenn Hunderttausende Österreicher „pflichtgemäß“ in der Wehrmacht gedient hatten, dann war Österreich nicht nur Opfer, sondern Mittäter.
Waldheim wurde jedoch zum Bundespräsident gewählt, aber die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit blieb eine Zäsur, die den Bruch des traditionellen Geschichtsbildes Österreichs auslöste – Auch wenn diese Einsicht bis heute nicht von allen geteilt wird, wie der Aufstieg der FPÖ unter Jörg Haider zeigte und die nachfolgenden Entwicklungen bis zum heutigen Tage.
Waldheim selbst musste in einem Fernsehinterview am Vorabend des 50. Jahrestags des Anschlusses am 12. März 1988 zugeben:
-
„Der Holocaust ist eine der größten Tragödien der Weltgeschichte, Millionen jüdischer Menschen wurden in den KZ’s [sic!] vernichtet. Diese Verbrechen sind durch nichts zu erklären und durch nichts zu entschuldigen. Ich verneige mich in tiefem Respekt vor diesen Opfern, die uns stets Mahnung und Auftrag sein müssen. [...] Wir dürfen nicht vergessen, daß viele der ärgsten Schergen des Nationalsozialismus Österreicher waren. Es gab Österreicher, die Opfer, und andere, die Täter waren. Erwecken wir nicht den Eindruck, als hätten wir damit nichts zu tun. Selbstverständlich gibt es keine Kollektivschuld, trotzdem möchte ich mich als Staatsoberhaupt der Republik Österreich für jene Verbrechen entschuldigen, die von Österreichern im Zeichen des Nationalsozialismus begangen wurden.“ (Zitat aus Gehler 1997, S. 380)
-
1986 als Wendepunkt: die Grenzen des Landes
Die Wahl Waldheims führte somit zu ersten Rissen in der Opferdoktrin und zum Zerstörung des goldenes Mythos von Österreich als „Insel der Seligen“. Diese österreichische Entwicklung ist auch für Südtirol von Bedeutung, wo einer Art „Historikerstreit“ jedoch erst später eintraf. Seitdem sind fast vierzig Jahre vergangen, doch Durnwalder vertritt nach wie vor eine historiografisch überholte Theorie: Dies hängt mit der Sichtweise auf die Geschichte zusammen, die die Südtiroler lange Zeit gepflegt haben.
Auf Grund dieser Opferthesen scheiterten die Entfaschisierung und die Entnazifizierung. 1945 bedeutete keinen Bruch, keine Stunde Null.
Wie in Österreich wurde auch in Südtirol schnell auf eine Opfernarrative zurückgriffen. Die lokale Widerstand gegen den Nationalsozialismus trat rasch in den Hintergrund, als der Einheitsgedanken des Kanonikus Michael Gampers (und so der SVP) sich durchsetze. Während die „Italiener“ in Südtirol sich selbst auf Grund der zwanzig Monaten Besatzung und Operationszone Alpenvorland als Opfer darstellten, sprach sich die deutschsprachige Bevölkerung selbst eine Generalabsolution zu – gestützt auf das Leid unterm Beil. Auf Grund dieser Opferthesen scheiterten die Entfaschisierung und die Entnazifizierung. 1945 bedeutete keinen Bruch, keine Stunde Null.
-
„Der objektiv richtige Tatbestand, daß die Südtiroler Minderheit ein Opfer des Hitler-Mussolini-Abkommens war, wurde unzulässig verallgemeinert; es wurden solcherart auch jene in die großmütige Generalabsolution einbezogen, die den Nazismus auch in seinen verbrecherischen Formen bejahen […]. Einer Gewissenserforschung über die Zeit 1939 und 1945 meinten sich viele Deutschlandoptanten um so eher entziehen zu dürften, als ja auch im faschistischen Lager vielfach nicht mehr als ein Wechsel von Hemd und Wappen stattgefunden hat.“ (Gatterer 1968, s. 876 f.)
-
Auf die Marginalisierung des lokalen Widerstands folgte der Aufstieg der Wehrmachtsgeneration. Symbolisch dafür stand die politische „Doppelspitze“ – Landeshauptmann Silvius Magnago und Kulturlandesrat Anton Zelger – sowie die Leitung der „Dolomiten“ von Josef Rampold. Die Frage der Beteiligung der Südtiroler an beiden Regimes blieb also lange Zeit unbeachtet, auch nach der Veröffentlichung von Gatterers „Im Kampf gegen Rom“ und Steurers „Südtirol zwischen Rom und Berlin“.
