Heimweh nach AurOra
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„Der ehrenamtliche Kulturverein AurOra ist mehr als nur ein Verein“, schreibt Elias Hauser vom Verein AurOra an SALTO, „er ist eine Brücke zwischen den Generationen und den Dörfern des Unterlands!“
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Europäische Fördergelder
Gute Anbindung: Idealer Umschlagplatz für Kultur und Unterhaltung. Das Mischwort „AurOra“ lässt die deutsche Ortsbezeichnung Auer mit der italienischen Bezeichnung Ora kongenial zum Namen Aurora verschmelzen und romantische Morgenröte-Momente im Unterland wach werden. Foto: Südtirol für alleSeit Jahren geht es an diesem verkehrstechnisch spannenden Knotenpunkt auch darum, das historische Bahnhofsgebäude „aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken“ und es in ein lebendiges Kulturzentrum für die gesamte Gegend zu verwandeln. Der seit Jahrzehnten überlieferte Name der exklusiven Location und des Vereins gilt als eines der schönsten Wortspiele in Südtirol und ist zugleich ein ironischer Hinweis auf die hierzulande immer wieder aufkeimende Diskussion rund um die zweisprachigen Ortsnamen auf Hinweisschildern.
„Gemeinsam mit externen Expertinnen und Experten aus dem Kultursektor soll der professionelle Betrieb des künftigen Zentrums vorbereitet werden.“
„Obwohl der Verein offiziell im Sommer 2024 gegründet wurde, engagieren sich viele der Mitglieder bereits seit Jahren für die Sanierung des architektonischen Juwels“, schreibt Hauser. Im vergangenen Jahr konnten bereits einige Veranstaltungen realisiert werden, die mitunter gezeigt haben, wie groß das Potenzial dieser gesellschaftspolitisch unverzichtbaren Insel im Unterland ist.„Auf politischer Ebene gibt es entscheidende Fortschritte zu vermelden“, so Hauser, „denn die Gemeinde Auer hat angekündigt, die Ausschreibung für die Projektierung der Renovierung demnächst zu veröffentlichen.“ Die AurOra-Macherinnen und -Macher freuen sich auch über eine vor wenigen Wochen erhaltene EU-Förderung durch das Europäische Solidaritätscorps sowie auf demnächst geplante Vorträge, Diskussionsabende, Workshops, Konzerte und Kinoabende. „Gemeinsam mit externen Expertinnen und Experten aus dem Kultursektor soll der professionelle Betrieb des künftigen Zentrums vorbereitet werden“, sagt er. Finalmente!
Bereits 2025 fand ein großes Sommerfest statt – mit Live-Musik, Freilichtkino und einem stimmungsvollen Restaurant im Grünen. Interessant war auch ein pädagogisch-historisches Projekt, bei dem in Kooperation mit den Grundschulen von Auer Schülerinnen und Schüler den alten Fleimstalbahnhof auf ihre eigene Weise entdeckten. Die Ergebnisse – Fotos, Zeichnungen und kreative Konzepte – wurden im in der Bibliothek Auer präsentiert. „Es war ein inspirierendes Projekt, das zeigte, wie sehr das Gebäude auch die Fantasie der Jüngsten beflügelt.“
Ein Haus für Alt und Jung?Viel Jung hat der alte Bahnhof sowieso! Kein Geringerer als der revolutionäre Schriftsteller und Dramaturg Franz Jung (1888–1963) kannte den Bahnhof in Auer und nutzte ihn nach dem Zweiten Weltkrieg mehrmals. Der staatenlose Jung fand nach seiner Freilassung aus dem Lager Bozen und einer Odyssee zwischen Nordtirol, dem Burggrafenamt und mehreren Orten Italiens ein rotes Haus in Masi di Cavalese, wo er und seine Partnerin für einige Zeit unterkommen konnten. Immer wieder nutzte er die Zugverbindung nach Auer, stieg hier aus der kleinen Bahn und in den nächsten Zug nach Bozen um. Oder umgekehrt.
Im Oktober 1948 fuhr Franz Jung ein letztes Mal mit der Bahn nach Auer und von dort weiter nach Bozen, um in der Landeshauptstadt seine letzten Habseligkeiten zu verkaufen. Dann verschwand er still und leise aus Südtirol und Italien. Doch er kehrte wieder zurück. Mit Heimweh/Nostalgia.
Berichterstatter aus den Dolomiten: Franz Jung war immer wieder am Bahnhof in Auer. Ab Oktober 1946 schickt er regelmäßig Briefe an seine politisch interessierten Freunde in New York. Und er beschrieb auch die Fleimstaler und Falaimstalerinnnen: „Ich kann mich über die Leute hier nicht beklagen, dieser Menschenschlag [...] ist härter als der Tiroler und mißtrauischer als der Italiener...“ Foto: Quelle: Edition NautilusMit George Grosz, Wieland Herzfelde und John Heartfield zählte Jung vor zu den Wegbereitern der Dada-Bewegung in Berlin. Ab Mitte der 1920er-Jahre gehörte er zum engen Kreis rund um den Theatermann Erwin Piscator, auf dessen Studiobühne er 1928 sein Theaterstück Heimweh zur Aufführung brachte. Für das Stück, das in Bühnentechnik und Inhalt bis heute aktuell ist, lieferte Heartfield das Bühnenbild, Hanns Eisler die Musik. Seine späteren Kontakte in Bozen und von Masi di Cavalese aus konnte Franz Jung auch für seine publizistische Tätigkeit nutzen. Er fand hier in den Bergen Übersetzer und durchaus Interesse aus dem italienischen Kulturraum an seinem schriftstellerischen Schaffen. Allerdings fand er keinen Verlag und keine Aufführungsmöglichkeiten für seine Theaterstücke.
Rund 20 Jahre nach Jungs Tod wurde das experimentelle Bühnenstück Heimweh vom Theaterregisseur Klaus Michael Grüber mit den Schauspielern Raf Vallone, Delia Boccardo, Gigi Pistilli und Lino Troisi aus der Versenkung geholt und feierte unter dem Titel Nostalgia 1984 am Piccolo Teatro in Mailand Premiere. Vielleicht gelangt es irgendwann sowohl in der deutschen als auch in der italienischen Version zum Kulturbahnhof AurOra.
Die Sanierung rückt näherDas sich in den Startlöchern befindende Kulturzentrum in Auer könnte längs der jungen, frischen und lokalen Vorgaben von BASIS in Schlanders, Ost West Club in Meran, Astra in Brixen und UFO in Bruneck zum alten wie neuen kulturellen Aushängeschild im Unterland werden.
Es hat jedenfalls den Anschein, dass der alte Bahnhof, genau 80 Jahre nachdem ihn Franz Jung regemäßig nutzte, sich schon bald zur bestgelegensten Kultur- und Wartestation im Land ins Gespräch bringt. Ende März sollen im Jugend Cultura-Point in Neumarkt die nächsten Weichen für AurOra gestellt werden. Am geplanten Abend (25. 3.) wird es die Möglichkeit geben, sich über den aktuellen Stand AurOra-Projekts zu informieren – auch werden Leute gesucht, die Lust haben, mitzugestalten.
Nächster Halt: Zukunft.Weitere Artikel zum Thema
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