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Auf Medaillenjagd

Omar Visintin tritt zu seiner vierten Olympiade an. Mit SALTO hat er über seinen Werdegang, das Olympiateam, Nachhaltigkeit und den Weltfrieden gesprochen.
Visintin Olympia 2022
Foto: Privat
  • SALTO: Herr Visintin, die Olympischen Spiele werden heute eröffnet. Sind Sie aufgeregt oder ist man gelassener, wenn man schon mehrmals dabei war?

    Omar Visintin: Ein wenig aufgeregt bin ich schon, blicke dem Ganzen aber gelassen entgegen. Die Olympiateilnahme ist immer etwas Besonderes, der Traum eines jeden Sportlers. Ich freue mich auch diesmal, um die Medaillen mitkämpfen zu dürfen, auch wenn es bereits meine vierte Olympiade ist. Das erste Mal war ich 2014 in Sotschi dabei und auch bei den Olympiaden 2018 und 2022 durfte ich an den Start gehen. Aber die aktuelle Heim-Olympiade ist natürlich ein echtes Highlight.

     

    „Ich bin immer so lange auf der Piste geblieben, bis der Lift zugemacht hat.“


    Sie haben als Kind sehr viele andere Sportarten ausprobiert. Wieso haben Sie sich schlussendlich fürs Snowboard und spezifisch fürs Snowboardcross entschieden?

    Ich war von Sport generell begeistert und zum Glück haben meine Eltern mich sehr viel ausprobieren lassen. Aber das Snowboarden hat mir besonders gefallen: Mit sechs oder sieben Jahren habe ich es ausprobiert und ich konnte früh erste Erfolgserlebnisse sammeln. Ich war damals so begeistert vom Snowboarden, dass ich immer so lange auf der Piste geblieben bin, bis der Lift zugemacht hat. Mit 18 wurde ich dann in die Nationalmannschaft aufgenommen, obwohl ich auch in den alpinen Kategorien angetreten bin. Aber Snowboardcross hat mir sowieso besser gefallen, da es dort mehr Action gibt.

  • Zur Person

    Omar Visintin (36) ist ein Snowboardcross-Spezialist aus Algund. Sein Weltcupdebüt gab er im Jahr 2008. Visintin nahm an den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi (Russland), 2018 in Pyeongchang (Südkorea) und 2022 in Peking (China) teil. Seinen größten Erfolg feierte er bei der Olympiade 2022, bei welcher er Bronze im Einzel sowie Silber im Teamwettbewerb gewann. Am 12. Februar wird Omar Visintin bei der italienischen Heim-Olympiade an den Start gehen.

  • Wann wussten Sie, dass Sie Profi-Sportler werden wollen?

    Das war bereits mein Kindheitstraum. In der Grundschule habe ich in einem Brief an mein zukünftiges Ich geschrieben, dass ich Profi-Sportler werden will. 

    Profi-Sportler ist ein zeitintensiver Job mit nur wenig Ferien. Wie ausgelastet ist man als Snowboarder?

    Es ist ein Vollzeitjob, aber der schönste, den ich mir vorstellen kann. Jeden Tag aufzustehen und ins Büro zu gehen, wäre nichts für mich. Aber natürlich verlangt es einem mental und physisch einiges ab.

  • „In Italien gibt es zum Glück die Sportgruppen von Polizei, Carabinieri und Esercito.“


    Apropos Vollzeitjob, kann man vom Job Profi-Snowboarder leben?

    Ja, denn in Italien gibt es zum Glück die Sportgruppen von Polizei, Carabinieri und Esercito. Ich bin seit meiner ersten vollständigen Weltcup-Saison 2010/11 Teil von letzterem. Ich bin offiziell angestellt, habe also einen „normalen“ Job, der darin besteht, zu trainieren und Rennen zu fahren. Der Hauptvorteil ist, dass die Rente eingezahlt wird, was einem eine gewisse Sicherheit gibt. Ohne diese Unterstützung ginge es nicht. Eine Ausnahme bilden die Spitzensportler, welche genug Sponsorengeld hereinbekommen. Aber da muss man erst hinkommen, und wenn man nebenher arbeitet gestaltet sich das schwierig.

