Environment | Biodiversität

Die vergessene Krise

Der Planet Erde wird nicht nur wärmer, sondern auch artenärmer. Der Dachverband will deshalb mit einem einfachen Leitfaden in Südtirol für mehr Artenvielfalt sorgen.
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Foto: Dachverband für Natur- und Umweltschutz / Joachim Winkler
„Der Artenschwund steht zu Unrecht oft im Schatten des Klimawandels“, erklärt Kurt Kusstatscher vom Verein Sortengarten Südtirol bei der gemeinsamen Vorstellung des neuen Leitfadens zu Biodiversität des Dachverbands für Natur- und Umweltschutz.
Tatsächlich erschrecken die Zahlen zum Artensterben genauso wie die der Klimaerwärmung: Laut einem 2019 veröffentlichten Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) der Vereinten Nationen liegt die Rate des Artensterbens etwa hundertmal höher als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre, rund 25 Prozent der Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Der Haupttreiber des Artensterbens sei laut IPBES, wie Menschen Land und Ozeane seit Jahrzehnten nutzen und ausbeuten.
 
 
Auch in Südtirol geht die Biodiversität zurück und bedroht die Stabilität der Ökosysteme, die unsere Lebensgrundlage bilden. Denn sie erfüllen wichtige Funktionen, wie zum Beispiel die Bestäubung von Pflanzen oder die Reinigung von Luft und Wasser. Sie tragen außerdem zur Fruchtbarkeit der Böden bei und schützen vor Naturkatastrophen.
„Damit ein Ökosystem stabil ist, braucht es eine natürliche Vielfalt. Nur so kann es steigenden Temperaturen, Krankheiten und anderen neuen Herausforderungen widerstehen“, so Kusstatscher. Deshalb erarbeitete der Dachverband eine handliche Broschüre mit Beispielen und praktischen Tipps, um die Artenvielfalt hierzulande zu fördern.
 

Viel ungenutztes Potential

 
Wiesen, Hänge und Böschungen, aber auch Wege, Plätze und Dachflächen können wertvolle Lebensräume für die lokale Flora und Fauna bieten. Der Leitfaden richte sich daher sowohl an Gemeinden als auch an Unternehmen und Einzelpersonen. „Der Fokus liegt auf brachliegenden oder wenig genutzten Arealen in Siedlungsgebieten. Das kann ein Vorgarten sein, ein Flachdach oder sogar ein Parkplatz – es gibt unzählige Möglichkeiten“, sagt Josef Oberhofer, Präsident von Südtirols größter Umweltorganisation. „Es sind konkrete und einfach umsetzbare Maßnahmen, die wir zusammengefasst haben.“
Die Broschüre kann auf der Website des Dachverbands kostenlos heruntergeladen werden, die Gemeinden erhalten den Leitfaden für mehr Artenvielfalt in den nächsten Tagen per Post zugeschickt. „Der Leitfaden ist ein erster Anfang“, so Oberhofer. Ein weiteres Ziel sei, dass Südtiroler Gärtnereien heimisches Saatgut in ihr Angebot mitaufnehmen und das Bewusstsein für Artenvielfalt an ihre Kund:innen weitergeben.
 
 

Landwirtschaft in der Klemme

 
Dem Dachverband ist bewusst, dass neben Privatgärten und Grünstreifen von Parkplätzen auch in der Landwirtschaft mehr für die Artenvielfalt getan werden könnte. Geschäftsführerin Madeleine Rohrer verweist hier auf die Zusammenarbeit mit dem Roten Hahn des Bauernbundes beim gemeinsamen Projekt „Baumgart“, wo sie kürzlich die schönste Streuobstwiese Südtirols prämierten.
Doch der Weg ist noch weit. Auf dem Weltmarkt für Lebensmittel spielt Biodiversität noch eine marginale Rolle, obwohl bereits Konzerne wie Lidl und Rewe sich mit Projekten zur Artenvielfalt rühmen. Selbst bei biologischer Landwirtschaft sei der Schutz der Biodiversität laut Kusstatscher nicht immer vorbildlich: „Einerseits wirtschaften Bio-Betriebe ökologischer, andererseits spielt bei dem Thema nicht nur die Wirtschaftsweise, sondern auch die Intensität eine Rolle. In diesem Sinne ist ein konventionell intensiver Betrieb und ein biologisch intensiver Betrieb nicht sehr weit voneinander entfernt“, erklärt Kusstatscher vom Verein Sortengarten Südtirol. Das betreffe die Bodenbearbeitung, die Nutzung von Maschinen oder die Pflanzungsdichte.
Für die Artenvielfalt förderlich sei aber, dass die biologische Viehwirtschaft viel höhere Auflagen für den Weidebetrieb hat. Dadurch seien die Rinder häufiger auf der Wiese. „Das ist sicher ein großer Vorteil, weil beweidete Flächen sehr artenreich sind.“
Zum aktuellen Zeitpunkt stehe man also vor einem Paradox, da inmitten der Dörfer und Städte die Natur oft das größte Potential habe. Denn außerhalb der bebauten Gebiete werden viele Flächen intensiv landwirtschaftlich genutzt. Die intensive Bewirtschaftung und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wirken sich fatal auf die natürliche Vielfalt aus.
 

