Aragón ist Spaniens Ohio
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Am 8. Februar 2026 richteten sich die Blicke Spaniens nach Aragón. Nach dem Bruch der Koalition aus Partido Popular (PP) und Vox sowie dem Scheitern der Haushaltsverhandlungen wählte die Autonome Gemeinschaft vorzeitig neu – mit einem Ergebnis, das Signalwirkung weit über die Region hinaus entfaltet. Der konservative PP unter Regionalpräsident Jorge Azcón wurde mit 34 Prozent der Stimmen und 26 der 67 Sitze erneut stärkste Kraft, verfehlte aber die absolute Mehrheit. Zweitstärkste Kraft wurden die Sozialisten (PSOE), die mit 24 Prozent eines ihrer schwächsten Resultate in Aragón erzielten. Die eigentlichen Gewinner lagen außerhalb der beiden großen Lager: die ultrarechte Vox erreichte fast 18 Prozent der Stimmen und verdoppelte ihre Sitze von 7 auf 14, während die regionalistische linke Chunta Aragonesista mit knapp 10 Prozent und 6 Mandaten auf Platz vier zog. Das eigentliche Kalkül der Neuwahl – den PP zu profilieren und Vox zu schwächen – ging nicht auf; der PP ist nun von einer gestärkten Vox abhängig.
Aragón reiht sich damit in eine Serie regionaler Wahlgänge ein, die ein klares Muster erkennen lassen. Bereits in Extremadura im Dezember 2025 zeigte sich dieselbe Konstellation: ein PP ohne absolute Mehrheit, ein geschwächter PSOE und eine Vox, die aus der Fragmentierung des rechten Lagers strategisch Kapital schlägt. Nach Extremadura und Aragón stehen in diesem Jahr Kastilien-León und Andalusien auf dem Wahlkalender, und erste Umfragen lassen vermuten, dass sich das Muster der vergangenen Regionalwahlen wiederholen wird. Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse auf eine weitere strukturelle Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse hin. Auf regionaler Ebene orientiert sich die politische Mehrheit zunehmend nach rechts, ein Trend, der die linke Koalitionsregierung in Madrid direkt betrifft. Auch wenn der Termin der nächsten nationalen Parlamentswahlen offiziell offen bleibt, fungieren diese Regionalwahlen längst als Generalproben für das große Kräftemessen, das spätestens im Herbst 2027 ansteht. Lassen die Ergebnisse bereits Rückschlüsse auf das zukünftige Kräfteverhältnis in Madrid zu?
Mehr als man meinen möchte. Regionalwahlen spiegeln oft das gesamtstaatliche politische Klima wider. Auch wenn es verlockend erscheint anzunehmen, dass WählerInnen primär auf Basis regionaler Politik entscheiden, zeichnet die Forschung ein anderes Bild. Schon die wegweisenden Studien des deutschen Politikwissenschaftlers Reiner Dinkel (1977) haben gezeigt, dass regionale Wahlen nur selten eine völlig eigenständige Dynamik besitzen. Sie gelten als Neben- oder „Wahlen zweiter Ordnung“, die stark von nationalen Konfliktlinien, ihrer Position im nationalen Wahlzyklus und der Bewertung der Zentralregierung geprägt sind. Obwohl die Second-Order-These in der Literatur kritisch hinterfragt wird, zeigt sich empirisch immer wieder: Nationale Regierungsparteien zahlen in regionalen Wahlen den Preis für politische Ermüdung, selbst wenn die regionale Regierungsbilanz stabil ist.
Die spanischen Regionalwahlen der letzten Jahre zeigen dazu ein klares Muster. Im Zuge des Regierungsantritts von Pedro Sánchez im Jahr 2019 erhielten sozialistisch geführte Regionalregierungen einen elektoral spürbaren Vorteil durch die sogenannte „Flitterwochen-Periode“, in der nationale Regierungen einen Vertrauensvorschuss genießen. Mit der schrittweisen Erosion der Unterstützung für die Zentralregierung kehrte sich dieses Muster jedoch um: Vor der letzten Parlamentswahl 2023 profitierten vor allem PP- Regionalregierungen vom nationalen Stimmungsumschwung. In jedem Wahlzyklus folgte das Schicksal regionaler Regierungen also eher ideologischen Linien als regionalpolitischen Bewertungen. Die aktuellen Ergebnisse spiegeln mit großer Wahrscheinlichkeit weniger ein Urteil über regionale Politik, sondern deuten eher auf einen übergeordneten nationalen Stimmungstrend hin, der sich territorial unterschiedlich stark, aber systematisch zeigt. Dies wird besonders am Stimmenzuwachs von Vox in Aragón deutlich: Die Mehrheit ihrer Anhänger bewertet die Arbeit der PP-geführten Regionalregierung positiv, und zusätzlich mobilisiert die Partei Stimmen aus dem Nichtwähler-Lager. Das Ergebnis ist somit keine Protestwahl, sondern Ausdruck einer national getragenen, ideologisch motivierten Rechtsverschiebung.
