Südtirols Daten in Microsofts Händen
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Beim Medientreff zum Jahresende mit Landeshauptmann Arno Kompatscher war es nur eine Randnotiz. Doch die Zusammenarbeit mit Microsoft auf Landesebene zeigt, in welchem Dilemma Europa bei der Digitalisierung steckt. Denn während Südtiroler Wirtschaftsvertreter wie Alexander Rieper (Unternehmerverband) oder Michl Ebner (Handelskammer) mehr Unabhängigkeit von den USA fordern, bleibt die öffentliche Hand hierzulande stur bei ihrem traditionellen Geschäftspartner aus Übersee.
Jüngstes Beispiel dafür ist Emma: Die neue KI-Assistenz soll ab 24. Februar mit der neuen Webseite des Internetportals der öffentlichen Verwaltung myCIVIS online gehen. Emma wurde von der Südtiroler Informatik AG (SIAG) und Microsoft entwickelt, Grundlage dafür ist die hauseigene KI des US-amerikanischen Tech-Giganten namens Copilot. Die mehrsprachige KI-Assistenz soll Bürgerinnen und Bürgern die Suche nach Informationen und passenden Fördermitteln erleichtern, wie Kompatscher Ende Dezember vor der Presse erklärte.
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„Wir gehen Richtung einer proaktiven Verwaltung. Mit Einwilligung der Bürger verknüpfen wir vorhandene Daten im System der Landesverwaltung. Anhand des jeweiligen Profils werden Hinweise auf Dienste der öffentlichen Hand angezeigt“, sagt SIAG-Direktor Stefan Gasslitter. Die zur Verfügung gestellten Daten werden über ein Cloud-System von Microsoft verarbeitet, wobei SIAG sensible Daten der elektronischen Gesundheitsakte hausintern speichert.
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Gefährliche Abhängigkeit von Big Tech und Trump
Team K-Chef Paul Köllensperger begrüßt das neue Angebot auf myCIVIS, sieht darin aber trotzdem eine gefährliche Entwicklung: „Südtirol macht sich dadurch noch abhängiger von einem US-amerikanischen Konzern. Mittlerweile unterstützen alle großen Tech-Unternehmen in den USA Präsident Donald Trump und seinen Vize J. D. Vance“, erklärt der ehemalige IT-Unternehmer und Oppositionspolitiker. Tatsächlich werden in der nationalen Sicherheitsstrategie für die US-Außenpolitik die liberalen Demokratien in Europa als ideologischer Gegner betrachtet. Die Tech-Giganten sind dabei mittlerweile zu politischen Akteuren geworden, die genau diese Position befürworten.
„Europa ist eine digitale Kolonie der USA, es fließen Dutzende Millionen Euro an diese Konzerne“, sagt Köllensperger. Außerdem könnten Tech-Unternehmen wie Microsoft die Daten europäischer Bürgerinnen und Bürger an die US-amerikanische Regierung weitergeben oder sich aus politischem Kalkül dazu entschließen, ihre Dienste in Europa abzuschalten. Köllensperger fordert deshalb die Nutzung von Open Source und europäischer Software wie die KI-Plattform OpenGPT-X, um schrittweise mehr Unabhängigkeit zu erlangen.
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Für IT-Experten Christoph Moar ist ein solches Ziel zwar wünschenswert, aber wenig realistisch. „In einer globalisierten Welt mit Arbeitsteilung kommt niemand auf die Idee zu sagen, dass ich alles selbst können muss. Auch eine Baufirma stellt für ihre Häuser nicht selbst Ziegelsteine, Beton und Silikon her. Es ist unwahrscheinlich, dass wir im Jahr 2026 zu einem Modell zurückkehren, wo in jedem Staat alles produziert wird“, so Moar. Der IT-Sektor in Europa habe sich deshalb weniger auf die Bereitstellung von Infrastruktur wie Cloud-Dienste spezialisiert, sondern auf sogenannte Anwendungen. Ein gutes Beispiel dafür sei das deutsche Tech-Unternehmen SAP, das seine Software für Buchhaltung weltweit verkauft.