Erst das annus mirabilis 1986, wie es Hans Heiss nennt, brachte mehreren Aufbrüche. In Deutschland, Österreich und Italien entbrannten die Historikerstreite – die Kontroversen um Nolte, Waldheim und De Felice. Gleichzeitig erschien die Ausgabe der sturzflüge „Juden in Tirol“, die den Antisemitismus in Südtirol thematisierte und auf die kontroverse Benennung des wissenschaftlichen Gymnasiums in Bozen nach Raimund von Klebelsberg zu sprechen kam. In den folgenden zwei Jahren wurde zunächst an der Universität Innsbruck, dann im Tiroler Geschichtsverein über Regionalgeschichte diskutiert: So entstand die Idee einer Optionsausstellung, die einen erinnerungspolitischen Durchbruch markierte.
-
Option-Heimat-Opzioni, so hieß es, fiel mit einem Generationenwechsel in der Politik zusammen. Magnago und Zelger, die für die bisherigen Kulturpolitik verantwortlich waren, traten zurück und 1988 wurde Luis Durnwalder zum Landeshauptmann. Als Zeichen der Erneuerung nimmt er an der Ausstellungseröffnung teil und förderte, dass der „Mantel des Schweigens“ über die Jahre 1939-1945 endlich aufgehoben wurde.
Und doch, trotz vieler anderer Fortschritte in Forschung, Gesellschaft und Politik selbst (nicht zuletzt dank des Stil- und Tonwechsels von Arno Kompatscher), verteidigt und verbreitet Durnwalder dreißig Jahre später erneut die Opferthese. Es handelt sich nicht nur um eine etwas nicht nur eine marginale oder altersbedingte Entgleisung, sondern um ein weiteres besorgniserregendes Zeichen dafür, dass der Schatten der Vergangenheit auf die Gegenwart noch dunkel – schwarz, ja sogar braun – ist.
-
Weitere Artikel zum Thema
Kultur | gastbeitragMa chi erano quelli del “Bozen”?
Gesellschaft | GastbeitragCriticare le rimozioni
Österreich hat seine…
Österreich hat seine Geschichte tatsächlich sehr selektiv aufgearbeitet, Italien hat es überhaupt nicht getan. Man denke nur daran, dass der Gemeinderat von Görz im November 2024 (!) es abgelehnt hat, dem faschistischen Diktator Mussolini die Ehrenbürgerschaft zu entziehen, "weil man die Geschichte nicht ändern kann". Mit der gleichen Begründung hat der Gemeinderat von Brixen sich geweigert, dem faschistischen Kriegsverbrecher Gennaro Sora die Ehrenbürgerschaft von Brixen zu entziehen. Der gleiche Wortlaut, mit dem in Görz und in Brixen der Faschismus verharmlost und zu einer normalen geschichtlichen Epoche erklärt wurde, dürfte kein Zufall sein.
Antwort auf Österreich hat seine… von Hartmuth Staffler
In Italien werden…
In Italien werden Weinflaschen mit Duce Bild verkauft und Scharen von Verehrern pilgern jährlich nach Predappio, damit sollte alles zum Thema Aufarbeitung gesagt sein.
Wenn 10-20% der Bevölkerung…
Wenn 10-20% der Bevölkerung Österreichs in Zusammenarbeit mit dem NS Regime stand, hätte sich der restliche 80% * nicht als Opfer fühlen können?
Für wieviele Menschen der zivilen Gesellschaft kann die Unschuldsvermutung gelten?
Es ist die gleiche Szene wie heute in der Gazastreifen. Wieviele Menschen können als Opfer der Hamas-Regime und wieviele als Mittäter bezeichnet werden können?
* den genauen Prozentsatz kenne ich natürlich nicht.
Wie darf man den letzten…
Wie darf man den letzten Satz des Beitrags verstehen??
Antwort auf Wie darf man den letzten… von Cicero
Der Satz führt dazu, dass…
Der Satz führt dazu, dass man den ganzen Beitrag nicht mehr wirklich ernst nehmen kann. Wenn man Durnwalder als "braun" bezeichnet, offenbart man, dass man die Realität extrem verzerrt wahrnimmt oder einfach stark befangen ist.
Antwort auf Der Satz führt dazu, dass… von Oliver Hopfgartner
Ich verstehe den Satz so,…
Ich verstehe den Satz so, dass man nicht Durnwalder als "braun" bezeichnet, sondern das Verhalten, die Opferthese wieder auferstehen zu lassen.
