Europas Schiedsrichterrolle
-
SALTO: Mr. Ross, derzeit herrscht große Spannung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Inwieweit geht es Ihrer Meinung nach dabei um Technologie und insbesondere um künstliche Intelligenz?
Alec Ross: Sicherlich spielen KI und Technologie dabei eine Rolle, aber das sind nur Nebenschauplätze, nicht die Ursache des Konflikts. In Wirklichkeit geht es darum, dass Donald Trump ein Tyrann ist. Er will alle und alles kontrollieren, ganz nach dem Motto „America first“. Die übrigen 194 Staaten der Welt sollen sich seiner Vorstellung nach hintenanstellen und den Interessen der USA unterordnen. Die Partnerschaft zwischen Europa und den USA, die es seit dem Zweiten Weltkrieg gibt, interessiert Trump schlichtweg nicht.
-
Zur Person
Alec Ross ist ein US-amerikanischer Autor und Experte für Innovation und Technologie. Er hat zwei international renommierte Sachbücher veröffentlicht. Unter der Präsidentschaft von Barack Obama und während der Amtszeit von Außenministerin Hillary Clinton war er als Regierungsberater im US-Außenministerium tätig. Derzeit lehrt er als Gastprofessor an der Bologna Business School der Universität Bologna.
-
Die USA sind dank Unternehmen wie OpenAI und Nvidia Vorreiter im Bereich der künstlichen Intelligenz. Wird Europa irgendwann zu den USA aufschließen können?
Man kann sich das Ganze wie ein Fußballspiel vorstellen: Es gibt zwei Mannschaften auf dem Spielfeld, in diesem Fall China und die Vereinigten Staaten. Die Europäer haben keine Mannschaft aufgestellt, sondern die Rolle des Schiedsrichters übernommen. Sie pfeifen, verteilen gelbe Karten und entscheiden über Fouls. Aber der Schiedsrichter gewinnt nie. Man kann das Spiel nur gewinnen, wenn man eine eigene Mannschaft aufstellt.
„Europa muss seine Spieler auf den Platz schicken“
Die gute Nachricht ist, dass Europa die Talente hat, wie etwa die Studierenden an der Uni Bozen. Was geändert werden muss, ist die bürokratische Denkweise: Wenn man Technologie und künstliche Intelligenz will, die europäische Werte widerspiegeln, wird man das nicht erreichen, indem man amerikanische oder chinesische Unternehmen reguliert. Denn irgendwann wird das die großen Player nicht mehr interessieren. Das ist nur erreichbar, indem eigene Unternehmen und eigene Produkte aufgebaut werden. Die Spieler sind also da, aber Europa muss sie auf den Platz schicken.
-
Glauben Sie, dass amerikanische Technologieunternehmen zu mächtig werden, und wie kann ihre Macht eingeschränkt werden?
Der Weg, die Macht wirklich mächtiger Unternehmen einzuschränken, besteht darin, eigene Unternehmen aufzubauen. Ein Beispiel: Heute kennen alle in Europa Nvidia, vor fünf Jahren kannte keiner diese Firma. Aber genau das machen die Amerikaner: Sie gründen Unternehmen, die mächtig werden. Wenn Europa also besorgt ist, dass Unternehmen zu mächtig werden, ist es meiner Meinung nach am besten, nicht zu versuchen, sie zu regulieren, sondern eigene Unternehmen zu gründen.
„Auf mich wirkt es, als würde Donald Trump eine Art private Miliz nach Italien entsenden.“
Teilen Sie die Bedenken der italienischen Bürger hinsichtlich des Einsatzes von ICE-Beamten in Italien während der Olympischen Spiele? Handelt es sich hierbei um eine Eskalation des transatlantischen Konflikts?
Ich mache mir keine Sorgen, dass ICE-Beamte gewaltsam gegen Italiener vorgehen könnten; das beunruhigt mich nicht. Was mich vielmehr beschäftigt, ist die Frage, warum sie überhaupt nach Italien kommen. Auf mich wirkt es, als würde Donald Trump eine Art private Miliz nach Italien entsenden. Ich habe selbst im US-Außenministerium gearbeitet und empfinde das Ganze als sehr befremdlich.
Ich bin der Ansicht, dass ein Einschreiten von ICE in Italien die Beziehungen zwischen Giorgia Meloni und Donald Trump massiv belasten — wenn nicht sogar zerstören — würde. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass es zu keiner Eskalation kommen wird. Dennoch kann ich nicht nachvollziehen, weshalb ICE überhaupt nach Italien geschickt wird.
-
Weitere Artikel zum Thema
Wirtschaft | GastbeitragHochleistungsrechner vor der Haustür
Kultur | WissenschaftVon Menschen und Maschinen
Chronik | KIWer profitiert von der KI?
Stimme zu, um die Kommentare zu lesen - oder auch selbst zu kommentieren. Du kannst Deine Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.