Zu den Tech-Rebellen zählen etwa das österreichische Bundesministerium oder das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein.
Ähnlich sieht das SIAG-Direktor Stefan Gasslitter. „Wir kennen den Markt und eine europäische Alternative zu Microsoft gibt es heute schlichtweg nicht. Trotzdem nehmen wir das Thema der digitalen Unabhängigkeit durchaus ernst, allerdings ist das Ziel nur mittel- oder langfristig erreichbar, da uns in Europa heute noch die Innovationskraft fehlt.“ Beispielhaft sei dafür das gescheiterte europäische Projekt für eine unabhängige Dateninfrastruktur namens Gaia-X. „Die europäische Initiative hofft, mit Fördermitteln und Geldern von privaten Unternehmen 6 Milliarden Euro zu sammeln. Diese Summe entspricht ungefähr dem Gewinn von einem der großen US-amerikanischen Tech-Unternehmen pro Monat“, führt Gasslitter auf.
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Mehr digitale Souveränität?
Dass es dennoch anders geht, zeigen Beispiele anderer europäischer Länder: Trotz Übermacht der USA steigen Träger der öffentlichen Hand auf Alternativen um. Beispiele aufgelistet hat Köllensperger in einem Beschlussantrag, der heute im Südtiroler Landtag behandelt wurde: Zu den Tech-Rebellen zählen etwa das österreichische Bundesministerium für Wirtschaft, der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag oder das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein.
Köllensperger will mit dem Beschlussantrag erreichen, dass Südtirol nach dem Vorbild dieser Beispiele mehr auf europäische Software und Open Source Lösungen setzt. In der Generaldebatte bat der Einbringer schließlich um eine Aussprache mit Kompatscher, um einige Dinge zu klären. Dem Vorschlag wurde von der Mehrheit zugestimmt und die Abstimmung vertagt – es bleibt also spannend.
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Als jemand, der selbst in der IT-Branche tätig ist, möchte ich einige persönliche Gedanken zu einem Thema teilen, das mir sehr am Herzen liegt.
Digitale Unabhängigkeit ist kein technisches Detail und keine Laune: Sie ist fundamental und keineswegs trivial für den Erhalt unserer Demokratie. Dennoch ist der Rahmen dieser Herausforderung zwangsläufig geopolitisch.
Wir sprechen hier von Europa im Verhältnis zu den USA und China. Es ist undenkbar, dass Südtirol mit seinen Dimensionen Tech-Giganten ersetzen kann, die 4.000 Milliarden Umsatz generieren und über stratosphärische Rechenleistungen verfügen (die vertraglich immerhin Garantien zur Datennutzung bieten).
Wenn das Ziel echte digitale Souveränität ist, muss ein solches Projekt auf europäischer Ebene koordiniert werden, vielleicht durch ein föderiertes Netzwerk lokaler öffentlich-privater Akteure.
Was kann Südtirol in der Zwischenzeit konkret tun?
Wir sollten nicht versuchen, die Giganten mit roher Rechenpower zu übertrumpfen, sondern die menschliche Komponente und die Exzellenzen pflegen, die wir bereits haben. Ich denke dabei an Realitäten wie die SIAG, den NOI Techpark und die Unibz: Hier müssen wir investieren, um technologische Wertschöpfung und qualifizierte Arbeitsplätze vor Ort zu sichern.
Darüber hinaus müssen wir auf eine „maßgeschneiderte KI“ setzen:
lokal laufende Modelle, die aus unserer Realität heraus entwickelt wurden und präzise auf konkrete Bedürfnisse antworten können.
Um eine Metapher zu verwenden: Wenn die großen globalen KIs Formel-1-Motoren sind, die in den USA entwickelt wurden, müssen wir hier den perfekten Elektromotor für unser Fahrrad bauen. Vielleicht ist er absolut gesehen weniger leistungsstark, aber er ist der einzige, der die Wege wirklich kennt, um uns auf die Gipfel unserer Berge zu bringen.