Vor diesem Hintergrund rückt Aragón selbst in den Blickpunkt. In der berühmten Studie „Aragón es nuestro Ohio“ verglich eine Gruppe spanischer Politikwissenschaftler die Region mit dem (ehemaligen) US-Swing-State, der nationale politische Entwicklungen frühzeitig signalisiert. Die Erklärung liegt in einer seltenen Kombination struktureller Merkmale: Aragón vereint urbane Zentren wie Saragossa mit weitläufigen ländlichen Räumen, verfügt über ein Parteiensystem mit starken landesweiten Akteuren neben kleineren regionalistischen Kräften und wies historisch ein Wahlverhalten auf, das auffallend häufig mit nationalen Trends übereinstimmt. Trotz des Verlusts prognostischer Klarheit seit dem Ende des klassischen Bipartidismo bleibt Aragón ein analytisch relevanter Seismograf. Wie Ohio über Jahrzehnte hinweg (bis 2020) die US-Präsidentschaftswahlen korrekt vorhersagte, spiegelt Aragón regelmäßig den landesweiten Wahlsieger wider. Seit 1983 stellte die Region abwechselnd PSOE oder PP als stimmenstärkste Kraft und jedes Mal gewann diese Partei anschließend auch auf nationaler Ebene: zunächst der PSOE in Aragón und auf nationaler Ebene Felipe González, anschließend der PP mit José María Aznar, danach José Luis Rodríguez Zapatero, Mariano Rajoy und Pedro Sánchez. Auch bei den letzten Parlamentswahlen setzte sich dieses Muster fort, als der PP unter Alberto Núñez Feijóo zwar stärkste Kraft wurde, jedoch ohne ausreichende parlamentarische Mehrheit zur Regierungsbildung.
In Verbindung mit aktuellen Umfragen für Andalusien und Kastilien-León ergibt sich also ein bemerkenswert konsistentes Bild. Die Regionen scheinen den nächsten nationalen Wahlgang bereits vorzuzeichnen. Dabei sind allerdings einige Nuancen zu beachten: (1) Die Verluste der nationalen Regierung fallen in der Mitte der Legislaturperiode meist am größten aus, und (2) die Kosten des nationalen Regierens wirken asymmetrisch. Parteien in der regionalen Opposition sind viel stärker an den nationalen Trend gebunden als jene, die Regierungsverantwortung tragen und über institutionelle Ressourcen verfügen, um negative Trends abzufedern. Die aktuellen Ergebnisse könnten daher eine zugespitzte Momentaufnahme des linken Abwärtstrends darstellen, ohne dass ein nationaler Machtwechsel zwangsläufig genauso eindeutig ausfallen muss.
Politisch entschärft wird die Lage dadurch aber nicht. Im Gegenteil: Die territorialen Wahlergebnisse erhöhen die innerparteilichen Spannungen innerhalb des PSOE. Für mehrere sozialistischen Barones, die mächtigen regionalen Parteichefs, wird es zunehmend rational, sich strategisch von der Zentralregierung zu distanzieren, um die eigene elektorale Überlebensfähigkeit zu sichern. In dieser Logik erscheinen Forderungen nach vorgezogenen Neuwahlen als kalkulierter Versuch, den Schaden eines langen Regierens in der Defensive zu begrenzen. Auch wenn Sánchez öffentlich an einem Durchregieren bis 2027 festhält, sprechen die wahltaktischen Anreize zunehmend für eine Flucht nach vorn. Bereits 2023 sicherte ihm dieses Manöver das politische Überleben, gestützt durch die Mobilisierung in Katalonien, Baskenland, Valencia und den Balearen.
Ob Aragón auch diesmal Spaniens Ohio bleibt, wird sich erst zeigen. Als Warnsignal für die Regierung in Madrid taugt das Ergebnis jedoch schon jetzt – und es ist eines, das man sich in der Moncloa kaum leisten kann zu ignorieren.
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