Die Zwiebel: unscheinbar & unterschätzt
-
Sobald der Hals kratzt und die Nase dichtmacht, habe ich zwei Optionen: Jammern oder Zwiebeln schneiden. Oder beides. Da Jammern allein selten hilft, stehe ich kurz darauf in der Küche, tränenreich, leicht genervt und mit dem Gefühl, dass dieses unscheinbare Gemüse schon öfter mehr für mich getan hat als so manches schicke Mittel aus der Apotheke.
Kaum ein Gemüse liegt so selbstverständlich in unseren Küchen, und kaum eines wird gleichzeitig so wenig gewürdigt. Dabei ist die Zwiebel ein echtes Hausmittel-Urgestein, besonders im Winter. Sie wärmt, schützt, löst und bringt nicht nur Suppen, sondern auch unseren Körper in Bewegung.
-
Die Autorin
Tamara Seyr ist FNL Kräuterexpertin, Gartenhexe und Heilpraktikerin. Sie beschäftigt sich oft und auch lange (und oft auch ganz, ganz lange) mit den Kräutern und allem was dazu gehört. Das sind nicht nur die botanischen Namen, die Familienzugehörigkeit und die Inhaltsstoffe, sondern auch die Signaturenlehre.
Instagram: @lieblings_kraeuter
Ihr aktuelles Buch "Klugscheißerwissen Kräuter"
Foto: Tamara Seyr -
Man fragt sich, warum man sich das freiwillig antut.
Spätestens beim Zwiebelschneiden zeigt sie Charakter: Die Augen tränen, die Nase läuft, und man fragt sich, warum man sich das freiwillig antut. Verantwortlich dafür sind schwefelhaltige Verbindungen, die beim Zerschneiden der Zwiebel freigesetzt werden. Sie reagieren mit der Flüssigkeit im Auge zu einer milden Säure – ein cleverer Abwehrmechanismus der Pflanze. Für uns ist er lästig, für den Körper aber durchaus nützlich. Genau diese Schwefelstoffe wirken antibakteriell, schleimlösend und entzündungshemmend.
-
Ätherische Öle, Vitamin C und noch viel mehr
Besonders bekannt ist die Zwiebel als Hausmittel bei Husten und Erkältung. Ihre ätherischen Öle und Schwefelverbindungen helfen, festsitzenden Schleim zu lösen, während sekundäre Pflanzenstoffe das Immunsystem unterstützen. Gleichzeitig liefert die Zwiebel Vitamin C, Kalium und Flavonoide wie Quercetin, das für seine antioxidativen Eigenschaften geschätzt wird. Quercetin kann entzündliche Prozesse im Körper dämpfen und spielt eine Rolle bei der Unterstützung der Atemwege.
-
Zwiebelsaft: der Klassiker
Ein Klassiker der Volksheilkunde ist der Zwiebelsaft – einfach herzustellen und erstaunlich effektiv. Für den Zwiebelsaft wird eine Zwiebel fein gehackt oder in Scheiben geschnitten und mit Zucker oder Honig vermischt. Die Mischung zieht mehrere Stunden, idealerweise über Nacht. Dabei tritt der Saft aus, der anschließend löffelweise eingenommen wird. Traditionell wird er bei Husten, Heiserkeit und Reizhusten eingesetzt, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.
-
Mehrmals täglich ein Esslöffel
Wer es genauer mag, hier das „heilige“ Rezept: Eine mittelgroße Zwiebel schälen und klein schneiden. In ein sauberes Glas schichten und mit zwei bis drei Esslöffeln Zucker oder Honig bedecken. Glas verschließen und einige Stunden stehen lassen. Den entstandenen Saft abseihen oder direkt aus dem Glas löffeln. Mehrmals täglich ein Esslöffel genügt.
-
Die Zwiebel im Essen
Doch die Zwiebel kann mehr als Husten lindern. Sie regt die Verdauung an, wirkt leicht blutverdünnend und unterstützt die Durchblutung. Ihre Schärfe fördert die Magensaftproduktion, was sie besonders bei schweren Wintergerichten zu einem wertvollen Begleiter macht. Roh ist sie kräftig, gegart wird sie mild und süßlich – ihre Wirkung bleibt jedoch erhalten.
-
Auch äußerlich wurde die Zwiebel traditionell genutzt. Aufgeschnitten und in ein Tuch gewickelt, kam sie bei Ohrenschmerzen, Insektenstichen oder kleinen Entzündungen zum Einsatz. Ihre durchblutungsfördernden und keimhemmenden Eigenschaften machten sie zu einem vielseitigen Helfer, lange bevor es Apotheksregale gab. Der intensive Geruch ist dabei kein Zeichen von Aggressivität, sondern von Wirksamkeit.
-
Scharfe Zwiebel, hohe Wirksamkeit
Interessant ist auch der Unterschied zwischen den Zwiebelsorten. Weiße und gelbe Zwiebeln enthalten besonders viele Schwefelverbindungen und eignen sich gut für Hausmittel. Rote Zwiebeln liefern zusätzlich Anthocyane, sekundäre Pflanzenstoffe mit antioxidativer Wirkung. Je schärfer die Zwiebel schmeckt, desto höher ist in der Regel ihr Gehalt an wirksamen Inhaltsstoffen.
-
Fazit: Die Zwiebel ist ein Muss.
In einer Zeit, in der vieles hochverarbeitet und kompliziert erscheint, wirkt die Zwiebel fast altmodisch. Doch gerade im Winter, wenn der Körper nach Wärme, Schutz und Unterstützung verlangt, zeigt sie ihre Stärke. Sie ist kein sanftes Wohlfühlmittel, sondern ehrlich, direkt und manchmal tränenreich.
Ich nehme mir jetzt noch ein letztes Mal für heute einen Löffel vom leckeren Zwiebelsaft und gehe dann ins Bett. Viel geküsst wird heute ohnehin nicht mehr – die Zwiebel hat da sehr klare Vorstellungen.
-
Stimme zu, um die Kommentare zu lesen - oder auch selbst zu kommentieren. Du kannst Deine Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.