Antwort auf Ich verstehe den Satz so,… von Manfred Klotz
Genau, ich würde jedoch…
Genau, ich würde jedoch niemals behaupten, dass Durnwalder „braun“ ist, ebenso wenig, dass jede Person, die die Opferthese vertritt, deshalb als solche zu bezeichnen wäre. Ich hab's schon hingewiesen, dass diese Vorstellung auch von Politikern wie Gorbach, Figl und Kreisky geteilt wurde – Personen, die zweifellos keine Nationalsozialisten bzw Mitläufer waren.
Im Mittelpunkt steht vielmehr die Kritik an einer bestimmten Art von Geschichtserzählung: einer revisionistischen Narration, die auch durch alte Deutungsmuster wie die Opferthese untermauert wird. Haider habe ich bewusst als Beispiel genannt, weil seine Rolle in der Waldheim-Affäre deutlich gezeigt hat, wie diese braunen Schatten der Vergangenheit bis damals (und auch heute noch, wenn wir uns die Wende der FPÖ ansehen, die er im Gange gesetzt hatte) nachwirkten. Wie ein Paar Kommentare schon unterstrichen haben, lässt sich Ähnliches auch täglich in Italien beobachten, wo die „schwarzen“ Schatten der Geschichte in der öffentlichen Debatte und in der Gesellschaft sogar noch sichtbarer sind. Diese schwarzen oder braunen Schatten (und ihre Narrationen) zu erkennen ist ein notwendiger Schritt, um ihre Normalisierung im öffentlichen Diskurs endlich zu durchbrechen.
Der Großteil der…
Der Großteil der Österreicher hat 1938 den Einmarsch der HITLER-Truppen begeistert erwartet ...!
Antwort auf Der Großteil der… von Josef Fulterer
Der Großteil der…
Der Großteil der Österreicher hat 1938 den Einmarsch der deutschen Truppen befürwortet. Schließlich hatte sich Restösterreich, das niemand für überlebensfähig hielt, bereits nach dem Ersten Weltkrieg an Deutschland anschließen wollen. Es waren aber nicht alle, die den deutschen Truppen zujubelten, überzeugte Nazis. Nach dem deutschen Einmarsch ist bald die Ernüchterung gefolgt, die zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt hat. Auf der einen Seite waren die überzeugten Nazis, von denen viele auch zu Tätern wurden, daneben die Mitläufer, die entweder aus Gründen des persönlichen Vorteils, der Bequemlichkeit oder auch aus Angst mitmachten, und schließlich der kleine Teil der Bevölkerung, der sich im inneren oder auch im aktiven Widerstand befand. Dass die Verbrechen an den jüdischen Mitbürgern von großen Teilen der Gesellschaft zum Teil sogar befürwortet,, teilweise stillschweigend akzeptiert oder ignoriert wurden, ist in Österreich zu einem Großteil auf die jahrelange Hetze gegen die Juden durch die Christlichsoziale Partei und die katholische Kirche zurückzuführen, die mit dem Piusverein eine gewaltige Propagandamaschinerie gegen die Juden betrieb. Der Piusverein hatte seine Tiroler Hochburg mit mehr als 600 Mitgliedern in Brixen. Da wäre auch noch manches aufzuarbeiten, aber das ist in Brixen nicht möglich.
Antwort auf Der Großteil der… von Hartmuth Staffler
In den 30ern reichte der…
In den 30ern reichte der Antisemitismus von rechtsradikalen, völkischen Kreisen über das erzkatholische Milieu bus weit in die Arbeiterschaft hinein. Er war leider ein gesellschaftlich akzeptiertes Massenphänomen.
Antwort auf In den 30ern reichte der… von Cicero
Ich habe von den Grundlagen…
Ich habe von den Grundlagen für den militanten Antisemitismus gesprochen, die in Österreich vor dem Ersten Weltkrieg gelegt wurden. Die völkisch-rassistischen, extrem antisemitischen Alldeutschen waren noch wenig bedeutend, die Konservativen waren zwar antisemitisch, aber nicht militant, weil ihnen die rassistische Komponente fehlte. Die Christlichsozialen als Massenbewegung haben den Antisemitismus mit Hilfe vieler katholischer Priester über den Piusverein befeuert, um ihn als politisches Kampfmittel gegen Liberale und Sozialisten einzusetzen und den Sozialneid zu schüren. Dabei hatten sie keine Berührungsängste mit den rassistischen Alldeutschen. Das war die Grundlage, auf der dann nach dem Ersten Weltkrieg im klerikal-faschistischen Österreich der
Antisemitismus zu einem Massenphänomen werden konnte.