Viele kleine Schritte

 
„Vor der eigenen Haustür kann jede und jeder etwas für mehr Biodiversität tun. Auch kleine Flächen haben gemeinsam einen enormen Effekt“, betont Rohrer. „Solche natürlichen Inseln (Trittsteinbiotope) sind wichtig, weil sie bestehende Naturräume miteinander verbinden. Nur so können sich Kleintiere und Pflanzensamen großräumig verbreiten und ihre genetische Vielfalt bewahren.“
Die fünf Maximen für die Förderung der Biodiversität sind laut dem Dachverband die Folgenden: das Potential von ungenutzten Flächen erkennen, den Pflanzen und Tieren Raum und Zeit lassen, behutsame Handarbeit mit Harke und Rechen statt Herbiziden und (Torf-)Dünger, Grünflächen gekonnt kombinieren und „puzzeln“ sowie die Herkunft der Pflanzen beachten. Denn modische Zierpflanzen schaden im Zweifelsfall der Biodiversität. Daher empfiehlt der Dachverband, auf einheimische Arten und Samen zu setzen und im Fachhandel explizit danach zu fragen.
 
 

Europas Strategie

 
Die Aktion des Dachverbands reiht sich in eine Reihe von europäischen Initiativen ein, um die weltweit bedrohte Artenvielfalt zu schützen. Beispielsweise soll die Initiative „Natürlich Bayern“ in einem Fünfjahreszeitraum von 2018 bis 2023 mit 30 Einzelprojekten die heimischen Insekten schützen. Die EU veröffentlichte außerdem im Mai 2020 eine eigene Biodiversitätsstrategie bis 2030. Sie soll als Kernstück des europäischen Green Deals zu einer „grünen“ Erholung nach der Corona-Pandemie beitragen.
Eine der Maßnahmen der EU-Strategie ist es, den strengen Schutz von Gebieten mit sehr hohem Biodiversitäts- und Klimawert sicherzustellen. Als Grundlage dafür dient die sogenannte flächendeckende Lebensraumkartierung, die Daten zur Biodiversität enthält. Hier sieht Rohrer in Südtirol großen Aufholbedarf: „Unsere europäischen Nachbarländer haben bereits eine flächendeckende Lebensraumkartierung. Wir wissen nicht in ganz Südtirol, wo was wächst und wo was lebt. Das macht den Schutz der Artenvielfalt schwierig, beispielsweise bei der Frage, ob eine Gemeinde einen Wald in landwirtschaftliche Fläche umwidmen soll oder nicht.“
 
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Karl Gudauner Thu, 10/20/2022 - 19:03

Im Gesetz für Raum und Landschaft sollten Renaturierungspläne als Maßnahme zur Förderung der Artenvielfalt verankert werden, damit über den Schutz bestehender wertvoller Flächen hinaus je nach Beschaffenheit des Gebietes entsprechende neue Projekte, auch gemeindeübergreifend, verwirklicht werden können.

Thu, 10/20/2022 - 19:03 Permalink
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Hanspeter Staffler Fri, 10/28/2022 - 08:44

Das Artensterben ist eine schleichende Krise und wird in seiner Brisanz fast nur von Wissenschaftler:innen und Künstler:innen thematisiert. Für die Bevölkerung ist das Thema leider zu abstrakt, zu weit weg und daher ist es (fast) kein Thema in den politischen Gremien. Die EU einmal ausgenommen.

Fri, 10/28/2022 - 08:44 Permalink