Politik | Bildungsdialog

Bildungsdialog ohne Bildungsdialog?

Landesrat Philipp Achammer und Bildungsdirektor Gustav Tschenett stellen eine Umfrage unter Lehrpersonen vor, aus denen Reformansätze abgeleitet werden sollen. Die Protestgruppen unter Südftirols Pädagoginnen und Pädagogen bleiben skeptisch.
Bildungsdialog PK Achammer und Tschenett
Foto: DO/Salto
  • Das Bildungssystem steht unter enormem Druck: Zum gesellschaftlichen Wandel gesellt sich hierzulande auch noch ein stockender Dialog zwischen Verwaltung, Schulen und Lehrerschaft. Der Bildungsdialog stellt in diesem Kontext den Versuch des Landesbildungsressorts dar, eine gemeinsame Gesprächsbasis zu finden. Dafür wurden Ende 2025 Pädagoginnen und Pädagogen aller Bildungsstufen, also vom Kindergarten bis zur Oberschule, inklusive Berufs- und Musikschule, eingeladen, bei einer Online-Befragung Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge zu geben. 

    Die Ergebnisse stellten Bildungslandesrat Philipp Achammer und der Direktor der Bildungsdirektion Gustav Tschenett vor. Davon wurden bereits Reformansätze abgeleitet, die etwa im Omnibusgesetz zur Bildung im Juni im Landtag vorgebracht werden sollen.

    Währenddessen wächst bei den Initiativgruppen der Eindruck, dass der eigentliche Dialog noch aussteht, wie Andrea Perger und Rebecca Lechthaler betonen.

  • Was sagt die Lehrerschaft?

    1.383 Fragebögen sind von Südtirols Pädagoginnen und Pädagogen ausgefüllt worden. Mit ihnen steht Landesrat Achammer am Rednerpult und holt zur Situation an Südtirols Kindergärten und Schulen weit aus: Gesellschaftliche Unsicherheit, verstärkt durch Pandemieerfahrungen und der Umgang mit Künstlicher Intelligenz, hätten die Anforderungen an Schule und Kindergarten enorm gesteigert. Die Antworten inden Fragebögen machen deutlich, dass es vor allem effizientere Abläufe und besseren Rahmenbedingungen für Lehrpersonen braucht. Die Kernbotschaften waren deutlich: Mehr Personal und Ressourcen gelten als Voraussetzung für gute Arbeit, Bürokratieabbausei dringend notwendig. Auch Sprachförderung und Integration wurden als zentrale Handlungsfelder benannt.

    Konkrete Maßnahmen sollen nun in mehreren Schritten folgen, erklärten Achammer und Tschenett. Eine Arbeitsgruppe analysiert die Rückmeldungen und soll bis April einen Impulsplan vorlegen. Es gehe darum, schnell und unmittelbar Maßnahmen zu erarbeiten, wie administrative Vereinfachungen: standardisierte Vorlagen, klarere Zuständigkeiten und eine bessere Vernetzung digitaler Plattformen. Digitalisierung wird aber auch zum Prüfstein: für manche ist sie eine Chance zur Entlastung, für andere eher ein zusätzlicher Bürokratiefaktor.

  • Bildungsdialog: Grundschullehrer waren die Hauptstimme bei der Online-Befragung. Foto: Bildungsressort Provinz
  • Die Arbeitsgruppe

    Die Arbeitsgruppe setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern aller Bildungsstufen sowie aus Verbänden, Gewerkschaften und der Verwaltung zusammen, die per Zufallsprinzip ausgewählt wurden: Sophie Pardeller (Kindergarten), Margit Demetz (Grundschule), Ulrike Biedermann (Mittelschule), Martina Peer (Oberschule), Gabriel Karnutsch (Berufsschule) und Jürgen Federer (Musikschule) vertreten die schulischen Bereiche. Hinzu kommen Stephan Tschigg von der Bildungsdirektion, Eva Niederegger (KSL), Christoph Buratti (ASM), Christoph Kofler (SDV)sowie die Gewerkschaftsvertreter Petra Nock und Hubert Kainz.

  • Achammer kündigte an, dass mittelfristige Lösungen in einem sogenannten Bildungsomnibus gesammelt werden sollen. Sie sollen weniger Sitzungen für Lehrpersonen zur Folge haben und gleichzeitig die Koordination von Teamarbeit vereinfachen. Das Omnibusgesetz ist ein erstes Gesetzespaket, das im Juni in den Landtag eingebracht wird. Es soll organisatorische Anpassungen ermöglichen, wobei Achammer betont, dass es sich dabei nicht um eine umfassende Systemreform handle.

