Sprachlounge @ home
“Hört ihr mich?” - “Ja, aber wir sehen dich nicht” – “Kannst du dich bitte stumm schalten? Du hast soviel Hintergrundgeräusche” – “Hey, ich seh´ deine Katze hinter dir auf dem Sofa, so süß!”…Von diesen und ähnlichen Aussagen können im Moment wohl so Einige erzählen. Die Covid-19 Pandemie hat auch Südtirol komplett auf den Kopf gestellt und vor allem die Arbeitswelt ist zum Großteil in virtuelle Räume umgezogen. Dieser temporären Transformation hat sich auch das Team der Sprachlounge Bozen unterzogen, einem Sprachprojekt, dass seit nunmehr fast 19 Jahren vom Jugendzentrum “papperlapapp” in Zusammenarbeit mit der Sprachschule “Alphabeta piccadilly” organisiert wird. Wie setzt man ein sprachkulturelles Projekt um, dass sich über die wöchentliche Zusammenkunft im Jugendtreff und in verschiedenen Stadtbibliotheken mit bis 70 BesucherInnen pro Treffen definiert?
Die Antwort lag schnell auf der Hand: es musste eine online-Version dieses Projektes geschaffen werden. Sich virtuell auf Fremdsprachen in lockerem Ambiente unterhalten, um die eigenen Sprachkenntnisse aufzufrischen und in eine echte Konversation einfließen zu lassen – dazu sollte es eigentlich nicht viel brauchen. Doch auf den zweiten Blick wurde deutlich, dass es einige Hürden zu überwinden, technische Tricks zu verstehen und Vieles zu organisieren gab. Das “online-Team”, bestehend aus 12 erfahrenen ModeratorInnen und zwei KoordinatorInnen, schaffte es in wenigen Tagen, eine online-Version des Projektes zu entwickeln, die sich an dem Motto orientierte “DU kannst nicht zur Sprachlounge – also kommt die Sprachlounge ZU DIR”.
Insgesamt werden nun jede Woche acht Sprachtische unter dem Titel “Sprachlounge @ home” angeboten: Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Ladinisch und Südtirolerisch. Menschen jeden Alters können sich einfach per Mail den kostenfreien Newsletter abonnieren und sich so, ebenso kostenfrei, zu den Online-Treffen anmelden. Auch das Projekt “Sprich mit!” bietet seinen Deutsch-Tisch, sogar an drei Vormittagen in der Woche, in dieser online-Plattform an.
Die Resonanz der Besucher ist durchweg positiv: “Ich besuche schon seit einigen Jahren regelmäßig den ´English-Table´ im Papperlapapp. Deshalb fand ich das Online-Angebot eine tolle Gelegenheit, um trotz Ausgangssperre in Kontakt mit der englischen Sprache und mit den Besucherkollegen zu bleiben“, erzählt Ingrid, 61 Jahre, mit großer Begeisterung. Von Montag bis Donnerstag werden jede Woche insgesamt 12 online-Sprachtische organisiert, einige an den Abenden, andere am Vormittag und immer für die Dauer einer Stunde. Es reicht, auf einen Link zu klicken und schon ist man mitten drin im virtuellen Sprachzimmer. Patrizia, 31 Jahre, die die Sprachlounge ebenso schon vor dieser Ausnahmesituation besucht hat, beschreibt ihre Erfahrung am Portugiesisch-Tisch als sehr angenehm: “Online ist es nicht immer ganz einfach, zu interagieren und sich normal zu unterhalten. Aber zwischen dem Reden, dem “Witzeln” und Lachen, ist die Sprachlounge wirklich unterhaltsam und eine Stunde vergeht wie im Nu”. So wie sie, haben sich auch viele andere BesucherInnen an dieses neue Erlebnis gewagt. Besonders in dieser Zeit der sozialen Isolation, war es dem Jugendzentrum “papperlapapp” ein wichtiges Anliegen, auch mit diesem Projekt, den Menschen eine Möglichkeit zu geben, einfach und schnell in Kontakt mit Anderen zu kommen. Die ModeratorInnen haben dabei, wie immer bei der Sprachlounge, eine zentrale Rolle: sie leiten die Unterhaltung an, beherrschen die jeweilige Sprache als Muttersprache und geben den Besuchern auf diese Weise einen authentischen und angenehmen Rahmen. So manch ein Multi-Sprachtalent freut sich besonders über das aussergewöhnlich volle Wochenprogramm. So auch Leo, 66 Jahre: „Das Gute bei der Online-Sprachlounge ist, dass ich jetzt zwei Sprachen „gleichzeitig“ praktizieren kann: Spanisch am Dienstag und Englisch am Donnerstag. Das ist bei der „physischen“ Sprachlounge nicht möglich, da die Sprachen immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort angeboten werden“.
Bis Ende Mai wird die “Sprachlounge @ home” noch in den Wohnzimmern der Südtiroler (und auch der Besucher aus anderen Ländern und Städten!) Einzug halten. Dann ist diese Saison beendet, geht wohl als “Curiosum” in die Geschichte dieses Projektes ein und kann hoffentlich, wieder ganz normal, Anfang September aufgenommen werden. Denn dort, wo die gesprochene Sprache im Zentrum steht, geht es immer auch um diese wunderbar schönen “echten” Dinge, wie Blicke, Atmosphären und Umarmungen.
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