„Menschen sterben vor ihrer Einstufung“
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„Die vorgeschriebene Bearbeitungszeit für die Pflegeeinstufung beträgt 60 Tage. Die Realität sind aber sieben bis acht Monate“, betonte die Team K-Landtagsabgeordnete Maria Elisabeth Rieder zu Beginn der Pressekonferenz. Thema war der Notfallplan für die Pflegeeinstufung, den das Team K mittels Beschlussantrag in den Landtag einbringen will.
Wie dringlich der Handlungsbedarf in Bezug auf die Pflegeeinstufung ist, veranschaulichte die Krankenpflegerin Ulrike Hilber. Ihre Petition „Wir warten nicht mehr“ enthält über 4.000 Unterschriften und rund 1.480 Kommentare, die die Unzufriedenheit mit dem aktuellen System ausdrücken.
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Lediglich die Hälfte der Anfragen bearbeitet
Die Zahlen, die präsentiert wurden, verdeutlichen die Dimension des Problems: Im Jahr 2025 wurden in Südtirol 7.421 Ansuchen um Pflegeeinstufung gestellt. Bearbeitet wurden jedoch lediglich 3.374. Damit bleiben mehr als 4.000 Verfahren offen. Demgegenüber stehen mehr als zwei Drittel von Südtirols Pflegebedürftigen, die zu Hause gepflegt werden. „Für die Betroffenen bedeutet das enorme Unsicherheit, finanzielle Vorleistungen und psychischen Druck, und das gerade in einer Situation, in der sich das Leben ohnehin radikal verändert“, so Rieder.
„Wir pflegen aus Liebe und Verantwortung. Aber wir brauchen ein System, das uns unterstützt und nicht zusätzlich belastet.“
Wie groß die Versorgungslücke in Südtirol ist, machte die pflegende Angehörige Monika Sinn mit ihrem Erfahrungsbericht deutlich. Sinn, pflegt ihre Eltern und erzählt: „Innerhalb kürzester Zeit muss man Betreuung organisieren, Arbeitszeiten anpassen und zusätzliche Kosten stemmen“. Dabei werde auch die Kostenfrage für viele zu einem großen Problem. „Es gibt Menschen mit sehr niedrigen Renten oder Frauen, die ihre Arbeit ganz aufgeben müssen“, so Sinn. Kommt das Pflegegeld dann erst nach vielen Monaten, „geraten manche schlicht an ihre Grenzen“.
Auch organisatorisch sei die Situation schwierig. Informationen seien schwer zugänglich, Unterstützung oft nur eingeschränkt erreichbar. „Wir pflegen aus Liebe und Verantwortung. Aber wir brauchen ein System, das uns unterstützt und nicht zusätzlich belastet“
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Über 4.000 Unterschriften sprechen für sich
Aufgrund derartiger Erfahrungen startete Krankenpflegerin Ulrike Hilber Ende Januar die Petition ‚Wir warten nicht mehr‘. Innerhalb weniger Wochen kamen 4.062 Unterschriften zusammen. Viele Unterzeichnende nutzten die Möglichkeit, ihre Erfahrungen auch in Kommentaren zu schildern.
Für sie ist klar, dass pflegende Angehörige eine zentrale Rolle im Pflegesystem spielen. Sie führt aus: „Neben Krankenhäusern und Pflegeheimen sind sie die dritte Säule der Versorgung. Wenn diese Säule wegbricht, können wir die Situation nicht mehr kompensieren.“
Aber ein zunehmender Frust scheint Löcher in diese Säule zu bohren. Hilber berichtet von rund 1480 Kommentaren, die mit der Petition gesammelt wurden. Die Kernaussagen seien immer dieselben gewesen: „Die Pflegeeinstufung dauert zu lange, die Kosten der Pflege sind ohne Unterstützung schwer tragbar, Menschen sterben vor der Einstufung, die Bürokratie ist zu hoch, teilweise wird von falschen Einstufungen und wenig Wertschätzung berichtet“.
Vor diesem Hintergrund schlägt das Team K mit dem Beschlussantrag einen Notfallplan in vier Punkten vor.
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Forderungen des Team K
- Die kurzfristige Wiedereinführung der Pflegeeinstufung von Amts wegen für alle offenen Anträge, um den bestehenden Rückstau rasch abzubauen.
- Für die Bearbeitung von Gesuchen soll Verwaltungspersonal vom Sanitätsbetrieb beauftragt werden.
- Zusätzlich sollen externe, fachlich qualifizierte Leistungserbringer – insbesondere selbständig tätige Fachkräfte mit nachweisbarer fachlicher Kompetenz – vertraglich eingebunden werden, um die Einhaltung der 60-Tage-Frist zu garantieren.
- Ein interdisziplinärer Arbeitstisch soll eingerichtet werden, an dem neben den zuständigen Landesstellen, externe Fachleute sowie Vertreterinnen und Vertreter pflegender Angehöriger sitzen und der auch pflegebedürftige Personen involviert. Ziel solll sein, das gesamte Einstufungsverfahren strukturell weiterzuentwickeln, zu vereinfachen und an die Bedürfnisse der pflegebedürftigen Personen und der Pflegenden anzupassen.
- Die kurzfristige Wiedereinführung der Pflegeeinstufung von Amts wegen für alle offenen Anträge, um den bestehenden Rückstau rasch abzubauen.
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Langfristig gehe es nicht nur um organisatorische Maßnahmen, betonte Hilber. Das Einstufungssystem, beruhend auf einem Landesgesetz von 2007 müsste auf den Prüfstand gestellt werden. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf Konzepte der palliativen Pflege, wie sie etwa von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert werden. Demnach betreffe palliative Betreuung längst nicht nur Menschen mit Krebserkrankungen, sondern einen großen Teil chronischer Erkrankungen. „Menschen, die momentan in die Pflegestufen eins und zwei eingeordnet werden, müssten eigentlich in die Pflegestufe drei bewertet werden“, schildert Hilber.
Gefordert wird hierzu eine Arbeitsgruppe aus Fachleuten und Pflegeangehörigen, die sich mit der Weiterentwicklung des aktuellen Einstufungssystems befasst. Eine generell höhere Einstufung würde mehr Unterstützung ermöglichen und damit die häusliche Pflege länger stabilisieren. „Aber es können die besten Ideen aufgefahren werden, schlussendlich geht es um die richtige Finanzierung“, so Hilber.
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