    Langfristig rücke „die Anpassung des Personalschlüssels“ ins Zentrum. Trotz eines Rückgangs von rund 1.500 Schülerinnen und Schülern im deutschsprachigen Bereich in den vergangenen zehn Jahren sei der Personalbedarf deutlich gestiegen, so Achammer. Vermehrt hätten Kinder und Jugendliche intensivere Begleitung nötig – eine Tendenz, die sich bereits seit Jahren abzeichnete –, und dem wolle man mit mehr Personal im Inklusionsbereich entgegenkommen. Parallel dazu wird eine „Lehrplanentrümpelung“ in Aussicht gestellt.

  • Fahrplan: Bis März-April sollte die Arbeitsgruppe bereits Maßnahmen erarbeitet haben, so Achammer und Tschenett. Foto: Bildungsressort Provinz
  • „Wir bleiben im Ungewissen“

    Während das Ressort den Dialogprozess strukturiert und einen Fahrplan vorlegt, bleibt ein zentraler Punkt im Hintergrund: die Vertragsverhandlungen. 

    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gebe es keinen fixen Termin für die Gehaltsgespräche, kritisieren die Vertreterinnen der Initiativgruppe um Andrea Perger und Rebecca Lechthaler. Der selbst gesetzte Termin für den Verhandlungsschluss bis Ende März rücke näher, ohne dass konkrete Fortschritte gemacht wurden. 

    Achammer räumt ein, dass der Termin nicht eingehalten werden könne, man aber bemüht sei, innerhalb des Kindergarten- und Schuljahres zu einem Abschluss zu kommen. „Ja, es kann durchaus etwas schneller gehen, aber gleichzeitig liegt nicht in der Geschwindigkeit die Qualität. Es geht um komplexe Sachverhalte“, so Achammer.

    Auch bei der Frage, ob staatliche Gehaltserhöhungen über die Landeszulage „aufgesogen“ würden, sehen die Initiativvertreterinnen Klärungsbedarf. Kürzlich hat der Landtagsabgeordnete Andreas Leiter Reber (Freie Fraktion) gegenüber den Dolomiten beanstandet, dass die 140 Euro der staatlichen Gehaltserhöhung durch eine Reduktion der Landeszulage vom Land eingespart würden. Der Aussage von Landesrätin Magdalena Amhof, wonach es kollektivvertraglich nicht möglich sei, auf eine solche ‚Aufsaugung‘ zu verzichten, widersprach Leiter Reber: entscheidend sei der politische Wille.

    Achammer wiederum weist entsprechende Vorwürfe zurück: „Bisher wurden die staatlichen Erhöhungen nie auf Landesebene angewandt, sondern selber über die Landeszulage verhandelt. Wir wollen uns autonom entwickeln. Das gilt für Inflationsanpassungen, die Reallohnunanpassung sowie für die Annäherung der staatlichen Verträge an die Landesverträge. Zum anderen ist deutlich zu sagen: Wir reden von einem völlig anderen Niveau, wenn wir über die Entlohnung hierzulande reden, im Vergleich zur Entlohnung auf Staatsebene.“

     

    „Wenn das alles kein Geld kosten darf, dann bleibt die Qualität die gleiche!“

     

    Generell bleibt aus Sicht der Initiativgruppen der Eindruck eines Informationsdefizits bestehen. „Man wird im Ungewissen gelassen“, so Rebecca Lechthaler. Andrea Perger merkt zu den mittel- und langfristigen Maßnahmen an: „Der Bildungs-Omnibus war eigentlich für alle drei Sprachgruppen vorgesehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt mit den Italienern oder Ladinern abgesprochen wurde. Eher habe ich den Eindruck, dass sie davon gar nichts wissen. Auch bei der Entrümpelung des Lehrplans frage ich mich, ob das mit dem Ministerium abgeklärt wurde, schließlich haben wir eine zentrale staatliche Matura.“

    Reformansätze und organisatorische Anpassungen gebe es seit Jahren. „Was fehlt, ist der politische Wille zu einer spürbaren Investition in den Lehrkörper. Wenn das alles kein Geld kosten darf, dann bleibt die Qualität die gleiche“, heißt es von Lechthaler. 

    Die beiden Vertreterinnen der Vinschger Initiativgruppe merken zusätzlich an, dass das gemeinsame Treffen zwischen Land, Initiativgruppen und dem Landesbeirat der Schülerinnen und Schüler noch ausständig sei. Der Beirat habe ein gemeinsames Treffen mit Landesrätin Magdalena Amhof, Landesrat Philipp Achammer sowie den Initiativgruppen Qualitätsmarke Bildung und Bildung am Abgrund gefordert. Ein Termin sei noch nicht gefunden worden. „Das war eine tolle Initiative und wir freuen uns auf das Gespräch“, schließt Perger.