    Wie steht es ums Verletzungsrisiko in Ihrer Disziplin, dem Snowboard-Cross?

    Das ist leider relativ hoch. Viele Athleten, die eine Saison starten, können sie nicht zu Ende bringen. Kontakt gehört im Snowboard-Cross genauso dazu wie hohe Geschwindigkeit und viele Sprünge. Da reicht oft schon ein kleiner Fehler von dir oder einem Gegner, und es kommt zum Sturz. Zum Glück bin ich bisher von größeren Verletzungen verschont geblieben – abgesehen von ein paar Gehirnerschütterungen. 

  • Omar Visitin im SALTO-Interview: "Ich bin froh darüber, nicht so einen Promi-Status wie Dominik Paris oder gar Jannik Sinner zu haben." Foto: Othmar Seehauser
  • Sie sind vor etwa einem Jahr Vater geworden. Hat das Ihre Sicht auf den Sport verändert?

    Absolut. Bei einem Weltcup-Rennen im Dezember etwa ist ein Teamkollege, der eine Tochter im gleichen Alter hat wie ich, vor den Augen seiner Familie gestürzt. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert, aber in solchen Momenten wird man nachdenklich: Vielleicht ist das nicht der ideale Sport für einen Familienvater. Aber dass ich im Rennen selbst vorsichtiger bin, würde ich nicht sagen. Wenn du da oben stehst, dann willst du auch gewinnen.

    Fühlen Sie sich als Profi-Snowboarder in Südtirol ein bisschen wie ein Promi?

    Nein, nicht wirklich. Meine Disziplin ist relativ unbekannt bei uns, auch wenn ich durch die Olympiamedaillen vor vier Jahren etwas bekannter geworden bin. Einige erkennen mich auf der Straße, aber in Südtirol sind zum Glück alle im Umgang sehr respektvoll. Ich bin sogar froh darüber, nicht so einen Promi-Status wie Dominik Paris oder gar Jannik Sinner zu haben: Ich kann das Sportlerdasein genießen, ohne ständig im Mittelpunkt stehen zu müssen.

  • Kurven, Sprünge, Welllen

    Snowboardcross ist eine der fünf Snowboard-Disziplinen bei den olympischen Winterspielen. Dabei treten vier Athleten gleichzeitig auf einer speziell präparierten Strecke mit Kurven, Sprüngen und Wellen gegeneinander an. Die weiteren Snowboard-Disziplinen sind Parallel-Riesenslalom,Halfpipe, Slopestyle und Big Air. Snowboardcross ist seit 2006 olympisch. Die anderen Südtiroler Snowboarder, Aaron March, Roland Fischnaller und Jasmin Coratti, fahren Parallel-Riesenslalom. Alle Snowboard-Wettbewerbe bei der heurigen Olympiade werden in Livigno (Valtellino) ausgetragen.

  • Ihr Kollege Ronald Fischnaller ist 45 Jahre alt und schon zum siebten Mal bei der Olympiade dabei. Haben auch Sie vor in einem Jahrzehnt noch dabei zu sein?

    Ich werde wahrscheinlich nicht so lange fahren wie er. Es ist wirklich beeindruckend, was er in diesem Alter leistet und welche Erfolge er diese Saison einfährt. Im Snowboardcross wäre es schwieriger für so lange Zeit zu fahren, schlicht aus dem Grund, dass es viel mehr Stürze gibt. Der älteste aktive Athlet meiner Disziplin ist etwas über 40 Jahre alt – eine absolute Ausnahme. Mit meinen 36 Jahren gehöre ich schon eindeutig zu den älteren.

    Wie eng sind die Beziehungen unter den Snowboardern im Olympiateam?

