Gesellschaft | Famiglia

Der Weg aus dem demografischen Notstand

Die Bevölkerung Italiens schrumpft. Aline Lupa vom AFI erklärt,die niedrige Fertilitätsrate Italiens, die bei nur 1,2 Kindern pro Frau liegt. Das ist deutlich unter der Marke von 2,1, die zum Erhalt der Bevölkerung notwendig wäre.
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Famiglia natalità
Foto: Fernand De Freitas - Pexels
  • Unsere Bevölkerung altert und droht zu schrumpfen. Diese alarmierende Erkenntnis über den demografischen Wandel unserer Gesellschaft ist nicht neu, sagt Aline Lupa vom AFI | Arbeitsförderungsinstitut Südtirol und erklärt die Gründe für diese Entwicklung und welcher Handlungsbedarf besteht.

    Man liest immer öfter über sinkende Geburtenraten. Ist das ein Trend der letzten Jahre oder ein Phänomen, das schon länger beobachtet wird? 
    «Die sogenannte Fertilitätsrate ist bereits seit Jahrzehnten rückläufig. In den letzten 60 Jahren hat sie sich sogar halbiert. Im Jahr 2022 lag der OECD-Durchschnitt bei 1,5 Kindern pro Frau. 1960 waren es noch 3,3. Das führt zu dem Problem, dass unsere Bevölkerung zurück geht. Um unsere Bevölkerung zu erhalten, bräuchte es eine Rate von 2,1 Kinder pro Frau. Alle Länder der OECD liegen unter diesem Grenzwert». 

    Ist die Lage in Italien besser?
    «Ganz im Gegenteil, in Italien ist sie sogar am niedrigsten. Sie liegt bei 1,2 Kindern pro Frau. Zudem steigt die Rate der Frauen, die kinderlos bleiben. 23 % der Frauen, die 1975 geboren wurden, haben keine Kinder. Das ist fast jede vierte Frau. 1935 war es nur die Hälfe. Und wie auch in der restlichen westlichen Welt, steigt auch das Durchschnittsalter der Frauen, in dem sie das erste Kind bekommen. Lag es im Jahr 2000 noch bei 26,5 Jahren, liegt es nun bei 29,5 Jahren».

    Wie schaut es in Südtirol aus?
    «Laut Landesinstitut für Statistik Astat ist in Südtirol, wie auch in allen anderen Regionen Italiens, 2022 ein neuer Tiefstwert der Geburtenzahl erreicht worden. Es wurden 4.912 Geburten verzeichnet. Das sind 261 weniger im Vergleich zu 2021. Laut dem nationalen Statistikinstitut Istat verzeichnet Südtirol aber immer noch die höchste Fertilitätsrate Italiens mit 1,6 Kindern pro Frau. Das könnte also dafür stehen, dass die Menschen in Südtirol aufgrund besser Arbeitsbedingungen, höherer Löhne und besserer wohlfahrtsstaatlicher Leistungen eher Kinder bekommen als anderorts in Italien».

  • Laut Landesinstitut für Statistik Astat ist in Südtirol 2022 ein neuer Tiefstwert der 
    Geburtenzahl erreicht worden

  • Was hat stärkeren Einfluss auf die Fertilitätsrate, ist es eher die aktuelle Wirtschaftslage oder die gesellschaftliche Veränderung, unter anderem bedingt durch die veränderte Geschlechterrollen?
    «Das lässt sich so leicht nicht sagen. Es ist ein Mix verschiedener Einflüsse. Darunter auch ökonomische Gründe, also zum Beispiel die Höhe des Haushaltseinkommens, aber auch wie dieses zwischen Mann und Frau aufgeteilt ist. Natürlich spielt auch die Verfügbarkeit von Kinderbetreuungseinrichtungen und die Kosten für diese eine Rolle, genauso wie die starken sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten 50 Jahren. Heute wird mit dem Anspruch „gute Eltern zu sein“ mehr Zeitaufwand und Verantwortung verbunden. Studien zeigen, dass Jugendliche bzw. junge Erwachsene zunehmend länger vom Elternhaushalt abhängig sind. In Italien wohnen 80% der 18-29-Jährigen noch bei ihren Eltern. Diese Zustände beeinflussen den Kinderwunsch. Die Konditionen, aber auch die Normen und Werte, haben sich verändert. Eine Familie zu gründen ist heute nur mehr einer von vielen Lebensentwürfen».

    Also schwindet mit den neuen Generationen und modernen Wertevorstellungen der Kinderwunsch allmählich?
    «Nun ja, es gibt Studien, die belegen, dass der Wunsch nach Familiengründung bei jungen Menschen immer noch sehr groß ist. Aber aufgrund ökonomischer Faktoren, Krisen und die sich daraus ergebende Unsicherheit verändert sich das im Verlauf des Lebens. 50% der Befragten im OECD-Bericht blicken mit negativen Erwartungen der Zukunft entgegen. Die vorherrschende Meinung der Befragten ist, dass die eigenen Kinder schlechter dran wären als sie selbst. Junge Menschen stellen in Frage, ob sie es sich überhaupt noch leisten können, Kinder zu bekommen und in einem zweiten Moment, ob sie das unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch wollen».

