Wirtschaft | Erdöl

Venezuela: der Fluch des Öls

Obwohl Venezuela die weltweit größten Erdölreserven besitzt, ist es eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. Wie konnte es dazu kommen?
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Erdöl -Produktion
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  • Die Anfänge der Erdölproduktion in Venezuela

    Im Jahr 1914 entdecken Geologen der Caribbean Oil Company größere Erdölvorkommen im Bundesstaat Zulia im Westen Venezuelas. Bereits in den 1930er-Jahren stieg Venezuela zum größten Ölexporteur der Welt auf. Das Bruttoinlandprodukt verzehnfachte sich bis Ende der 1970er-Jahre und machte Venezuela zu einem der reichsten Länder der Region.

    Seit der Entdeckung der ersten Ölfelder förderten US-Unternehmen Erdöl in Venezuela. Viele Raffinerien in den USA wurden speziell für die Verarbeitung des schweren venezolanischen Erdöls konzipiert und sind auch heute noch darauf ausgerichtet. Die Vereinigten Staaten spielten in Venezuelas über hundertjähriger Ölgeschichte eine führende Rolle. Dieses Engagement erfolgte größtenteils in Form strategischer Allianzen. Als Venezuela 1914 zu einem industriellen Rohölproduzenten wurde, entwickelten sich die USA allmählich zu seinem wichtigsten Handelspartner und Abnehmer. Es begann mit einem frühen Projekt von Standard Oil, dem Rockefeller-Konzern, am Westufer des Maracaibo-Sees und Venezuela wurde später während des Zweiten Weltkriegs zum Treibstofflieferanten der Alliierten. Selbst nach der Verstaatlichung der Ölindustrie 1974 blieben Verträge und Gesetze weitgehend auf die Positionen und Interessen US-amerikanischer Ölkonzerne ausgerichtet, die auch die nötige Technologie zur Erdölförderung und ihre  Geschäftspraktiken nach Venezulela brachten.                                                

    Seit dem Beginn der Erdölförderung im großen Stil Anfang der 1920er Jahre wurde Venezuela bis Ende der 1970er Jahre von einem der ärmsten Länder Lateinamerikas zu dem bei weitem reichsten Land der Region. In diesem Zeitraum wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um das Zehnfache. 

    Im Jahre 1960 gründete Venezuela zusammen mit den ölreichen Staaten im Nahen Osten Saudi-Arabien, dem Iran, dem Irak und Kuwait die OPEC (Organisation of Petroleum Exporting Countries) mit dem Ziel über ihre Ressourcen selbst zu bestimmen und sich von den internationalen Ölkonzernen unabhängig zu machen.

    Als Venezuela in den 1970er Jahren seine Ölindustrie verstaatlichte 1/, wurde 1976 die staatliche Ölgesellschaft PDVSA (Petróleos de Venezuela, S.A.) gegründet. Sie wurde zur größten Einnahmequelle der venezolanischen Regierung. Die PDVSA war zwar formell von Anfang an ein staatliches Unternehmen, wirtschaftete faktisch aber so gut wie unabhängig von der jeweiligen Regierung. Die Regierung gewährte dem Unternehmen bis in die 1990er Jahre weitgehende Autonomie, bevor sie die direkte Kontrolle über PDVSA übernahm. Durch die Erhebung einer Abgabe von 40–45 % auf die PDVSA nutzte der venezolanische Staat das staatliche Ölunternehmen als Einnahmequelle zur Finanzierung verschiedener Sozialprogramme, insbesondere unter den Präsidenten Chávez und Maduro. Die staatliche Kontrolle über PDVSA hat die Gewinn-Reinvestitionen reduziert und so zum Rückgang der Erdölproduktion beigetragen

    1999 kam Hugo Chavez an die Macht, er setzte sozialistische Politik um und stärkte die staatliche Kontrolle über die Ölindustrie. Auf dem Weg hin zu einer autoritären Regierung stieß Präsident Chávez in den ersten fünf Jahren auf große Widerstände, die aus den Machtbereichen der Armee, Ölindustrie und Privatunternehmen kamen. Höhepunkte dieser Konfrontationen waren der versuchte Staatsstreich 2002 und der Generalstreik im Ölsektor 2002/2003. Die Regierung Chávez überstand beides. Sie schaffte es, an dem Staatsstreich beteiligte Militärs aus den Streitkräften zu entfernen und die Streikteilnehmer aus dem staatlichen Ölkonzern PDVSA zu entlassen. Diese Konflikte verursachten allerdings sehr hohe Kosten für die Wirtschaft. Von 2002 bis 2003 schrumpfte die venezolanische Wirtschaftsleistung um 16 %. Die Entlassung von rund 20.000 Mitarbeitern des staatlichen Ölkonzerns durch Präsident Chavez führte zu einem massiven "Braindrain" und zu einem Mangel an Führungskader und Fachkräften im Erdölsektor und wirkte sich langfristig negativ auf seine Produktionskapazitäten aus. 

