Gehen. Sehen. Landschaft.
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Ich gehe, ich bitte den Weg, mich mitzunehmen. Ich betrachte meine Umgebung und die Landschaftsbilder, die sich meinem Blick und meiner Wahrnehmung öffnen und mir fällt Lucius Burckhardt ein. Seine Überlegungen und Erfahrungen zu Landschaft, Wahrnehmung und dem Gehen als menschengerechteste Art der Fortbewegung lassen mich heute anders gehen, als früher. Ich lese Umgebung und Landschaft, rufe Erinnerungen ab, erkenne, stelle Kontext her und werde zum aktiven Subjekt mitten im physischen Raum. Danke, Lucius!
Früher nahm ich Landschaft als Kulisse wahr. Ein physischer Rahmen. Etwas, das da ist: man betrachtet es, fotografiert es, lobt oder tadelt es. Man (ge)braucht es oder verbindet einen Nutzen damit. Berge waren schön, Straßen hässlich, Felder beruhigend. Ich hielt das für selbstverständlich. Erst Burckhardt hat mir gezeigt, wie naiv diese Selbstverständlichkeit ist.
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Lucius Burckhardt (1925–2003)
Lucius Burckhardt war ein Schweizer Soziologe und Nationalökonom sowie ein zentraler Kritiker von Architektur und Planung. Er studierte in Basel, Zürich und Paris, lehrte in den 1960er-Jahren u. a. an der ETH Zürich und war ab 1973 Professor an der Universität Kassel. International bekannt wurde er durch die Entwicklung der Spaziergangswissenschaft (Promenadologie), mit der er zeigte, dass Landschaft und Umwelt gesellschaftlich und wahrnehmungsbezogen konstruiert sind.
Foto: Burckhardt-Stiftung -
„Die Welt um uns herum ist nicht das, was wir sehen, sondern das, was wir gelernt haben zu sehen“, schrieb er. Seitdem weiß ich: Ich sehe nicht einfach Landschaft – ich stelle sie ganz tief aus mir heraus her. Schritt für Schritt, Blick für Blick und auch auf der Grundlage meiner momentanen Befindlichkeit und Stimmung und des Kontextes, den mein Bewusstsein herstellt. Ich gehe an einem Bauernhof vorbei. Es ist nicht ein Bauernhof, es ist der Tasegger, auf diesen Wiesen ist meine Großmutter aufgewachsen. Ist das da drüben irgendein Dorf? Nein, es ist Völs, wo der Landeshauptmann wohnt. Dort, ein Schloss. Nicht ein Schloss! Prösels ist es, wo unsere Vorfahren Anfang des 16. Jahrhunderts 30 Menschen wegen Hexerei verurteilt und hingerichtet haben und wo heute auf der Turnierwiese der spektakuläre Stangenritt des Oswald von Wolkenstein Rittes stattfindet. Da, Steinegg! Da wohnen die Friegelewampm, wie meine vom Ritten stammenden Eltern die Leute von der anderen Talseite scherzhaft bezeichneten.
Landschaft ist kein Zustand. Sie ist ein Angebot und ein Zugang zum Kern meines Seins und meiner Weltsicht.
Ich nehme Eingriffe wahr, rufe deren Begründung ab und frage nach der Sinnhaftigkeit. Das weiße Band einer Kunstschneepiste rückt ins Bild und erinnert mich an bedenkliche Entwicklungen im Umgang mit der Natur. Für dich, der du das liest, ist es vielleicht ein Teil des Lebensunterhaltes oder die Erinnerung an einen ersten Kuss auf der Piste.
Seit ich Burckhardt gelesen habe, gehe ich aufmerksamer, weil ich weiß, dass sich der vermeintlich „natürliche“ Ausblick als Ergebnis von Kontext entpuppt, den ich aus meinem Inneren abrufe, aus Gelerntem, Gesehenem, Erlebtem und Geahnten, aus Erlittenem und dem Wunsch nach Verbindung: Landschaft ist kein Zustand. Sie ist ein Angebot und ein Zugang zum Kern meines Seins und meiner Weltsicht.
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SALTO change im Januar
Im Januar dreht sich bei SALTO change alles um die Frage, wie Menschen Räume nutzen, gestalten und wahrnehmen – und welche gesellschaftlichen Folgen daraus entstehen. Dabei werden Themen wie Landschaftsschutz, Tradition, Tourismus und Stadtentwicklung behandelt.
Wir berichten über aktuelle Konflikte in Südtirol, etwa touristische Übernutzung, Entwicklungen in Brixen und Bozen sowie Fragen zu öffentlichem Raum, Wohnen und Ortsidentität. Ergänzt wird dies durch Beispiele gelungener Umnutzung und Initiativen wie „HouseEurope“, die für nachhaltiges Bauen eintreten.
