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Mehr Export und Arbeitskräfte für 2026

Die Handelskammer stell ihr Jahresprogramm vor. Aktuelle Krisen, schwache Exportmärkte und Fachkräftemangel verlangen einen Kurswechsel, erklärt Präsident Michl Ebner.
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Foto: Handelskammer
  • Die Weltlage ist angespannt – und das macht sich auch in Südtirol bemerkbar. Handelskonflikte, geopolitische Krisen und eine gedämpfte Konjunktur in den wichtigsten Exportmärkten erschweren die wirtschaftliche Planung. Dennoch will die Handelskammer für 2026 mehr „Internationalisierung“. Es sollen also so viele Unternehmen wie möglich an den Export herangeführt werden, wie der Generalsekretär der Handelskammer, Alfred Aberer, bei der heutigen Vorstellung des Jahresprogramms der Handelskammer erklärt. 

    Michl Ebner, Präsident der Handelskammer Bozen, erklärt gegenüber SALTO, dass das nicht widersprüchlich sei: „Wir kommen aus einigen Jahren der Krise heraus“, sagt Ebner. Er erkenne nun Anzeichen einer vorsichtigen Entspannung und sieht in der internationalen Lage den richtigen Zeitpunkt, die Handelsbeziehungen breiter aufzustellen.

  • Export zwischen Risiken und neuen Chancen

    Zwar seien die schuldenfinanzierten „Sonderfonds“ eine „etwas schwindelige“ Art, Deutschland aus der wirtschaftlichen Misere zu manövrieren, aber die massiven Investitionen in Infrastruktur und Verteidigungspolitik kommen auch den Nachbarländern zugute. Generell blickt der Handelskammer-Präsident mit vorsichtigen Optimismus auf das internationale Geschehen: Verhandlungen im Ukraine-Krieg, neue Handelsinitiativen mit Indien sowie das lang verhandelte Mercosur-Abkommen mit den Ländern Südamerikas könnten neue Perspektiven eröffnen.

    „Zölle bauen Behinderungen auf, ihr Abbau schafft Erleichterungen“, erklärt Ebner. Eine Lektion, die die USA noch zu lernen hätten. Länder oder Staatenbünde wie die EU müssten nun allerdings die Chance ergreifen, Handelsbeziehungen zu diversifizieren und neue Partnerschaften aufzubauen. Indien, das bevölkerungsreichste Land der Welt, rücke dabei zunehmend in den Fokus.

     

    „Ich halte wenig von Autarkie, aber sehr viel von Regionalität“

     

    Generalsekretär Aberer erläutert, dass die Handelskammer 2026 ihre Tätigkeiten der Export- und Internationalisierungsförderung für Südtiroler Unternehmen breiter aufstellen will. Konkret sind unter anderem individuelle Exportpläne, Export-Check-ups sowie weitere gezielte Weiterbildungsangebote vorgesehen. Zudem soll die Plattform „Südtirol exportiert“ weiter ausgebaut werden, um die Sichtbarkeit heimischer Unternehmen auf internationalen Märkten zu erhöhen.

    Auf die Frage, ob die aktuelle weltpolitische Lage Anlass sei, sich wirtschaftlich unabhängiger oder gar autark aufzustellen, spricht sich Ebner gegen eine Abschottungslogik aus. „Ich halte wenig von Autarkie, aber sehr viel von Regionalität“, sagt Ebner. Entscheidend sei nicht, sich vom internationalen Austausch zurückzuziehen, sondern eigene Ressourcen und Stärken konsequent zu nutzen. Diese seien in Südtirol: „Gehirne, unsere Landschaft und Energie, die wir aus Wasserkraft gewinnen können“. 

    Überhaupt sei Wasserkraft eine Ressource, die im Überfluss zur Verfügung stehe, aber nicht ausreichend genutzt werde, so Ebner. Technologisch sei es heute möglich, dieses Potenzial umweltverträglich zur Energiegewinnung zu nutzen, viele Private würden Interesse an der Produktion zeigen, und es gebe auch die Möglichkeit, die öffentliche Hand zu beteiligen. Aber oft würden Unternehmungen in diese Richtung blockiert, so Ebner: „Ich halte das für einen Fehler“.

  • Das Präsidium der Handelskammer: „Südtirols Stärken und Ressourcen konsequent nutzen.“ Foto: DO/SALTO
  • Ressourcen gegen den Fachkräftemangel

    Ein Schwerpunkt liegt auf dem Arbeitsmarkt. Südtirol verliere gut ausgebildete junge Menschen, die nach dem Studium im Ausland bleiben. Damit würden nicht nur dringend benötigte Kompetenzen verloren gehen, sondern auch erhebliche öffentliche Investitionen in Bildung und Ausbildung. Parallel dazu existiert ein bislang unzureichend genutztes inländisches Arbeitskräftepotenzial. Besonders problematisch sei die Gruppe jener rund 10.000 jungen Menschen, die sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung befänden. Ihre Integration in den Arbeitsmarkt sei notwendig, ersetze jedoch nicht die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte.

    Ein weiterer zentraler Aspekt betrifft die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Obwohl die Region im italienweiten Vergleich eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen aufweist, besteht im europäischen Vergleich, insbesondere gegenüber skandinavischen Ländern, weiterhin deutlicher Aufholbedarf. Viele Arbeitsplätze bleiben nicht deshalb unbesetzt, weil es an Stellen mangelt, sondern weil die angebotenen Arbeitsmodelle mit familiären Lebensrealitäten schwer vereinbar sind.

     

    „Bloß das Rentenalter zu erhöhen, greift zu kurz“

     

    Auch im Hinblick auf ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fordert Ebner eine differenziertere Herangehensweise. Eine bloße Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters greife zu kurz. „Es braucht flexiblere Übergänge in den Ruhestand, die etwa durch Teilzeitmodelle gefördert werden oder steuerliche Anreize bieten, falls Menschen sich entscheiden, berufstätig zu bleiben. Bloß das Rentenalter zu erhöhen, greift zu kurz“, erklärt Ebner.

    Von zentraler Bedeutung für die Handelskammer ist die Rückkehr jener Personen, die für Ausbildung und Beruf ins Ausland gegangen sind. Steuervorteile allein reichten nicht aus, um sie zurückzulocken, betont Ebner. Ausschlaggebend seien vielmehr die Lebensbedingungen insgesamt. Dazu zählen ein international konkurrenzfähiges Bildungssystem für Kinder, die beispielsweise im Ausland bereits eingeschult wurden, und nicht zuletzt: leistbarer Wohnraum.