Olympische Windelspiele
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Sotschi 2014 gilt in vielen Studien als die am wenigsten nachhaltigen Winterspiele überhaupt. Es gab massive Zerstörung geschützter Naturgebiete, Infrastruktur ohne nachhaltige Nachnutzung, hoher CO₂-Ausstoß, Korruption und Zwangsumsiedlungen. Auch Peking 2022 war alles andere als nachhaltig – ebenso Turin 2006, Vancouver 2010 und Pyeongchang 2018. Demgegenüber stehen Austragungsorte wie Lillehammer 1994 oder Salt Lake City 2002, die vergleichsweise besser abschnitten.
Wo wird sich Milano–Cortina einordnen? Lange Transportwege für Athletinnen und Athleten, Publikum und Material sprechen für geringe Nachhaltigkeit und einen hohen CO₂-Ausstoß. Auch der Bau von Straßen, Tunneln und Energieinfrastruktur sowie das offenbar unumgängliche Speicherbecken in Antholz sprechen dagegen, dass sich diese Olympischen Spiele einen vorderen Platz im Nachhaltigkeitsranking sichern werden. Die Zerstörung alpiner, sensibler Naturräume wird dabei in Kauf genommen. Und wie.
Der Südtiroler Landeshauptmann hat vor wenigen Wochen einige Zahlen aus dem Sack gelassen und dabei argumentativ die Sachlage zurechtgebogen, während wirkliche Antworten in Bezug auf Nachhaltigkeit außen vor blieben. Zum sportlichen Großereignis legte sich das Land nämlich vor allem für Investitionen in Beton, Asphalt und Stahl ordentlich ins Zeug. Bingo!
Die Angst, dass den Antholzer See ein ähnliches Schicksal ereilt wie den Hotspot Pragser Wildsee, steht ebenfalls im Raum.
Antholz profitiere von „Investitionen in Höhe von 63 Millionen Euro“, sagte Arno Kompatscher in seiner Rede zum Haushalt 2026. Er schwärmte weiter über die Straßeninfrastruktur, „die mit 235 Millionen Euro gefördert wurde“, über die Riggertalschleife, „wo noch weitere 250 Millionen Euro“ hinzukommen würden, sowie über „Investitionen in die Stromsicherheit“, für die insgesamt 90 Millionen Euro bereitstünden. Das Gesamtvolumen der Investitionen belaufe sich somit auf über 638 Millionen Euro, wovon knapp 192 Millionen Euro vom Land und 446 Millionen Euro vom Staat finanziert wurden. Nochmal: Bingo!Wenn nun bei SALTO eine Anfrage eines ausländischen TV-Senders eintrudelt, der die Aufnahmen dieser Online-Plattform vom Bau des Speicherbeckens in Antholz benötigt, verheißt das nichts Gutes. Mal sehen, was am Ende zu sehen sein wird. Und was dazu erzählt wird.
Eine Menge Geld für wenige Wochen Aufmerksamkeit und den großen Wunsch nach internationaler Anerkennung. Nur scheint momentan doch nicht alles so nachhaltig gut auf Schiene zu sein: Geplantes wird nicht zeitnah umgesetzt, Erhofftes verzögert sich. War vielleicht alles eine Nummer zu groß?
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Grüner Beschlussantrag
Wie lange wird uns das Olympische Feuer wärmen?: Madeleine Rohrer, Brigitte Foppa und Zeno Oberkofler bei der Vorstellung des Beschlussantrag Nr. 360/25-XVII. Er wird morgen im Landtag behandelt. Foto: SALTO/HMVergangene Woche stellten die Grünen ihren Beschlussantrag zu den Olympischen Spielen vor, der morgen im Landtag behandelt wird. Sie legen Zahlen des Instituts für Wirtschaftsforschung auf den Tisch, wonach gerade Winterspiele kaum wirtschaftliche Effekte erzielen. Demgegenüber stehen jedoch soziale und ökologische Kosten, die immens sind. Die Angst, dass den Antholzer See ein ähnliches Schicksal ereilt wie den Hotspot Pragser Wildsee, steht ebenfalls im Raum. Darüber spricht jedoch kaum jemand. Schon die Vorstellung daran ist schlimm genug.
Dafür wurde nachhaltig viel Beton, Asphalt und Stahl verbaut.
