Vom Tisch ist das Misstrauen noch nicht
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Weiter geht es mit den Verhandlungen zwischen der Landesregierung und den Gewerkschaften zur Reallohnerhöhung des Südtiroler Lehrpersonals. Die Gewerkschaften berichteten bereits von konstruktiven Gesprächen und optimistischer Stimmung am Verhandlungstisch, aber was sagen die Initiativgruppen und die Lehrerschaft?
Im Gespräch mit SALTO erklären Andrea Perger und Rebecca Lechthaler von der Protest-Initiativgruppe Qualitätsmarke Bildung Südtirol, dass bei genauerem Hinsehen immer noch mehr Fragen als Antworten im Raum stehen. Die Kommunikation zwischen Basis und Gewerkschaften sei nicht überall gleich gewährleistet, von einigen fühle man sich besser vertreten als von anderen. Auch zur Debatte stehe noch, ob die Gehaltserhöhungen schlussendlich wirklich nicht an Zusatzleistungen gebunden werden, denn die Debatte im Landtag um das Thema Schulentwicklung sei diesbezüglich alles andere als beruhigend wahrgenommen worden. Unterm Strich: Vom Tisch ist Misstrauen noch nicht.
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Wo hakt es noch?
Der Status-quo: Am 3. Februar fand die erste Verhandlungsrunde für die Kollektivvertragsverhandlungen für das Personal im Bildungsbereich statt. In der Diskussion stand die Zuteilung von rund 90 Millionen Euro für die Reallohnerhöhungen. Das Ziel sei, dass alle Betroffenen rund 400 Euro brutto mehr bekommen sollen, wie Hermann Troger, der Vorsitzende der Landesagentur für die Beziehungen zu den Gewerkschaften, erklärte.
Es kursieren bereits konkretere Zahlen: Für das staatliche Lehrpersonal seien rund 62,2 Millionen Euro vorgesehen, für das Lehrpersonal auf Landesebene rund 30,3 Millionen. Diese Beträge würden jeweils auf rund 9.000 Staatslehrerinnen und -lehrer und etwa 4.200 Lehr- und Kindergartenpersonal des Landes aufgeteilt. Auch ASGB-Vorsitzende Petra Nock kennt diese Zahlen, betont jedoch: „Diese Aufteilung ist noch nicht definitiv!“
„Unsere Befürchtung ist, dass der Grundlohn mit den staatlichen Mitteln aufgebessert wird und parallel dazu die Landeszulage reduziert wird“
Die Initiativgruppen vermuten jedoch einen möglichen Haken bei den Gehaltserhöhungen. Auf staatlicher Ebene ist bereits am 5. November 2025 eine Erneuerung des nationalen Kollektivvertrages für das Lehrpersonal erfolgt, womit eine Erhöhung des staatlichen Grundgehalts von rund 416 Euro brutto einhergehe. Staatslehrerinnen und -lehrer in Südtirol erhalten zusätzlich zum staatlichen Grundgehalt eine Landeszulage für Mehrleistungen, da in Südtirol mehr Stunden geleistet werden, als dies vom staatlichen Vertrag vorgesehen ist.
Perger und Lechthaler erklären nun: „Unsere Befürchtung ist, dass der Grundlohn mit den staatlichen Mitteln aufgebessert wird und parallel dazu die Landeszulage reduziert wird, obwohl die Mehrleistungen nach wie vor erbracht werden. Dadurch würde das Land viel Geld sparen und die staatliche Erhöhung würde an der Lehrerschaft vorbeigehen“. Ein Phänomen, das man bereits aus der Vergangenheit kenne.
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Und es gibt weitere Unklarheiten: Landesrätin Amhof verkündete im vergangenen Jahr, dass dem Lehrpersonal für die Durchführung unterrichtsbegleitender Veranstaltungen ab der vierten Außendienststunde 5,60 Euro statt den ehemaligen 2,80 Euro vergütet werden würde. Lechthaler merkt hierzu an, dass aber gleichzeitig die dafür vorgesehenen Stundenkontingente nicht angepasst wurden. Die Geldmittel sind also nicht erhöht worden, sondern die Stundenanzahl für außerschulische Tätigkeiten wurde verringert. Die schlussendliche Zuteilung von Geldmitteln stehe noch nicht fest, aber dennoch gebe der Punkt zu denken.