Es ist halt immer schwierig…
Es ist halt immer schwierig aus heutiger Sicht und vor allem mit dem heutigen Wissen über die bestialischen Taten der Nazis das Verhalten der Menschen in den 30er Jahren zu bewerten. Viele Österreicher waren tief traumatisiert. Durch eigene Fronterfahrungen, durch die Niederlage 1918, durch den Verlust des - für viele gottgegebenen - Kaiserreichs, durch die Wirtschaftskrise der frühen 30er…
Mitläufer bilden wohl immer…
Mitläufer bilden wohl immer die Mehrheit (so lange es gut läuft).
Dem Anderle-von-Rinn-Spuk hat erst Bischof Stecher ein Ende bereitet.
Antwort auf Mitläufer bilden wohl immer… von nobody
Der Vater des…
Der Vater des bewundernswerten und verehrungswürdigen Bischofs Reinhold Stecher, Prof. Heinrich Stecher, war allerdings selber noch als Mitglied des Piusvereins ein überzeugter Antisemit, der Vorträge über die "Gefahr der Verjudung" gehalten hat. Die Anderle-von-Rinn-Legende ist übrigens nur eine Kopie der Legende des Simonino von Trient, die der Guarinoni aus seiner Heimatstadt Trient nach Hall mitgebracht und für die örtlichen Gegebenheiten adaptiert hat.
Die sogenannte "Opferthese"…
Die sogenannte "Opferthese" ist weder falsch noch richtig, weil es wie jeder weiß Täter und Opfer gab. Es gibt keine "kollektive Schuld" und auch kein "kollektives Opferdasein".
Man muss schon ein ziemlich zynischer Mensch sein, um beispielsweise einen 19 Jährigen Österreicher als Täter zu bezeichnen, nachdem er drei bis vier seiner besten Jahre an der Front eines der schlimmsten Kriege der Menschheitsgeschichte verbringen musste.
Will man so jemandem wirklich vorwerfen, dass er nicht desertiert ist und sich von den eigenen Leuten erschießen ließ?
Wer so argumentiert, macht es sich viel zu leicht. Viele Leute sind tatsächlich Opfer und Täter zeitgleich gewesen. Daher ist die Opferthese nicht "falsch", sie ist nur zu undifferenziert. Genau so ist aber auch die "Täterthese" undifferenziert und wer Durnwalder als "braun" bezeichnet, der verharmlost die NS-Verbrechen und schadet damit der Debatte, weil er sich selbst unglaubwürdig macht.
Ich persönlich finde die psychologische Betrachtung des Mitläufertums viel bedeutender als die historische Interpretation, denn die psychologische Betrachtung ist eher dazu geeignet, künftiges Mitläufertum zu vermeiden.
Das Mitläufertum ist…
Das Mitläufertum ist tatsächlich vor allem ein psychologisch interessantes Phänomen. Ich hatte im Jahr 1968 die Gelegenheit zu einem längeren Gespräch mit Kurt Waldheim, damals Außenminister Österreichs. Aufgrund meiner damaligen Eindrücke würde ich ihn als Mitläufer aus Opportunismus bezeichnen. Er wollte gerne reiten, die Nazis haben ihm das ermöglicht. Wenn ihm Kommunisten ein Pferd gegeben hätten, dann wäre er halt bei den Kommunisten gewesen. Opportunistische Mitläufer verschließen ihre Augen gegen alle negativen Aspekte der Ideologie, der sie nicht aus Überzeugung, sondern aus reinem Eigennutz anhängen, weil sie ihre persönlichen Vorteile nicht verlieren wollen. Auch bei den Südtirol-Geheimverhandlungen, die Waldheim damals mit dem italienischen Außenminister Fanfani in Jugoslawien geführt hat, ging es Waldheim nicht um das Wohl Südtirols, sondern nur um einen persönlichen Erfolg.
Mitläufertum wird man nie…
Mitläufertum wird man nie vermeiden können. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass 70-80% von uns auch Mitläufer wären, mich eingeschlossen. Der Großteil der Menschen ist doch mehr oder weniger unideologisch. Der Mensch will ein erträgluches Azskommen haben, Sicherheit für sich und seine Familie und keine Scherereien mit der Obrigkeit. Heldenhaftes Dissidententum ist eher ein Einzelphänomen.
Danke für diesen profunden…
Danke für diesen profunden Denkanstoß, lieber Lorenzo. Auch wenn ich nicht jede Deiner Einschätzungen teile, beeindruckt Deine profunde Kenntnis der österreichischen Geschichte – eine Tiefe, die man unter Südtiroler:innen mittlerweile nur noch selten findet.
Meiner Meinung nach…
Meiner Meinung nach konzentriert man sich bewusst immer wieder auf die Vergangenheit, um die heutige Realität nicht wahrnehmen zu dürfen.