Wie olympisch und sportlich löst das Land hingegen die steigenden Kosten für Wohnraum und Lebensunterhalt? Thematisiert wurde bei der Vorab-Pressekonferenz zum Beschlussantrag auch der sogenannte Legacy-Plan, der sicherstellen soll, dass Austragungsorte die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Spiele langfristig berücksichtigen. Im Plan gehe es auch darum, sozialen Frieden zu sichern. Ist dieser in Südtirol tatsächlich gegeben? Oder wird er ausgeblendet, während die lokale Bevölkerung durch Kosten und Belastungen der Spiele stärker benachteiligt wird, als ihr lieb ist?Ein Beispiel ist das Speicherbecken, das nicht primär für die Spiele gebaut wurde, sondern für die Nutzung danach. Auf Basis dieser und anderer Erfahrungen fordern die Grünen in ihrem Beschlussantrag, das Konzept eines Legacy-Plans auf ganz Südtirol auszuweiten, da die Olympischen Spiele das gesamte Land betreffen. Zudem werden sie nicht das letzte Großsportereignis bleiben: Die Weltmeisterschaften in Gröden stehen bereits in fünf Jahren an. Es geht darum, die Auswirkungen auf Wohnraumpreise und Tourismus systematisch zu erheben, um daraus Strategien für zukünftige Events abzuleiten.
Zudem fordern die Grünen eine umfassende Klimabilanz, die nicht nur die Durchführung der Spiele, sondern auch die Umwelt- und Klimakosten des Infrastrukturausbaus ehrlich erfasst, um negative Auswirkungen sichtbar zu machen und auszugleichen.
„Diese Olympischen Spiele wurden als die nachhaltigsten aller Zeiten angekündigt. Dafür wurde nachhaltig viel Beton, Asphalt und Stahl verbaut. Jetzt muss endlich in die Software investiert werden: eine Grenze für Wohnungspreise und Tourismus, eine inklusivere Gesellschaft und ein besseres Klima“, erklärt Madeleine Rohrer, Erstunterzeichnerin des Beschlussantrags. Die Olympischen Spiele enden nicht mit dem Erlöschen der Flamme.Nachhaltiges Geschäft?Abseits des Beschlussantrags stellt sich auch in anderer Hinsicht eine dringliche Nachhaltigkeitsfrage. Eine Meldung sorgte nämlich vor einigen Jahren eher für fremdschämendes Wegsehen als für Aufsehen. So richtig darüber sprechen will jedoch niemand – auch nicht unmittelbar vor den nahenden Biathlon-Wettkämpfen in Antholz. Es geht um die guten Umsätze von Erwachsenenwindeln während sportlicher Großereignisse. Mittlerweile sind sie auch bei großen Konzerten gefragt.
Kontrollierbar ist das Ganze für die Olympiamacher wohl kaum.
„Bei mir kaufen sie sie nicht. Ob sie sie mitbringen, weiß ich nicht. Für mich bleibt es eine Dämlichkeit, die viral geht, weil sie vielleicht einige Menschen zum Lachen bringt“, antwortet Roberta Olivotto, die eine Apotheke im Südtiroler Olypiatal führt. Seit den Hygienevorschriften während der Corona-Zeit haben sich nicht die damals obligaten Masken etabliert, sondern – wie bereits aus einem Bericht von Rai Südtirol aus dem Jahr 2020 hervorging – Windeln für Erwachsene, die auf den Publikumsrängen während der Wettkämpfe getragen werden und am Ende in den Toiletten im Müll landen. Wie nachaltig ist diese Verschwendung?Wie auch immer sich dieses Geschäft mit dem „Geschäft“ erklären lässt: Es wirft – wenn auch auf Mikroebene – eine dringliche Nachhaltigkeitsfrage auf. Kontrollierbar ist das Ganze für die Olympiamacher wohl kaum.
Und noch einmal CoronaDie Biermarke Corona – speziell Corona Cero, die alkoholfreie Variante – ist offizieller Bier-Sponsor der Olympischen Spiele 2026. Die Kampagne For Every Golden Moment verbindet die Marke mit olympischen Erfolgen und alltäglichen „goldenen Momenten“, wobei der Fokus auf verantwortungsvollem Genuss und Mäßigung liegt. Man gibt sich nachhaltig, zielt aber natürlich darauf ab, dass die Leute zur Flasche greifen. Und ganz Schlaue in Antholz und an anderen Austragungsstätten von Milano-Cortina eben zur Windel.
Die Olympischen Spiele können kommen. Und hoffentlich gehen sie nicht in die Hose.
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