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  • Venezuela verfügte 2024 mit rund 303 Milliarden Barrel (siehe Graphik) noch vor Saudi-Arabien über die weltweit größten nachgewiesenen Rohölreserven. 17 % der globalen Erdölreserven-Reserven befinden sich in Venezuela. Diese gigantischen Mengen an Erdöl lagern in den Böden und vor der Küste Venezuelas. Doch trotz der großen Reserven produzierte Venezuela 2024 lediglich 0,8 % des weltweiten Erdöls. Die meisten Erdölreserven befinden sich im Orinoco-Becken im Zentrum des Landes und bestehen hauptsächlich aus schwerem und extra-schwerem Erdöl. Die Schweröl-Gewinnung erfordert ein hohes Maß an technischem Fachwissen, über das internationale Ölkonzerne zwar verfügen, deren Engagement jedoch durch internationale Sanktionen eingeschränkt ist. Darüber hinaus haben Budgetbeschränkungen beim staatlichen venezolanischen Ölkonzern PDVSA, sowie ein Mangel an qualifiziertem Fachpersonal, das ins Ausland emigriert war, und ausländischen Direktinvestitionen die Erdöl- und Erdgasförderung Venezuelas stark behindert.

    Das Venezolanische Schweröl ist für die USA besonders interessant, weil viele US-Raffinerien besonders im Golf von Mexiko (von Präsident Trump umbenannt zum Golf von Amerika) technisch so ausgestattet sind, dass sie das schwere Erdöl gut verarbeiten können. Das Schweröl wird hauptsächlich zur Herstellung von Diesel und Heizöl genutzt. Die USA produzieren selber genug Erdöl, doch das ist zum größten Teil leichtes Erdöl.

  • Entwicklung der Erdölexporte Venezuelas

    Noch in den späten 1990er Jahren zählte Venezuela zu den weltweit wichtigsten   Erdölexporteuren. Die Exporte von Erdöl und Erdölprodukten betrugen mehr als 3 Millionen Barrels pro Tag, Venezuela war der drittgrößte Erdöl-Exporteur nach Saudi-Arabien und Russland.  Ab Ende der 1990er fielen die Ölexporte, erholten sich ab 2005, während sie ab Mitte des vergangenen Jahrzehnts stark zurückgingen, auch in Jahren mit hohen Ölpreisen. Zu dramatischen Rückgängen kam es ab 2019 nach der Verhängung der US- Sanktionen gegen Venezuela. 

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  • Im Jahr 2024 betrugen die Erdölexporte nur mehr etwas über 700,000 Barrels pro Tag.  Während die meisten Erdöl-Exporte nach Asien gehen (China, Indien, Singapur etc.) importieren die USA nur mehr geringe Mengen Öl aus Venezuela.

     

  • Verhängung der Sanktionen durch die USA

    Mit dem Ziel, Venezuela wirtschaftlich abzuwürgen und Maduro von der Macht zu entfernen, verhängte Washington schon 2019 ein Ölembargo gegen das Land. Vor der Verhängung von Sanktionen waren die Vereinigten Staaten der größte Importeur von venezolanischem Rohöl. Das restliche Rohöl wurde nach China exportiert, kleinere Mengen in Lateinamerikanische Länder und nach Europa. Seit den Sanktionen wird ein erheblicher Teil der venezolanischen Rohölexporte im Rahmen von Öl-gegen-Kredit-Vereinbarungen abgewickelt. Dabei handelt es sich um Schuldenrückzahlungen, nicht um tatsächliche Zahlungen an die PDVSA für Rohöllieferungen. Ein erheblicher Teil der venezolanischen Exporte wird im Rahmen der Öl-gegen-Kredit-Vereinbarungen nach China geliefert. China hat Venezuela in den letzten zehn Jahren fast 50 Milliarden US-Dollar im Austausch für Rohöllieferungen geliehen. 

