Kultur | Tirolensien

Brief aus Südtirol

Die Tirol Werbung, die offizielle Tourismus- und Standortmarketingorganisation des österreichischen Bundeslands Tirol, setzt Südtirol mit „Italy“ gleich und unterstellt dem Land "Italian flair" und einen "dialect impossible to understand".
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TIrol
Foto: Mg
  • Liebe Landsleute aus Nord- und Osttirol!

    neulich sind wir über euer Instagram-Posting gestolpert. Wir haben gelesen, dass ihr uns Südtiroler für „schwer verständliche Italiener“ haltet – und dass es die „Classic Alps Vibes“ eigentlich nur nördlich des Brenners gäbe. Nun denn: Erlaubt uns eine Antwort. Nicht grantig, aber doch deutlich.

    Fangen wir bei „Italy“ an. Dass Südtirol heute zu Italien gehört, haben wir uns nicht ausgesucht. Es ist Ergebnis der Geschichte – und die hat bekanntlich ihre eigenen, manchmal ziemlich groben Wege. Gerade deshalb wirkt es ein wenig billig, aus dieser Realität eine Art Charakterfrage zu machen, als wären wir „die Italiener“, nur weil die Staatsgrenze so gezogen wurde.

    Das Südtirol heute zu Italien gehört, ist Ergebnis der Geschichte

    Und damit sind wir beim zweiten Punkt: Sprache. Ja, bei uns wird Italienisch gesprochen – und Deutsch – und Ladinisch. Das ist keine Laune der Moderne, sondern Alltag. Viele Südtiroler wachsen zweisprachig auf, manche dreisprachig, und spätestens seit Privatfernsehen und Internet kann die jüngere Generation meist problemlos ins (Bundes-)Hochdeutsch wechseln; Englisch ist ohnehin längst in jedes Tal hinaufgewandert. Kurz: Wer in Südtirol lebt, lernt oft früh, zwischen Sprachen und Registern zu wechseln. Das ist nicht „Verwässerung“, sondern Kompetenz.

    Dass wir daneben – wie ihr – Dialekt sprechen, ist doch kein Makel, sondern Heimat. Und ja, manchmal pflegt bei uns gefühlt jedes Tal, gelegentlich jeder Weiler, seinen eigenen Zungenschlag. Aber Hand aufs Herz: Als ob das bei euch anders wäre. Gerade weil die „amtliche Mitteilung“ zum „dialect hard to understand“ aus dem Raum Innsbruck kam, müssen wir ein bisschen schmunzeln: In Nord- und in Osttirol gibt es Regionen – Ötztal, Defereggental, und andere – da wird selbst innerhalb des Landes bei Bedarf heruntergeregelt, damit’s für alle passt. Und das ist ja auch völlig in Ordnung. Dialekt ist zum Sprechen da, nicht zum Ausgrenzen. Wer kommunizieren will, findet einen Weg – meistens mit zwei, drei Schritten Richtung Standardsprache, einem Lächeln und der Bereitschaft, nicht jedes Wort als Prüfung zu verstehen.

    Dialekt zu sprechen ist kein Makel, sondern Heimat

    Wenn wir schon mit dem Finger auf „schwer verständlich“ zeigen: Verständlichkeit ist selten eine Eigenschaft der anderen, sondern meist eine Frage von Tempo, Wohlwollen und Gewöhnung. Wer jemanden verstehen will, versteht erstaunlich viel.

    Ein dritter Punkt ist euer Tonfall in Richtung „Italien“. Da möchten wir euch an etwas erinnern, nicht belehrend, nur nüchtern: In Südtirol gab es viele Menschen, die sich um Sprache und Kultur verdient gemacht haben – manche unter hohem persönlichem Risiko, manche unter wirklich gefährlichen Bedingungen. Das ist keine Folklore und kein Nostalgiealbum, sondern Teil unserer Familiengeschichten. Vielleicht ist es daher sinnvoll, mit großen Etiketten („Italiener“) etwas sparsamer zu sein.

    Tirol war durch seine Geschichte immer ein Ort der Sprachenvielfalt

    Die Geschichte hat eben auch ergeben, dass wir nach langem Ringen ein Autonomiestatut erreicht haben, das vielerorts in Europa als Vorbild genannt wird. Daraus folgt etwas ziemlich Unaufgeregtes: In Südtirol werden mehrere Sprachen gepflegt – institutionell und im Alltag. Das ist kein „Dazwischen“, das ist ein Modell. Und wer bei uns unterwegs ist, merkt schnell: Die Verständigung mit Gästen und Durchreisenden leidet nicht darunter – sie profitiert davon.

    Dazu kommt noch etwas, das man nicht unterschätzen sollte: Tirol war historisch nie so einsprachig, so sauber sortiert, so „eindeutig“, wie man sich das in Instagram-Sätzen manchmal zusammenreimt. Es gab immer Durchmischung, Handel, Saisonarbeit, Militär, Studenten, Reisende. Und nur als kleine historische Pointe am Rande: Als unser Land geteilt wurde, waren in Innsbruck mehr Italiensprachige aufhältig als in Bozen. Wenn man also „italofob“ sein wollte (was wir natürlich niemandem unterstellen), wäre das ausgerechnet in Innsbruck nicht besonders traditionstreu.

    Der Sizilianer am Innrain in Innsbruck

    Und jetzt noch zur Kulinarik – weil sie in solchen Debatten zuverlässig auftaucht: Die Erwähnung „guter italienischer Küche“ als Argument ist, mit Verlaub, etwas peinlich. Inzwischen hat jedes Land seinen Italiener um die Ecke – so wie seinen Chinesen und seinen Inder. So nebenbei: Ich bin nicht mehr der Jüngste – ich habe in meinem Leben also schon sehr, sehr viele Pizzen gegessen. Die beste Pizza meines Lebens habe ich ausgerechnet in Innsbruck gegessen, beim Sizilianer am Innrain.

    Aber vielleicht ist das Ganze am Ende ohnehin nur ein Missverständnis. Wer hat nicht schon einmal einen Blödsinn online gepostet? Das passiert. Umso besser wäre es, wenn wir den Blick wieder nach vorne richten. Denn die Zukunft hat doch – gerade für unsere Region – einmal richtig gut angefangen: mit Österreichs EU-Beitritt und der Europaregion Tirol. Wenn ihr euch im Kern weiterhin als Teil dieser Europaregion versteht, dann gehört eine schlichte Tatsache dazu: Diese Region ist dreisprachig – Deutsch, Italienisch und Ladinisch. Das ist kein Störgeräusch. Das ist ihr Charakter.

    So. Ich hoffe, damit ist das Wichtigste klargestellt – nicht als Angriff, sondern als Einladung, den Brenner nicht als kulturelle Mauer zu denken, sondern als Pass, über den man seit jeher geht: mal schwer, mal leicht, aber immer miteinander.

    Mit landsmännischem Gruß / Con saluti paesani / Cun salüc paesans!