    Es ist also in erster Linie eine Frage der Leistbarkeit?
    «Unter anderem, doch auch sozialpolitische Themen wirken sich auf die Fertilitätsrate aus, beispielsweise die Geschlechtergerechtigkeit. Frauen sind häufiger erwerbstätig und möchten sich nicht nur in der Rolle als Hausfrau und Mutter selbst verwirklichen. Besser ausgebildete Frauen in Karriere bekommen oftmals später und weniger Kinder. Eine gute und vor allem verlässliche Familienpolitik kann hier helfen und die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf unterstützen. Aber das Reproduktionslevel wird auch von anderen Faktoren maßgeblich beeinflusst. Statistiken zeigen, dass auch die Krisen der letzten Jahre Spuren hinterlassen haben. Die Coronapandemie, der Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine und die Inflation haben Unsicherheit erzeugt. Das hat zur Folge, dass die Familienplanung oft vertagt oder in Frage gestellt wird. Gehen wir weiter zurück, sehen wir, dass die Reproduktionskurve in den 2000er-Jahren wieder ein wenig anstieg. Seit der Wirtschaftskrise 2008 sinkt sie hingegen stetig. Denn Fakt ist, die aufgekommene Unsicherheit legt sich nicht so schnell wieder. Jeder akuten Krise folgen langanhaltende Unsicherheiten und das wirkt sich negativ auf die Geburtenrate aus. Das können wir auch aus dem Stimmungsbild der Arbeitnehmenden, welches das AFI regelmäßig erhebt, ablesen. Die Erwartungen, die wir an die Zukunft haben, haben unmittelbare Auswirkungen auf unsere aktuellen Lebensentscheidungen. Sorgen über zukünftig fehlendes Elterngeld, Kitamangel und ein angekündigter Sparkurs der Politik lassen das Vertrauen in staatliche Unterstützung schwinden. Krisen sind also mit der größte Treiber der sinkenden Geburtenrate».

  • Foto: Kpaukshtite - Pexels
  • Wohnen ist in Südtirol kaum mehr leistbar. Hat auch das Einfluss darauf, ob Menschen es sich zutrauen, eine Familie zu gründen?
    «Konkrete Erhebungen dazu gibt es in Südtirol noch nicht, aber aus der Erhebung der OECD geht ganz eindeutig ein negativer Zusammenhang zwischen den sinkenden Geburten und den hohen Wohnkosten bzw. der Wohnungsnot hervor. Miet- und Eigentumskosten steigen seit Jahrzehnten. Viele haben Sorge um den Kauf und Erhalt einer Wohnung. Zuletzt wurde in den Medien darüber berichtet, dass Studierende sich das Wohnen in unserer Landeshauptstadt kaum leisten können. Natürlich werden sie dann nicht darüber nachdenken hier zu bleiben und eine Familien zu gründen, mit der sie noch mehr Quadratmeter zum Leben bräuchten». 

    Was macht diese Entwicklung mit unserer Bevölkerungspyramide? Oder muss man schon von „Bevölkerungsurne“ sprechen?
    «In Italien ist das ein großes Problem, denn es ist das Land Europas mit dem höchsten Altersdurchschnitt. Wir steuern auf einen demografischen Notstand zu. Die Sterberate hat die Geburtenrate hierzulande schon überschritten. Wer weiß, in Zukunft könnte sich der Begriff der Bevölkerungsurne vielleicht durchsetzen. Das Medianalter liegt in Italien jetzt schon bei 48 Jahren, das bedeutet die Hälfte der Bevölkerung ist über 48 Jahre alt».

    Welche weiteren sozialen, aber auch wirtschaftlichen Auswirkungen wird das haben?
    «Die sinkende Kaufkraft und alternde Bevölkerung üben mehr Druck auf die Sozialsysteme aus. Das Gesundheits- und Rentensystem werden zunehmend darunter leiden. Wir müssen mit einem heftigen Rückgang potenzieller Arbeitskräfte rechnen. Früher galten Kinder als Absicherung im hohen Alter. Heute ist das nicht mehr so. Die Politik muss sich aktiv mit der Frage beschäftigen, wie die Bevölkerung über die Runden kommen wird, wenn das öffentliche Rentensystem irgendwann nicht mehr tragfähig ist. Die Regierung unter Meloni hat sich das Ziel gesetzt, die Zahl der Geburten von zuletzt unter 400.000 bis 2033 auf 500.000 anzuheben. Sollte uns irgendwann die arbeitende Gesellschaft fehlen, würde das den wirtschaftlichen Zusammenbruch Italiens bedeuten und dem gilt es vorzubeugen». 

