Bühne | Jazz-Musik

Die Stimme als Instrument

Die Südtirolerin Laura Zöschg kehrt mit dem Kollektiv Undercurrent für ein Heimspiel zurück. Ein Gespräch über Improvisation und die Stimme als grenzenloses Instrument und die Freiheit der Improvisation.
Ensemble Undercurrent Laura Zöschg
Foto: aurelijus uyameckis
  • SALTO: Wie fühlt es sich für Sie an, die experimentellen Klänge, die Sie in der Kopenhagener Szene entwickelt haben, nun zurück in die Südtiroler Heimat in den Kulturkeller Dekadenz zu bringen?

    Laura Zöschg: Es fühlt sich sehr aufregend an, ich bin aber trotzdem auch etwas nervös, vor Leuten aufzutreten, die ich gut kenne. Hauptsächlich ist da aber eine sehr große Freude darüber, dass ich gemeinsam mit meinen Bandkollegen von Undercurrent unsere Musik erstmals in Südtirol live präsentieren darf. Ich bin schon gespannt, wie die Musik beim Publikum ankommen wird, und welche Gefühle sie bei den Menschen auslösen wird. Das erste (und letzte) Mal habe ich meine erste eigene Band im Februar 2020 in die Dekadenz gebracht, und da war ich noch unsicherer darüber, weil ich das erste Mal eigene Musik präsentierte. Aber jetzt freue ich mich einfach darauf, das Publikum mit einem sehr vielfältigen musikalischen Programm und mit meinen fantastischen Bandkolleg*innen zu überraschen.

  • Jeder im Ensemble hat die Verantwortung und die Möglichkeit, das Gesamtklangbild zu gestalten: Foto: Hannah Unteregelsbacher

    Sie nutzen Ihre Stimme oft eher als variables Instrument denn als reinen Textträger – wie entscheiden Sie im Moment der freien Improvisation, welche Farbe oder welcher klangliche Bruch gerade die richtige Antwort auf das Ensemble ist?

    Im Idealfall ist es nicht wirklich eine bewusste Entscheidung darüber, welchen Klang oder Stimmfarbe ich in eine Improvisation mit dem Ensemble einbringe. Wenn ich total präsent bin und dem, was gerade in der Improvisation im Ensemble passiert, genau zuhöre, kommt es dann meistens einfach so aus mir heraus. Das Tolle daran ist, dass es da kein Richtig oder Falsch gibt, man schwimmt vielmehr mit dem eigenen kreativen Fluss und dem des Ensembles mit.

     

    Man muss dazu sagen, manchmal funktioniert das alles super, manchmal weniger. 

     

     Jeder im Ensemble hat die Verantwortung und die Möglichkeit, das Gesamtklangbild zu gestalten, zu verändern und mit ihm zu brechen, was das Ganze für mich interessant macht. Man muss dazu sagen, manchmal funktioniert das alles super, manchmal weniger. Das liegt in der Natur der Improvisation, was ich sehr daran mag, und mich auch von meinem Perfektionismus wegbringt. Die Klänge, Farben und verschiedenen Stimmtechniken, die ich beim Improvisieren verwende, habe ich im Laufe der letzten fünf Jahre in meinen „Wortschatz“ oder meine „Klangbibliothek“ aufgenommen, durch das viele Experimentieren mit meiner Stimme, das Sammeln von Inspirationen von anderen wahnsinnig tollen Sänger*innen und Musiker*innen,  durch Konzerte und Musik hören, das Kennenlernen von Volksmusik und Gesangstechniken aus verschiedensten Ländern, und vieles mehr.

     

  • Zur Person

    Die Musikerin und Komponistin Laura Zöschg arbeitet mit freier Improvisation und experimenteller Musik. Ihre Ausdrucksmittel sind die verschiedenen Farben und Klänge ihrer Stimme, und für bestimmte Projekte auch das Experimentieren auf dem Klavier, der Orgel, und der Querflöte. Laura gibt in ganz Europa Konzerte mit verschiedenen Bands und Projekten, wie z.B. Yii, Blaume, mimicri, Undercurrent, und ihr Soloprojekt LOA. Zu ihren jüngsten Veröffentlichungen gehören die Debüt-EP „excess air“ von Blaume, eine improvisierte Solo-EP auf der Kirchenorgel mit dem Titel „sem“ und ein Feature auf dem Album „I Can Feel My Dreams“ des Multi-instrumentalisten und Komponisten Damian Dalla Torre (IT/DE). Aufgewachsen in Schabs in Südtirol, lebt und arbeitet Laura nun seit 2022 in Kopenhagen, Dänemark.

  • Inwiefern prägt das CRRNT Collective und der dort gelebte kollektive Prozess Ihr Verständnis von musikalischer Freiheit im Vergleich zu eher klassischen Jazz-Strukturen?