    Wir kennen und verstehen uns alle gut. Eine besonders enge Beziehung habe ich mit den alpinen Snowboardern Roland Fischnaller und Aaron March, weil ich bis 18 auch in ihrer Disziplin mitgefahren bin. Da sie in einer anderen Unterdisziplin des Snowboardens antreten, sind wir eher Kollegen als Konkurrenten. Die Stimmung zwischen allen Snowboard-Teams ist gut, jeder verfolgt die Rennen der anderen und freut sich über gute Ergebnisse.

  • Bei der letzten Olympiade konnten Sie zwei Medaillen holen. Wird das auch diesmal möglich sein?

    Es ist definitiv mein Ziel, wieder eine Medaille zu gewinnen. Aber ich gehe mit viel weniger Druck in die Rennen, da ich bereits bei der letzten Olympiade solche Erfolge feiern konnte.

    Aufgrund der Tatsache, dass die olympischen Winterspiele in Italien ausgetragen werden, ist Nachhaltigkeit aktuell ein großes Thema. Denken Sie als Sportler auch darüber nach oder liegt da der Fokus auf dem Sport?

    Vor den olympischen Spielen gibt es immer wieder Polemiken darüber, wie nachhaltig das Ganze ist. Ich denke auf jeden Fall darüber nach und habe es im Hinterkopf, aber während Olympia ist für mich der Sport im Vordergrund.

     

    „Jeder sollte sich mit der Nachhaltigkeitsthematik beschäftigen und reflektiert Entscheidungen treffen.“

     

    Und wie schätzen Sie die Tatsache ein, dass Wintersportler im Sommer fürs Training auf dem Schnee nach Südamerika fliegen?

    Das ist ein schwieriges Thema. In manchen Sommern fliegen wir nach Südamerika und in Zukunft wird das auch sicher häufiger vorkommen, weil wir dort die besseren Trainingsmöglichkeiten haben. Aber wenn im Sommer auf den Gletschern bei uns genug Schnee liegt, bin ich der Erste, der sagt: „Lass uns dableiben“. Im vergangenen Sommer etwa sind wir auch auf dem Stilfser Joch geblieben. Aber ich glaube, das Wichtigste ist nicht mit dem Finger zu zeigen. Das ist eine individuelle Abwägungsgeschichte. Jeder sollte sich mit der Nachhaltigkeitsthematik beschäftigen und reflektiert Entscheidungen treffen.

  • Snowboarder Visintin: "Olympia war ja ursprünglich eine Zeit des Friedens, heute ist das leider nicht mehr so." Foto: Othmar Seehauser
  • Auch weltpolitisch sind es aktuell schwierige Zeiten. Die Olympiade steht eigentlich für Völkerfreundschaft. Glauben Sie, dass Olympia zum Frieden in der Welt beitragen kann? 

    Olympia war ja ursprünglich eine Zeit des Friedens, heute ist das leider nicht mehr so. Ich glaube, dass Olympia ein Vorbild sein kann, weil es auf kleiner Ebene zeigt, dass das Zusammensein von unterschiedlichen Menschen gut funktionieren kann. Im olympischen Dorf leben Sportler aus verschiedenen Nationen zusammen – auch aus politisch konfliktreichen Ländern – und trotzdem können sie respektvoll miteinander umgehen und manchmal sogar Freunde werden.

    Zu guter Letzt, ein Blick in Ihre Zukunft. Wissen Sie schon, wie lange Sie noch im Snowboard-Zirkus dabei sein werden?

    Das habe ich noch nicht final entschieden. Ursprünglich hatte ich noch die Olympischen Spiele 2030 als Ziel vor Augen, aber jetzt konzentriere ich mich auf die aktuelle Olympiade. Danach habe ich mir vorgenommen, gezielt über meine sportliche Zukunft nachzudenken. Aber da ich meine großen Ziele bereits erreicht habe, ist für mich der Spaß am Sport im Vordergrund.