Den Abschluss bildet eine SALTO Talk im Bozner Kulturwohnzimmer Carambolage. Dabei geht es um die Zukunft der Stadt Bozen und die Frage, wie lebenswerter Stadtraum für alle gestaltet werden kann.
SALTO change Partner des Monats ist der Heimatpflegeverband Südtirol, der sich intensiv mit Raumqualitäten und -nutzung beschäftigt und eine der bedeutendsten Organisationen der Südtiroler Zivilgesellschaft ist.
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Das erschließt sich nur den Gehenden
Lucius Burckhardts Spaziergangswissenschaft hat mir die Augen geöffnet. Sie zwingt mir keine neue Sicht auf, sondern macht mir bewusst, dass ich sehe – und wie sehr dieses Sehen und Wahrnehmen vom Kontext gelenkt ist, den ich beim Betrachten abrufe. Der Spaziergang, die Wanderung wird so zu einer innigen Form der Auseinandersetzung mit dem Wahrgenommenen.
Dann fällt mir Walter Benjamin ein. Der Flaneur, der scheinbar ziellos durch die Stadt streift und doch hellwach ist. Benjamin verstand das Gehen als eine Weise des Denkens, als Methode, die Welt zu lesen. Burckhardt geht weiter – oder tritt einen Schritt zur Seite. Bei ihm ist der Spaziergänger nicht nur Leser, sondern Teil der Erzählung. Die Landschaft schreibt mit, sozusagen.
Burckhardt zeigt die sanfte Gewalt der Ordnung.
Benjamin sammelte Fragmente und Bilder. Burckhardt fragte: Wer ordnet sie an? Wer entscheidet, was Vordergrund wird und was Hintergrund bleibt? Während Benjamin den Schock der Moderne beschreibt, zeigt Burckhardt die sanfte Gewalt der Ordnung: Wegeführungen, Planung, die scheinbare Natürlichkeit. „Design ist unsichtbar“, lautet einer seiner berühmtesten Sätze – und meint genau diese Macht, die wirkt, ohne sich aufzudrängen.
Wenn ich heute durch einen Park gehe, sehe ich nicht nur Grün. Ich sehe ein Versprechen von Erholung, ein politisches Programm, eine Vorstellung von gutem Leben. Ich sehe, dass Landschaft eine Erzählung ist – und dass diese Erzählung nicht wertfrei sein kann. Burckhardt hat mich gelehrt, dass man Landschaft nicht schützen kann, ohne ihre Bilder zu hinterfragen. Und dass man sie nicht gestalten sollte, ohne den Menschen mitzudenken, der sie erlebt. Aus dieser Erkenntnis heraus erwachsen das Recht und die Verpflichtung zur politischen Mitgestaltung.
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SALTO Talk im Januar
Die Stadt, die wir wollen – aber welche?
Ein SALTO Talk über urbanen Wandel und die Frage, wie wir künftig leben wollen.
Bozen und andere Städte Südtirols verändern sich spürbar. Das wirft Fragen nach Nutzung, Gestaltung und Zugehörigkeit des urbanen Raums auf: Wem gehört die Stadt, wie greifen Politik, Wirtschaft und Alltag ineinander – und wie können Bürger:innen Einfluss nehmen?Darüber diskutieren die Stadtforscherin Lucia Tozzi, der Architekt und Stadtplaner David Calas sowie die Sozialökonomin Daria Habicher. Moderation: Valentino Liberto.
30. Januar 2026, 20 Uhr, Carambolage Bozen (Eintritt frei, Anmeldung erforderlich) -
Ich danke Burckhardt dafür, dass er das Gehen ernst genommen hat. Dass er nicht beim Entwerfen stehen blieb, sondern sich auf den Weg machte – mit anderen, mit Studierenden, mit Zweifel. Dass er zeigte, wie viel Erkenntnis im langsamen Voranschreiten liegt. Und dass Landschaft, wenn man genau hinsieht, weniger draußen liegt als zwischen Wahrnehmung, Geschichte und Erwartung.
Ich gehe weiter. Die Landschaft verändert sich nicht. Aber ich habe mich verändert. Und das verdanke ich Lucius Burckhardt – und vielleicht auch Walter Benjamin, der irgendwo vorausgeht, als Flaneur, während Burckhardt neben mir geht und leise fragt: „Was siehst du eigentlich gerade?“ Und: „Was hat das mit dir zu tun?“
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Auswahlbibliographie (deutschsprachig)
- Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft.
Berlin: Martin Schmitz Verlag, 5. Auflage 2021 - Design ist unsichtbar.
Basel: Birkhäuser, 1981. - Die Kinder fressen ihre Revolution. Wohnen, Planen, Bauen.
Köln: DuMont, 1974. - Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch.
Basel: Birkhäuser, 1974. - Soziologie der Zukunft.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970. - Stichworte: Promenadologie. Spaziergangswissenschaft (Aufsätze und Vorträge, erschienen in Zeitschriften und späteren Sammelausgaben).
- Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft.
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