Ernster werden die Bedenken bei der Formulierung von Bildungslandesrat Philipp Achammer, die auch jüngst wieder in der Landtagsdebatte zum Beschlussantrag vom Team K Ausdruck fanden. Während die Gewerkschaften darauf bestehen, dass Gehaltserhöhungen nicht an Zusatzleistungen gebunden werden, wurden neue Rollen im Schulsystem angedeutet, etwa Spezialistinnen und Spezialisten für Sprache, Digitalisierung oder Schulentwicklung. Offiziell ist von „keinen neuen Zusatzleistungen“ die Rede. In der Praxis, so Perger, bedeuten neue Funktionen jedoch neue Fortbildungen – die Landesrätin Rosmarie Pamer in ihrem Vortrag als „verpflichtend“ bezeichnete –, Koordinationsaufgaben und zusätzliche Belastungen, die sich auf das gesamte Kollegien übertragen.
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Besserer Austausch erwünscht!
Auf die Frage: „Fühlt sich die Lehrerbasis von den Gewerkschaften gehört?“, kann keine eindeutige Antwort gegeben werden. Kein Wunder, denn das Procedere der Verhandlungen ist komplizierter strukturiert, als man vermuten mag. Das beginnt bereits damit, dass es ‚den Verhandlungstisch‘ nicht gibt. Die laufenden Verhandlungen finden nämlich an getrennten Tischen für das Lehrpersonal auf staatlicher Ebene und für das Lehrpersonal auf Landesebene statt. Zudem vertreten die Gewerkschaften unterschiedliche Schwerpunkte. Die UIL-Scuola etwa hat vier zentrale Bedingungen formuliert, darunter die „vollständige Weitergabe der staatlichen Erhöhung und die Ablehnung von Lohnerhöhungen, die auf Mehrleistung basieren“, erklärt Perger, die sich auch als Gewerkschafterin für die UIL einsetzt.
„Wir wollen weder unnötig aufstacheln noch zu früh von allem ablassen“
Lechthaler schildert, dass der Austausch zwischen Gewerkschaften und Initiativgruppen uneinheitlich ist. Während einige Organisationen eine enge Rückbindung an die Basis pflegen, bleiben andere distanziert. „Das ist sehr schade, denn wir würden gern enger mit den Gewerkschaften zusammenarbeiten“, betont sie.
Auch Perger unterstreicht das Bedürfnis nach einer engen Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Initiativgruppen, da Letztere von der Lehrerschaft als Bezugspunkt für Neuigkeiten und Informationen verstanden werden. „Viele Lehrpersonen melden sich vor ihren Plenarsitzungen bei uns und erkundigen sich, ob Protestmaßnahmen aufrechterhalten oder zurückgefahren werden sollen. Bis dato raten wir meist zum Abwarten, denn wir wollen weder unnötig aufstacheln noch zu früh von allem ablassen“, so Perger.
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Mögliche Nachwirkungen
Der derzeitige Protest hat keine klar definierte Form und kein festes Enddatum. Er äußert sich vor allem im Rückzug aus freiwilligen Zusatzleistungen: Exkursionen, Begleitungen von schulischen Aktivitäten oder außerschulische Projekte wurden ausgesetzt. Auch wenn die Politik darauf drängt, „wieder zum Schulalltag zurückzukehren, wie wir ihn in Südtirol kennen“, wie Landesrätin Magdalena Amhof bereits formulierte, könnten viele Lehrkräfte den Protest als Neubewertung ihres Aufgabenbereiches verstehen.
Andrea Perger formuliert das wie folgt: „Es liegt an der Landesregierung, Verhältnisse herzustellen, um die intrinsische Motivation der Lehrpersonen wieder zu wecken, diese Tätigkeiten aufzunehmen. In einem sinnvollen Rahmen! Viele berichten nämlich, dass der Schulalltag viel übersichtlicher geworden ist.“ Auch von Schülerinnen und Schülern sowie von den Eltern komme vermehrt positives Feedback. Zu viele Aktivitäten hätten den Unterricht in der Vergangenheit eher belastet als bereichert. Der Protest wirkt damit wie ein Brennglas auf ein System, das über Jahre immer neue Aufgaben angehäuft hat, oder wie Lechthaler es ausdrückt: „Speziell kulturelle Angebote oder Angebote zur Stärkung der Klassengemeinschaft haben einen Mehrwert, andere weniger. Außerschulische Aktivitäten sind wichtig für die Klassengemeinschaft, aber mit Ziel und Gewichtung!“
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