    Welche Bevölkerungsgruppen sind tendenziell eher kinderreich und welche kinderarm? Liegt das auch am Bildungsgrad?
    «Ja, man kann Zusammenhänge mit dem Bildungsniveau herstellen. Haben Frauen ein höheres Bildungsniveau impliziert das im ersten Moment aufgrund der Fokussierung auf Ausbildung und Karriere einen späteren oder ausbleibenden Familienwunsch. Es gibt allerdings auch einen positiven Zusammenhang zwischen Geburtenrate und Beschäftigungsquote. Frauen, die einen sicheren, unbefristeten Arbeitsvertrag und ein höheres Einkommen haben, entscheiden sich eher für Kinder als andere, die diese Sicherheiten nicht haben. Sie neigen aber gleichzeitig dazu, nur ein oder zwei Kinder zu bekommen».

  • Sinkende Kaufkraft und alternde Bevölkerung üben mehr Druck auf die 
    Sozialsysteme aus

  • Gerade in Italien ist das vermutlich ein Problem…
    «Genau, weil es vor allem hier viele junge Leute in prekären und befristeten Arbeitsverhältnissen gibt, die nicht langfristig finanziell abgesichert sind. Es ist auch ein Unterschied zwischen Land und Stadt festzustellen. Das liegt zum einen an den am Land geringeren Lebenshaltungskosten, aber auch an den traditionellen Familienbildern, die dort eine größere Rolle spielen. Insbesondere in Süditalien, wo das Bild des Mannes als Hauptverdiener immer noch als Norm gilt, sind erwerbstätige Frauen noch starken Stigmatisierungen ausgesetzt». 

    Zusammenfassend: Es besteht Handlungsbedarf. Was kann konkret getan werden? Gibt es Länder, von denen man lernen kann?
    «Es gibt eine ganze Reihe an Lösungsansätzen. Was es auf jeden Fall braucht, ist eine langfristige und verlässliche Familienpolitik. Denn Bildung und Erziehung darf nicht mehr allein Sache der Eltern sein. Es müssen familienfreundliche Infrastrukturen geschaffen und Maßnahmen zur Gleichstellung der Frauen und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ergriffen werden - Stichwort Kinderbetreuung. Menschen müssen darauf vertrauen und sich darauf verlassen können, dass diese staatlich gesichert ist. Der staatliche Einfluss in Form von Sozialleistungen für Familien hat große Auswirkungen. In Ländern, in denen die Geburtenrate noch relativ lange hochgehalten werden konnte, darunter die skandinavischen Länder und Frankreich, geben beispielsweise 3% des BIP für Leistungen an Familien aus. In Italien sind es laut Eurostat gerade mal 1,2%. Auch eine funktionierende Immigrationspolitik kann helfen. Die Länder müssen sich darauf vorbereiten, dass die Fertilitätsrate sinken wird und Migrantinnen und Migranten besser in den Arbeitsmarkt integrieren und eingliedern. So kann vermieden werden, dass die demografische Entwicklung zum wirtschaftlichen und sozialen Kollaps führt». 

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Herta Abram Sa., 13.07.2024 - 18:28

......"Die Länder müssen sich darauf vorbereiten, dass die Fertilitätsrate sinken wird und Migrantinnen und Migranten besser in den Arbeitsmarkt integrieren und eingliedern. So kann vermieden werden, dass die demografische Entwicklung zum wirtschaftlichen und sozialen Kollaps führt».

Genau!

Eine tiefe Geburtenrate ist keine Katastrophe, ausser man ist Nationalist/FaschistIn!

Sa., 13.07.2024 - 18:28 Permalink
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Peter Gasser Di., 16.07.2024 - 13:20

Antwort auf von Herta Abram

Eine Geburtenrate von 1,2 halbiert die Bevölkerung in jeder Generation... das ist schon eher “katastrophal” für eine lokale Gemeinschaft, finde ich - und hat meiner Ansicht nach nichts mit Nationalismus und schon gar nichts mit Faschismus zu tun: es ist eine rein demographische Aussage bezogen auf lokale Gemeinschaften.

Di., 16.07.2024 - 13:20 Permalink
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G. P. Sa., 13.07.2024 - 20:44

"Die Politik muss sich aktiv mit der Frage beschäftigen, wie die Bevölkerung über die Runden kommen wird, wenn das öffentliche Rentensystem irgendwann nicht mehr tragfähig ist."
Das wird wohl nix mit der Politik und Lösungen finden. Politiker sind in der Zwischenzeit nicht mehr imstande, drei Jahre vorausschauend zu planen, geschweige denn Lösungen für die nächsten zwanzig, dreißig Jahre zu finden.

Sa., 13.07.2024 - 20:44 Permalink