Gesellschaft | Interview

„Keine Kommunisten unter den Polizisten“

Vom Partisanen zum Polizisten: Historiker Lorenzo Gardumi beschäftigt sich mit der ideologischen Ausrichtung von Ordnungskräften im Trentino der Nachkriegszeit.
Trient 1945, Partisanenpolizei
Foto: Trento 1850-1950: cento anni di storia e cronaca nella fotografia, Temi, Trento 1973
  • SALTO: Herr Gardumi, in einem Beitrag für die Südtiroler Zeitschrift „Geschichte und Region“ beschäftigen Sie sich mit der Polizei der Partisanen nach dem Zweiten Weltkrieg im Trentino. Welche Rolle spielte sie?

    Lorenzo Gardumi: Die Polizeieinheit der Partisanen wurde im Juli 1945 gegründet, in einer Zeit großer Unsicherheit. Als die Alliierten in Italien einmarschierten, waren sie froh, dass sie eine organisierte und bewaffnete antifaschistische und patriotische Gruppierung vorfanden. Die Polizei der Partisanen ist damit ein Versuch, nach 20 Jahren faschistischer Herrschaft eine neue Führungsriege zu etablieren und zugleich die Trentiner Partisanen zu entwaffnen. 

     

    „Die Partisanen waren zwar beauftragt, Mitglieder des faschistischen Regimes zu verhaften, doch die chaotische Lage brachte das bald zu einem Ende.“

     

    Ist dieser Versuch gelungen? 

    Teilweise. Die Partisanen unterstützten in der Nachkriegszeit die traditionellen Ordnungskräfte der Polizei und des Militärs, da es ihnen anfangs nicht nur an Personal, sondern auch an Waffen fehlte. Außerdem wurden die Partisanen vor allem dafür eingesetzt, den Schmuggel von Tabak, Alkohol und Lebensmitteln zu unterbinden. Nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten wurden 150 Partisanenpolizisten vor allem in Grenzgebieten eingesetzt, um dort gegen den Schwarzmarkt vorzugehen.

  • Zur Person

    Der Historiker Lorenzo Gardumi, Jahrgang 1974, wuchs in Rovereto auf und studierte in Bologna Geschichte. Seine Doktorarbeit verfasste er zu Rechtsstaatlichkeit und Gewalt in der Nachkriegszeit in Italien, dabei beschäftigte er sich auch mit der Polizei der Partisanen. Gardumi arbeitet für die Stiftung Museo storico del Trentino. Im letzten Jahr erschien ein Gastbeitrag von ihm in der Südtiroler Zeitschrift „Geschichte und Region“ (Ausgabe zur Polizeigeschichte 34/2025, 1).

  • Lorenzo Gardumi: Foto: privat

    War das ihre einzige Aufgabe?

    Im Gegensatz zum übrigen Norditalien gab es im Trentino keine Abrechnung mit Kollaborateuren und Faschisten. Das Nationale Befreiungskomitee hatte zwar die Partisanen beauftragt, Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten des faschistischen Regimes zu verhaften, doch die prekäre und chaotische Lage brachte dieses Vorhaben schon bald zu einem Ende. Manche der Partisanenpolizisten hegten Rachegefühle gegenüber Faschisten und Kollaborateuren. Das Massaker von Schio im Juli 1945 sowie Gewalt- und Vergeltungsakte im Trentino beunruhigten die öffentliche Meinung und lösten auch bei den Carabinieri Misstrauen gegenüber der Partisanenpolizei aus.

     

    „Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich der Kalte Krieg ab und man wollte keine Kommunisten unter den Polizisten haben.“

     

    Wie reagierte Rom auf diese Geschehnisse?

    Auf Druck der Partei Democrazia Cristiana und deren Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi wurde die Polizei der Partisanen am 1. Mai 1946 aufgelöst, weil sie nicht vertrauenswürdig genug erschien. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich der Kalte Krieg ab und man wollte keine Kommunisten unter den Polizisten haben. Laut meinen Recherchen sind nur wenige der Partisanen Teil der Ordnungskräfte geblieben und innerhalb des Polizeiapparats aufgestiegen. Leider gibt es dazu nur wenige historische Quellen und auch keine italienweite Studie.

    Wie beurteilen Sie den italienischen Widerstand der Partisanen im Vergleich zum Widerstand im nationalsozialistischen Deutschland?

    Die deutsche Widerstandsbewegung musste unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten, denn das NS-Regime hatte mit der Gestapo und der SS (Schutzstaffel, Anm. d. Red.) ein engmaschiges Netz der Kontrolle und Bespitzelung eingeführt. Der italienische Widerstand war hingegen eine politische und militärische Bewegung gegen den Faschismus, der unter ganz anderen Voraussetzungen entstanden war.