„Betten sind grundsätzlich nachhaltig.“
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Nicht umsonst gibt es ein eigenes Nachhaltigkeitslabel Südtirol. Wir haben dazu Dr. Hans Tiefsinner befragt, der am Zukunftsinstitut zum Thema „Nachholende Entwicklung rückständiger Gebiete im Alpenraum durch forcierte Nachhaltigkeit“ forscht.
Frage: Südtirol preist sich in der Tourismuswerbung immer als besonders nachhaltig an. Wie geht der hemmungslose Bettenausbau mit Nachhaltigkeit zusammen?
Tiefsinner: Betten sind aus Holz, also grundsätzlich nachhaltig. Aus der Sicht des Klimaschutzes kann man nichts ernsthaft dagegen einwenden, weil Holz immer Kohlenstoff speichert, statt wieder CO2 freizusetzen. Im Übrigen dienen Betten dem Schlaf, ein CO2-neutraler Zustand, der auf jeden Fall gutes Klima fördert.
Die Umweltverbände machen geltend, dass es da ein quantitatives Problem gibt: immer mehr Betten und keine Obergrenze in Sicht.
Tiefsinner: Das Konzept „Bett“ ist flexibel zu verstehen. Die Unternehmen müssen damit kreativ umgehen, um den wachsenden Ansprüchen der Gäste zu genügen. Wenn es zu wenige gibt, dann stellen wir Zustellbetten auf. Wenn es zu viele Betten gibt, werden zwei Betten zu einem Kingsize-Bett umgestuft. Und damit stimmen dann die Zahlen wieder.
Doch lässt der geplante Zubau von zwölftausend neuen Gästebetten auch die Anreisen, den Verkehr und klimaschädliches Treibhausgas ansteigen, nicht wahr?
Tiefsinner: Theoretisch trifft das zu, doch kommen die meisten Gäste aus dem Norden und tanken im Ausland. Der Klimaschaden entsteht dort und nicht bei uns. Auf der Brenner-Südseite rollen die Fahrzeuge ohnehin mit nur minimalem Kraftstoffverbrauch herunter. Und überhaupt: in 50 Jahren läuft das alles elektrisch.
Nun war die Ziehung der Bettenobergrenze für den Sepember 2026 geplant. Ab dann erlaubt das Bettenstoppdekret vom September 2022 keine neuen Betten, außer jene einiger Ausnahmekategorien wie Urlaub auf dem Bauernhof.
Tiefsinner: Man muss die Obergrenzen immer als dynamisches Konzept begreifen. Starre Grenzen engen die Kreativität ein, beschränken die unternehmerische Initiative. Was wir brauchen, ist flexible Nachhaltigkeit und mobile Obergrenzen, die uns Freiraum für Entwicklung lassen. Schließlich gibt es noch viel freien Baugrund und man darf die vielen neuen Tourismuszonen doch nicht leer herumstehen lassen.
Damit sprechen Sie die Bodenversiegelung an, die laut Klimaplan in 15 Jahren auf null geenkt werden soll. Zudem setzt der Klimaplan das Ziel, schon 2030 den CO2-Ausstoß in Südtirol mehr als zu halbieren. Wie kann das bei steigendem Tourismus gehen?
Tiefsinner: Aber bitte, warum so fixiert auf starre Vorgaben? Wir dürfen das mit dem Klima nicht zu eng sehen. Wir müssen auch das Investitionsklima im Auge behalten. Pläne sind wie die Bibel: man kann sie so interpretieren, aber auch ganz anders. Wir müssen auch vorsorgen, dass unsere Kinder und Kindeskinder noch etwas vom Leben haben, nicht wahr?
Nun forschen Sie schon lange zur Nachhaltigkeit. Genügt die heutige Tourismusentwicklung in Südtirol diesem Anspruch?
Tiefsinner: Auf jeden Fall. Wir haben ja das Nachhaltigkeitslabel Südtirol. Nicht weniger als 14 von 23 als nachhaltig zertifizierten Destinationen Italiens liegen in Südtirol. Hunderte von Betrieben sind als nachhaltig zertifiziert. Wenn die neuen Hotels im Gebiet einer solchen Destination stehen, und das tun fast alle, sind sie eigentlich schon automatisch nachhaltig.
Wir hatten 2025 erstmals über neun Millionen Ankünfte und über 83% der Gäste kommen bekanntlich mit dem eigenen Fahrzeug. Sehen sie darin eine Gefahr?
Tiefsinner: Schauen Sie, wir sollten niemanden verbieten unser schönes Land zu besuchen. Wenn ein Gast mit seinem Auto nach Meran fährt, ist das immer noch besser, als wenn er nach Mallorca oder Teneriffa fliegt. Ja, ein Amerikaner oder eine Chinesin muss halt nach Südtirol fliegen, aber das wird per CO2-Klimazertifikat wieder kompensiert. Am Ende geht sich das klimaneutral aus.
Nun wenden einige Politiker ein, dass wir uns in Südtirol so viel Boden-, Energie-, Wasser- und Materialverbrauch für den Tourismus nicht mehr leisten können. Was ist dran?
Tiefsinner: Wir müssen uns das leisten können, weil Nachhaltigkeit viel Geld und Investitionen erfordert. Dafür brauchen wir eine hohe Auslastung der Betten und stabile Renditen. Das ergibt dann eine gute Ertragslage und Wachstum in der ganzen Branche mit mehr Beschäftigung. Das bringt wieder mehr Steuereinnahmen fürs Land. Dieses kann seinerseits mehr Beiträge an die Tourismuswirtschaft und Seilbahnwirtschaft ausschütten. Und das generiert neue Einnahmen für die Touristik und wird natürlich in Nachhaltigkeit investiert. Ist doch ganz einfach, nicht?
Ja, ich bin restlos überzeugt. Vielen Dank für das Gespräch.
Gegeben im Fasching 2026.
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