Gesellschaft | SALTO change

Gemeinschaftlich und leistbar Wohnen

Leistbares Wohnen wird in Südtirol zur Schlüsselfrage: Warum gemeinschaftliche Wohnmodelle neue Perspektiven eröffnen – und was Politik und Gesellschaft jetzt ändern müssen.
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Foto: Seehauserfoto
  • Die schleichende Gentrifizierung einer ganzen Region

    Das Monatsthema von SALTO change im Februar „Leistbares Wohnen und neue gemeinschaftliche Lebensmodelle“ trifft in Südtirol auf ein Land, das in diesem Bereich großen Aufholbedarf hat. Tatsächlich erweist sich der Mangel an erschwinglichem und flexibel nutzbarem Wohnraum als große Herausforderung für junge und weniger junge Menschen, die nach einem Studium oder einem Arbeitsaufenthalt nach Südtirol zurückkehren wollen und auf keinen Familienbesitz zurückgreifen können. Auch für Fachkräfte, die von Südtirols Unternehmen dringend gebraucht werden, erweist sich die Suche nach einem Platz zum Wohnen oft als unüberwindbare Hürde. 

    In Südtirol wurde auch aus politischen Gründen ein starker Druck in Richtung Wohneigentum aufgebaut und es wurde auch mit hohem Mitteleinsatz gefördert. Dies hat vor allem in der Peripherie zu einem hohen Anteil an Wohneigentum geführt und auch dafür gesorgt, dass es nur vereinzelt Gemeinden gibt, die das im Alpenraum weit verbreitete Phänomen der Abwanderung kennen. Das politische Ziel der Siedlungs- und Strukturpolitik aus Benedikters Zeiten wurde damit erreicht. 

    Gleichzeitig hat die Südtiroler Politik mit dieser strategischen Ausrichtung aber für eine Art der schleichenden Gentrifizierung des ganzen Landes gesorgt, die jetzt erkennbar wird und die die Entwicklungspotenziale Südtirols hemmt. Nun wird versucht, darauf zu reagieren. Neben der Erhöhung der Wohnbauförderung und Bemühungen um die Schaffung eines Mietmarktes mit dem neuen Wohnbaugesetz halten wir es bei SALTO change für einen wichtigen Aspekt bei der Behebung dieses Problems auch gesellschaftliche Veränderungen in den Blick zu nehmen und adäquat darauf zu reagieren. 

    Deshalb wollen wir uns im Rahmen des Monatsschwerpunkts intensiv mit gemeinschaftliche Wohnformen – von Cohousing über Wohnprojekte und Genossenschaften bis zu Co-Living – beschäftigen und beginnen schon am 4. Februar mit der Partner-Veranstaltung "start.klar. im UFO Bruneck, bei der Sarah Stoisser von den Erfahrungen mit ihrem gemeinschaftlichen Wohnprojekt in der Steiermark berichtet und Patrick Unterkircher beschreibt, was er seine Wohnbaugruppe brauchen, um in Südtirol ein solches Projekt angehen zu können. 

  • SALTO chgange im Februar

    Im Februar beschäftigt sich SALTO change  mit alternativen Wohn- und Lebensmodellen, die Menschen jeden Alters in wechselnden Lebensverhältnissen flexibel und bedarfsgerecht das Grundrecht auf Wohnen gewährleisten können. Dies nicht nur, weil es besonders in Südtirol eine ständig akuter werdende Wohnungsnot gibt, sondern weil der tiefgreifende Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt neue Angebote erzwingt. 

    SALTO change Partner des Monats ist die Dialogreihe „start.klar. im UFO“, die sich gleich am Anfang des Monats mit dem Thema beschäftigt. 

  • Von der privaten Konsumentscheidung zum sozialen Arrangement

    Gemeinschaftliche Wohnformen gewinnen in ganz Europa an Bedeutung, weil sie mehrere strukturelle Entwicklungen zugleich aufgreifen: steigende Wohnkosten, den starken Zuwachs von Einpersonenhaushalten, demografischen Wandel, Vereinsamung und den Wunsch nach ressourcenschonenderem Leben. Wohnen verschiebt sich damit zunehmend von einer rein privaten Konsumentscheidung hin zu einem sozialen Arrangement, in dem Nachbarschaft, Flächennutzung, Care-Arbeit und Teilhabe bewusst organisiert werden.

    Ein zentraler Treiber ist die Haushaltsstruktur. In der EU gab es 2024 rund 202 Mio. Haushalte, davon über 75 Mio. Single-Haushalte ohne Kinder – eine Gruppe, die deutlich schneller wächst als die Gesamtzahl der Haushalte. Gleichzeitig stehen viele unter finanziellem Druck: EU-weit lebten 2024 durchschnittlich 8,2 % der Menschen in Haushalten, die mindestens 40 % ihres Einkommens für Wohnen ausgeben. Solche Rahmenbedingungen erhöhen die Attraktivität von Modellen, die Kosten, Räume und soziale Unterstützung teilen.

    Die Landschaft gemeinschaftlicher Wohnformen ist dabei vielfältig. Selbstorganisiertes Cohousing verbindet private Wohnungen mit verbindlich geregelter Gemeinschaft. Baugruppen ermöglichen kollektive Projektentwicklung und frühe soziale Bindung, sind aber oft kapital- und wissensintensiv. Wohnungsgenossenschaften und kooperative Träger stellen eine dauerhafte, institutionalisierte Form dar und bilden in vielen Ländern einen relevanten Teil des Wohnungsbestands. Intergenerationelle und care-orientierte Hausgemeinschaften reagieren gezielt auf Pflege- und Unterstützungsbedarfe. Demgegenüber steht kommerzielles Co-Living als marktgetriebenes, flexibles Produkt, das zwar Nachfrage bedient, in Städten aber auch Regulierungskonflikte auslöst. Ergänzend fördern manche Kommunen auch in Südtirol gemeinschaftliche Modelle aktiv als Instrument für Inklusion und leistbares Wohnen.

    Empirisch gut belegbar sind vor allem drei Punkte: der überdurchschnittliche Anstieg von Single-Haushalten als Nachfragefaktor, Wohnkostenstress als struktureller Druck sowie die Bedeutung sozialer und kooperativer Wohnungsbestände als mögliche Skalierungsbasis für gemeinschaftliche Elemente. Parallel dazu gewinnt die politische Debatte um Regulierung und Kommerzialisierung von Wohnen an Gewicht, was die zukünftigen Rahmenbedingungen stark beeinflussen dürfte.

    Als „neu“ erscheint gemeinschaftliches Wohnen weniger wegen der Idee des Teilens selbst, sondern wegen der Kombination aus formalisierten Governance-Modellen, ökonomischem Druck, demografisch-sozialen Verschiebungen und einer kulturellen Aufwertung von Nachbarschaft und Care. Gleichzeitig gilt: Zwischen solidarischer Genossenschaft und renditeorientiertem Co-Living liegen sehr unterschiedliche Logiken. Wer über gemeinschaftliches Wohnen spricht, sollte daher immer fragen, wer besitzt, wer entscheidet, wer profitiert – und wie inklusiv und stabil das jeweilige Modell tatsächlich ist. 

    Und damit sind wir wieder bei der Rolle von Politik angelangt. Wird Südtirol die Kurve kratzen und sich gegenüber den Bedürfnissen der Gesellschaft öffnen? SALTO change wird das Thema weiterhin engagiert verfolgen.