     

  • Der wirtschaftliche Abstieg Venezuelas

    Während Venezuela bis Mitte der 1980iger Jahre, gemessen am BIP pro Kopf, verglichen mit den anderen lateinamerikanischen Staaten an vorderster Reihe stand, nahm es im Jahr 2025 den drittletzten Platz ein und gehört zu den ärmsten lateinamerikanischen Ländern. Unter Maduro und seinem Vorgänger Hugo Chávez ist ein großer Teil der Bevölkerung Venezuelas verarmt. Venezuela ist eines der am stärksten vom Erdöl abhängigen Länder.  Schon in den vergangenen Jahrzehnten hing die Wirtschaft des Landes zu sehr am „Erdöl-Tropf“. Circa 90% der Staatseinnahmen kommen aus dem Erdölsektor. Keine der Regierungen investierte die Erdöl-Einnahmen in den Nicht-Erdöl-Sektor in größere Ausmaße, um dadurch die Wirtschaft zu diversifizieren. Durch die starke Abhängigkeit vom Erdöl trafen die Schwankungen der Erdölpreise das Land besonders stark. 

    In den 1980er-Jahren gingen die Einnahmen Venezuelas stark zurück, unter anderem auch, weil die OPEC-Länder die Rohölproduktion drosselten. Die Auslandsverschuldung stieg stark an. An der Macht war in jrnern Zeit Carlos Andrés Pérez. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank zwangen das Land zu Reformen. Dazu gehört die Liberalisierung von Handel und Finanzwesen. Außerdem solte Venezuela seinen Erdölsektor für private Investoren öffnen, nachdem es diesen einige Jahre zuvor verstaatlicht hat. In der Folge kam es 1992 zu zwei gescheiterten Staatsstreichen. An der Spitze einer Gruppe von Militärs steht ein Mann, der später Präsident werden sollte: Hugo Chávez.

    Während die Schwankungen der Erdölpreise auch dazu beitrugen, dass die Einnahmen von Erdöl stark sanken, spielten vor allem Misswirtschaft und Korruption eine große Rolle beim Niedergang der Wirtschaft Venezuelas.  Während andere Erdölproduzenten, wie zum Beispiel Norwegen, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate in den Jahren hoher Erdölpreise und entsprechend hoher Einnahmen, ihren Staatsfonds aufstockten, um in Zeiten niedriger Ölpreise die Wirtschaft besser stützen zu können, tat Venezuela nichts dergleichen. 

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  • Venezuela erlebt derzeit eine schwerwiegende Wirtschaftskrise. Besonders seit 2013 ist die venezolanische Wirtschaft stark geschrumpft.  Das BIP pro Kopf ist laut Daten des Internationalen Währungsfonds (IMF) von 12688 US$ im Jahr 2012 auf 3100 US$ im Jahr 2025 geschrumpft, was einen Rückgang von 75% bedeutet. In den vergangenen 10 Jahren verzeichnete Venezuela meist ein negatives oder nur ein sehr geringes Wirtschaftswachstum.

  • Venezuelas Schuldenlast

    Nach Jahren der Wirtschaftskrise und der US-Sanktionen, die Venezuela von den internationalen Kapitalmärkten abschnitten, geriet das Land Ende 2017 in Zahlungsverzug, nachdem Zahlungen für internationale Anleihen, die von der Regierung und dem staatlichen Ölkonzern PDVSA ausgegeben worden waren, ausblieben. Laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IMF) beträgt Venezuelas Schuldenquote 2/ bei einem BIP von 58 Milliarden zwischen 180% und 200%, das ist ein extrem hoher Wert.

     

     

  • Auswirkungen des US-Angriffs auf Venezuela auf den Ölpreis

    Der militärische Angriff der USA auf Venezuela sorgt in vielen Ländern der Welt für Empörung, aber nicht für steigende Ölpreise. In der Vergangenheit haben militärische Attacken im Zuge von „Regime-Changes“ in Erdöl-Förderländern häufig einen Anstieg der Ölpreise ausgelöst. Doch diesmal ist der Ölpreis nach dem militärischen Angriff auf Venezuela und der Entführung Maduros sogar leicht zurückgegangen. Der jährliche Durchschnittspreis am Spotmarkt für die Sorte Brent 3/ betrug im Jahr 2025 69,14 US$, derzeit kostet ein Barrel Brent nur mehr etwa 63 US$. Grund dafür ist ein Erdöl-Überangebot auf dem Weltmarkt, zudem steht Venezuela, obwohl es über derart riesige Erdölreserven verfügt, nicht einmal für ein Prozent der Weltölversorgung. Experten rechnen damit, dass das weltweite Erdöl-Angebot im Jahr 2026 bis zu 4% über der weltweiten Erdöl-Nachfrage liegen wird. Selbst ein Total-Ausfall der Venezuelanischen Erdölexporte würde am Ölmarkt zu keiner Panik führen.