    Meine Erfahrung während des Jazzstudiums war, dass die Strukturen und Hierarchien in klassischen Jazzbands und Konstellationen schon noch sehr starr und geordnet sind. Es ging auch oft darum, sich beweisen zu müssen. Als weibliche Sängerin spürte ich den Druck auf mir, so gut wie möglich sein zu müssen, damit ich überhaupt ein bisschen an das Niveau der männlichen Kollegen (meist Instrumentalisten) rankomme und als Musikerin respektiert werde. Irgendwie hatte ich also das Gefühl, immer abliefern zu müssen, die kreative Freiheit und meine individuelle Ausdrucksweise standen da eher im Hintergrund.

     

    Jeder bringt sich mit seinem eigenen Ausdruck ein und bringt Ideen für Kompositionen mit.

    Der kollektive kreative Prozess, den ich mit vielen meiner Bands und auch mit Undercurrent bzw. CRRNT Collective pflege, ist das komplette Gegenteil. Jeder bringt sich mit seinem eigenen Ausdruck ein und bringt Ideen für Kompositionen mit; alles darf da sein und wir dürfen auch an den Ideen der anderen basteln. Es ist nicht wichtig, wer genau welches Stück, welchen Teil eines Stückes geschrieben hat, sondern viel mehr, dass auf der Bühne oder im  Album dann die Musik hervorkommt, die wir als unsere gemeinsame sehen.

    Was fasziniert Sie an der Kombination von Stimme mit so unterschiedlichen Instrumenten wie der Kirchenorgel oder Elektronik und wie beeinflussen diese Medien Ihren eigenen vokalen Ausdruck?

    Mir macht es sehr Spaß, mit Instrumenten zu experimentieren, auf denen ich keine „Expertin“ bin. Ich kombiniere die Orgel, mein Effektgerät, die Flöte oder das Klavier gerne mit meiner Stimme, weil ich mich dann selbst zwinge, perfektionistische Musik zu machen und zu  kreieren loszulassen. Meine Stimme kenne ich mittlerweile so gut, dass es nicht so oft vorkommt, dass mich ein Klang überrascht. Bei den anderen Instrumenten passiert das aber dauernd, und das ist für meine Ohren das Interessante. Das Einbringen von verschiedenen Instrumenten in meine kreativen Prozesse bringt meine Inspiration in Gang und vervielfältigt die Möglichkeiten meines musikalischen Ausdrucks.

  • Es ist nicht wichtig, wer genau welches Stück, welchen Teil eines Stückes geschrieben hat: Foto: Michael Pezzei
  • Nach Ihren Stationen in Graz, Aarhus und Kopenhagen: Gibt es ein bestimmtes Gefühl oder ein Klangbild aus Ihrer Südtiroler Kindheit, das unbewusst noch immer in Ihre heutige experimentelle Musik einfließt?

    Da gibt es sehr Vieles aus meiner Kindheit in Südtirol, das mich und meine Musik unbewusst oder manchmal auch bewusst beeinflusst, es ist nur schwierig, dies genau zu benennen. Ich hatte das Glück, ständig von Musik umgeben zu sein und habe viele tolle Erinnerungen: Mit meinem Papa Luis im Auto die gesamte Musikmediathek auf seinem iPod durchhören, die Konzerte meines Papas im Publikum miterleben, auf unserem Balkon dem Regen zuschauen und Regenlieder erfinden, meine Zeit in der Musikschule, bei der Musikkapelle, im Jugendchor, da kommt schon sehr Vieles zusammen. Irgendwie glaube ich, dass all das in meine Musik auf irgendeine Weise einfließt. Die letzten Jahre habe ich immer wieder mal das Lied „Mei Madele, bei Tschurale“ in verschiedenen Konstellationen gespielt; der Text berührt mich einfach immer wieder sehr, weil ich mich ein bisschen als das erwachsen gewordene „Madele“ sehe, dass jetzt die Botschaft hinter dem Gute-Nacht-Lied versteht.

  • Band und Konzert

    Undercurrent live Das internationale Ensemble Undercurrent ist die musikalische Ausdrucksform des in Kopenhagen ansässigen CRRNT Collective. In der siebenköpfigen Formation verschmelzen freier Jazz, lyrische Elemente und experimentelle Klangtexturen zu einer offenen Form, die sich in jedem Konzert neu erfindet. Angeführt von der Südtiroler Sängerin und Komponistin Laura Zöschg, setzt die Band auf kollektive Improvisation und intensives Zuhören. Das Konzert im Kulturkeller Dekadenz in Brixen beginnt am Donnerstag, den 08.01., um 20:30 Uhr. Weitere Informationen und Tickets gibt es unter www.dekadenz.it.