Die Realität ist, dass Südtirol nicht Opfer des Nazionalsozialismus, sondern des italienischen Kolonialismus ist, der in den 1920er Jahren begonnen hat und auch heute noch praktiziert wird, wenn auch mit subtileren Methoden.
Svp als moderne Podestà tut dafür sorgen dass die Unterdrückung verzuckert dargestellt wird und den Käfig regelmäßig mit frischen Farben gestrichen wird.
Während andere Regionen in Italien für Selbstbestimmung kämpfen dürfen, muss das Südtirol, aufgrund der schuldigen Vergangenheit, auf ewige Gefangenschaft verurteilt bleiben.
Antwort auf Meiner Meinung nach… von Evelin Grenier
Selten so einen Blödsinn…
Selten so einen Blödsinn gelesen... sorry.
Antwort auf Selten so einen Blödsinn… von Cicero
Ich hingegen finde die…
Ich hingegen finde die Überlegungen von Frau Grenierr sehr überzeugend und gut überlegt.
SVP als Podestà?? Geht's…
SVP als Podestà?? Geht's noch? Das kann nur von jemandem kommen der null Ahnung davon hat was der Faschismus in Südtirol war.
Und der letzte Absatz hat schon verschwörungstheoretische Züge.
Antwort auf SVP als Podestà?? Geht's… von Cicero
Man beachte das Wort …
Man beachte das Wort "moderner" Podestà.
Antwort auf Man beachte das Wort … von Hartmuth Staffler
In dem Kontext würde ich…
In dem Kontext würde ich eher das Wort "Podestà" beachten und "moderner" etwas weniger gewichten... Aber klar, wenn man mit einem ganzen "Holzmeiler" und nicht nur einem Brett vorm Kopf durch die Welt läuft, dann wird man das so sehen.
Auch wenn es verständlich…
Auch wenn es verständlich ist, dass man angesichts des enormen Wissenszuwachses Jahr für Jahr nicht mehr alles bis ins Detail im Kopf behalten kann, so ist es umso wichtiger, zu verstehen und erkennen, was wirklich essentiell ist. So zum Beispiel, dass ein schleichender Identitätsverlust nach wie vor möglich, real und aktuell ist, was schade ist, weil dabei ein Teil von sich selbst und der eigenen Identität schleichend verloren gehen kann, ohne sich dessen bewusst zu werden, was schade ist, einfach aufgrund des Zwangs zur Anpassung. Daher sind Parallelen zur Geschichte, wenn auch in komplett anderer, viel sanfterer, verdeckterer Form, festzustellen, aber langfristig evt. nachteilig für die Identität und Kultur von Minderheiten Südtirols.
Im Wesentlichen hat Frau…
Im Wesentlichen hat Frau Grenier natürlich recht. Die SVP spielt so eine Art Statthalterrolle. Die Autonomogesetze sind immer mehr dergestalt, dass man freiwillig das umsetzt, was von uns erwartet wird. Den Spielraum bestimmt von mal zu mal das Verfassungsgericht.
Die SVP vertritt aber auch sonst schon lange nicht mehr die Interessen der Südtiroler, sondern die einiger Seilschaften. Ab und zu muss man schon wieder etwas " heimbringen", um sich bei Wahlen die nötigen Mehrheiten zu beschaffen. Das geschieht dann fast nach dem Muster guter Cop, böser Cop, wobei die Rolle des guten Cops der Landesregierung (SVP-Seite) zufällt, der böse Cop ist die Zentralregierung. Das spielen Zentralregierung und SVP wirklich meisterhaft. Doch das sind in der Regel kosmetische Erfolge, oder solche, die mit Minderheitenschutz wenig oder nichts zu tun haben. Der Zentralstaat spielt da natürlich mit. Für eine fortschreitende Assimilierung der Südtiroler setzt man gerne zweitrangige Zugeständnisse ( die man bei Bedarf ja auch wieder zurücknehmen kann). Von vielen Bestimmungen wissen wir ja, dass sie ja gar nicht umgesetzt und auch von der Landesregierung gar nicht eingefordert werden.
Wenn es…
Wenn es Assimilierungstendenzen gibt, dann sicher nicht hin zur italienischen „Leitkultur“. Wenn dann geht es doch eher hin zu einer internationalen, stark angelsächsisch geprägten, Popkultur.
Antwort auf Wenn es… von Cicero
Das wäre aber freiwillig :-)
Das wäre aber freiwillig :-)
Da gäbe es genug Beispiele,…
Da gäbe es genug Beispiele, um im braunen und schwarzen Kaffeesatz zu rühren.