Wirtschaft | Mercosur

Kein Eldorado in Südamerika

Die Unterzeichnung des Mercosur-Abkommens steht bevor. Exportspezialist Stefan Ties dämpft Erwartungen: Für Südtirol bleibe der Zugang zu Südamerika trotzdem schwierig.
Export Titelbild
Foto: JS/SALTO
  • SALTO: Herr Ties, ganz kurz zur Einordnung: Sie sind Exportspezialist und beraten Unternehmen beim Markteintritt im Ausland, unter anderem in Südamerika.

    Stefan Ties: Ja, genau. Wir unterstützen kleine, mittlere, aber auch größere Unternehmen beim Export, vor allem beim Markteintritt in Ländern wie Brasilien. Wir analysieren den Markt und vermitteln zwischen lokalen Unternehmen und ausländischen Partnerunternehmen. Wir arbeiten an langfristigen Geschäftsverhältnissen und unterstützen unsere Kundinnen und Kunden bei Zollfragen, Zertifizierungen und administrativen Problemen.

  • Zur Person

    Stefan Ties ist Exportberater aus Südtirol. Mit seiner Firma WWM SAS Ties Stefan & C.unterstützt er Unternehmen beim Markteintritt und Ausbau von Geschäftsaktivitäten in internationalen, oft politisch und regulatorisch komplexen Märkten.
    Er verfügt über langjährige Erfahrung in Europa, Afrika, Asien und dem Nahen Osten und arbeitet unter anderem für Organisationen wie Trentino Export, CasaClima sowie Industrieunternehmen. Sein Fokus liegt auf Exportstrategie, Partneridentifikation und Vertriebsaufbau. 

    Foto: privat
  • Gerade beim Zoll erhoffen sich viele Unternehmen durch das Mercosur-Abkommen Erleichterungen. Was erwarten Sie konkret?

    Das Abkommen kann in bestimmten Fällen helfen, Kosten zu senken, aber sicher nicht für alle. Die Zollabwicklung an sich bleibt aber gleich, hier erwarte ich kaum Veränderung. Es ist nicht so, dass von einem Tag auf den anderen alle Zölle wegfallen. Was sich ändern kann, sind die Zollsätze für bestimmte Produktkategorien. Das kann Importe günstiger machen. Vor allem der brasilianische Markt ist für uns der interessanteste, bleibt aber ein schwieriger Markt.

    Welche Vorteile bringt dieses Freihandelsabkommen dann?

    Nun, Brasilien wird sicher kein El Dorado von heute auf morgen. Die Erwartungen sind vielfach überzogen. Zölle werden schrittweise über viele Jahre reduziert. Das war bei den EU-Abkommen mit Mexiko und Kolumbien genauso. Für Produkte, die in Brasilien selbst hergestellt werden, bleiben die Zölle hoch, um die lokale Industrie zu schützen. Für andere Produkte gab es schon bisher Möglichkeiten, die Zollsätze zu senken, wenn man nachweisen konnte, dass sie lokal nicht produziert werden und somit keine Gefahr für die inländische Produktion und Industrie darstellen, was der eigentliche Sinn von Zöllen ist.

     

    „Die Eldorado-Phase ist vorbei.“

     

    Welche Branchen könnten denn konkret profitieren?

    Maschinenbau und Elektronik haben in Brasilien gute Absatzchancen. Auch für die Automobilbranche gibt es Möglichkeiten, vor allem im After-Sales-Markt für Ersatzteile europäischer Hersteller. Wir arbeiten bereits seit 10 Jahren daran Südtiroler Produkte und Dienstleistungen auf den brasilianischen Markt zu bringen, aber nur wenige südtiroler Firmen erfüllen die Voraussetzungen, um sich den Herausforderungen Brasiliens stellen zu können. Vor allem bei Konsumgütern wird es schwierig. Wir haben etwa mit Nischenprodukten wie Mascarpone gearbeitet. Bis wir die notwendigen Genehmigungen in Brasilien erhalten haben, sind zwei bis drei Jahre vergangen. Der bürokratische Aufwand ist enorm.

  • Herbert Dorfmann, Mitglied des Europäischen Parlaments, zur bevorstehenden Ratifizierung des Mercosur-Abkommens.
    (c) total EU

  • Wie sieht es mit typischen Südtiroler Produkten aus, etwa Äpfeln oder Wein?

    Äpfel werden bereits importiert, vor allem in Phasen, in denen es keine brasilianische Ernte gibt. Südtiroler Äpfel werden geschätzt, hier gibt es durchaus Potenzial. Beim Wein sehe ich hingegen kaum Chancen. Auch wenn uns die Trentiner-Community von Auswanderern in Brasilien geholfen hat. In Brasilien gibt es viele ausgewanderte Trentiner, die bereits seit drei, vier oder sogar fünf Generationen dort leben. Auch wenn diese unsere lokalen Produkte sehr schätzen, ist der Weinkonsum in Brasilien sehr niedrig, die Preise steigen durch Transport, Zölle und Finanzierungskosten massiv. Ein Wein, der hier für fünf Euro eingekauft wird, kostet dort schnell 30 Euro. Das ist für den Markt kaum realistisch.

    Und wie bewerten Sie die anderen Mercosur-Staaten: Paraguay, Uruguay, Boliviien oder Argentinien?

    Brasilien ist der einzige wirklich relevante Markt. Argentinien ist wirtschaftlich instabil, die Kaufkraft ist sehr niedrig, die Währung wird ständig abgewertet. Paraguay ist ein Binnenland mit enormen logistischen Problemen, Uruguay ist sehr klein. Für Südtiroler Betriebe sehe ich in diesen Ländern kaum Perspektiven. In Südamerika haben wir uns im Exportmanagement auf Brasilien, Kolumbien und Peru fokussiert, alles andere ist schwierig.

     

    „In den 1990er Jahren trieben wir noch Handel mit Russland, wir haben mit Israel gearbeitet und fanden Geschäftspartner im Libanon.“

     

    IDM setzt bei ihrem Internationalisierungsansatz stark auf Märkte wie Saudi-Arabien. Wie erklären Sie das?

    Saudi-Arabien hat sich vor etwa fünf Jahren stark geöffnet und war kurzfristig ein sehr attraktiver Markt. Inzwischen ist er aber weitgehend gesättigt und die Eldorado-Phase ist vorbei. Ähnliches gilt für andere Golfstaaten. Heute schauen viele Unternehmen nach Afrika. Märkte wie Nigeria oder die Elfenbeinküste galten früher als uninteressant, werden aber zunehmend interessant. Insgesamt ist es aber deutlich schwieriger geworden, neue stabile Exportmärkte zu finden. In den 1990er Jahren trieben wir noch Handel mit Russland, wir haben mit Israel gearbeitet und fanden Geschäftspartner im Libanon; das ist jetzt alles weg.