  • Ausblick

    Viele Venezolaner sind froh, dass sie den verhassten Präsidenten Maduro los sind, der das Volk mit brutalen Methoden unterdrückt hat, doch ob das venezolanische Volk von den USA regiert werden will, so wie sich das Präsident Trump vorstellt, mag bezweifelt werden. Welchen konkreten Plan Präsident Trump für Venezuela hat, ist nicht klar, da er diesbezüglich seine Meinung ständig ändert.  Klar hingegen ist, dass es dem US-amerikanischen Präsidenten nicht um das Venezolanische Volk, sondern in erster Linie um Profit für die USA geht. Trumps Hauptziel ist es den Ölsektor des Landes unter US-Kontrolle zu bringen und US-Ölkonzernen die Möglichkeit zu geben, in den Erdölsektor zu investieren und gute Geschäfte zu machen. Die USA wollen sich Zugang zu den reichen Erdölreserven schaffen und haben auch andere wichtige Rohstoffe (Gold, Seltene Erden etc.), die in Venezuela reichlich vorhanden sind, im Visier.

    Laut Präsident Trump hat Venezuela den USA Erdöl gestohlen, diese Behauptung mag politisch Anklang finden, ist aber historisch nicht haltbar. Die Verstaatlichung der Venezolanischen Ölressourcen war kein Diebstahl, sondern das Ergebnis globaler Tendenzen hin zum Ressourcennationalismus, der auch in anderen Erdöl-produzierenden Ländern stattfand. US-Erdölkonzerne verloren Vermögenswerte in Venezuela, erhielten jedoch Entschädigungen. Die Ölkonzerne hielten die Entschädigungen nicht für angemessen und strebten später ein Schiedsverfahren an.

    Den US-Regierungen hat es schon lange missfallen, dass Venezuela immer enger mit China, Russland, Kuba und dem Iran zusammenarbeitet, denn die USA wollen die westliche Hemisphäre unter ihrer Kontrolle haben 4/.

    Wie die Zukunft Venezuelas aussehen wird, ist ungewiss. Es gibt genügend negative Beispiele aus der Vergangenheit, bei denen ein von den USA mit militärischer Gewalt herbeigeführter „Regime-Change“ für die betroffenen Länder nichts Gutes gebracht hat. Es wurden zwar Diktatoren gestürzt, aber dann kam weder politische Stabilität, noch wirtschaftliche Prosperität, sondern Chaos. Beispiele dafür sind der Irak und Libyen, beides Länder mit großen Erdölvorkommen. 

    Um die Steigerung der Erdöl-Produktion in Venezuela zu fördern, braucht es ausländisches Kapital. Internationale Ölkonzerne könnten mit entsprechend hohen Investitionen den Erdölsektor und auch die venezolanische Wirtschaft wieder beleben. Doch Ölkonzerne benötigen Gewissheit darüber, wie die Rahmenbedingungen mittelfristig aussehen werden, bevor sie Milliarden in den Erdölsektor investieren. Zudem sind die Ölpreise derzeit niedrig und werden laut diversen Prognosen auch für die kommenden Monate niedrig bleiben, was hohe Investitionen für die Öl-Konzerne zusätzlich erschwert. 

  • 1/ In den 1970er Jahren kam es nicht nur in Venezuela, sondern auch in den anderen wichtigen Erdöl-Förderländern zur Verstaatlichung der Erdölindustrie. Die Länder wollten selbst über ihr Erdöl bestimmen. Die großen internationalen Ölkonzerne spielten aber weiterhin eine Rolle im Erdölsektor.

    2/Als Schuldenquote bezeichnet man die gesamten Schulden eines Staates im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt (BIP). Die Schuldenquote ist ein Indikator, um den Grad der Verschuldung eines Landes in Relation zur Größe seiner Wirtschaft darzustellen.

    3/ Es gibt weltweit weit über 200 verschiedene Erdölsorten. Die zwei bekanntesten sind die Nordseesorte Brent, und die US Sorte WTI (West Texas Intermediate). An diesen beiden Preisen orientieren sich, abhängig von ihrer Qualität, die Preise der anderen Erdölsorten. Brent und WTI sind die weltweit meistgehandelten Rohöl-Kontrakte an den Börsen. 

    4/ Laut neuesten Pressemeldungen forderte die Trump-Regierung Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodríguez auf, die Beziehungen zu China, Iran, Russland und Kuba abzubrechen und eine ausschließliche Partnerschaft mit den USA bei der Ölförderung einzugehen. Rodríguez müsse zudem zustimmen, die Trump-Regierung und US-amerikanische Ölkonzerne bei künftigen Öllieferungen zu bevorzugen.