Bühne | Theater

Humor gegen Hass

Wie reagiert man auf digitalen Hass? Hasnain Kazim antwortet mit Witz. Das Metropoltheater bringt den Schlagabtausch nach Südtirol. Ein Gespräch über Humor und Haltung.
Thorsten Krohn, Lucca Züchner, Bijan Zamani, Thomas Schweiberer Metropoltheater Post von Karlheinz
Foto: © Metropoltheater München/Fotografin: Marie-Laure Briane
  • Was tun, wenn das Postfach mit rassistischen Beleidigungen und aggressivem Unfug überquillt? Der Journalist Hasnain Kazim hat eine ungewöhnliche Antwort gefunden: Er reagiert mit Humor und schreibt zurück. Das Münchner Metropoltheater bringt diesen digitalen Schlagabtausch nun auf die Bühnen von Schlanders, Meran und Sterzing. Ein Gespräch mit Thomas Flach, Ideengeber der Inszenierung und Mitglied der Theaterleitung, über die befreiende Kraft des Humors und die politische Pflicht des Theaters.

  • Kazim, 1974 in Oldenburg als Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer geboren, ist es gewohnt, dass sein Name und seine Themen Reflexe auslösen.: Foto: Peter Rigaud

    Hass im Netz ist meistens eines: unsinnlich, digital und hässlich. Doch wenn das Münchner Metropoltheater die Antwortschreiben des Journalisten Hasnain Kazim auf die Bühne bringt, verwandelt sich die Aggression in etwas überraschend Erhellendes. Kazim, 1974 in Oldenburg als Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer geboren, ist es gewohnt, dass sein Name und seine Themen Reflexe auslösen. In seinem Bestseller „Post von Karlheinz“ dokumentiert er, wie er den wütenden Absendern mit Witz, Ironie und entwaffnender Direktheit begegnet. Besteht bei der Bühnenadaption dieser Texte nicht die Gefahr, den blanken Hass durch Pointen zu verharmlosen? Thomas Flach, der als Ideengeber maßgeblich für das Stück verantwortlich zeichnet, verneint dies entschieden. Die Realität der Briefe sei für das Publikum ohnehin präsent und erschreckend genug.

  • Thomas Flach zeichnet sich als Ideengeber für das Stück verantwortlich.: Foto: © Metropoltheater München/Fotografin: Carolin Tietz

    „Der Witz ist in dem Fall keine Verharmlosung, sondern der Humor, mit dem Kazim umgeht, sorgt bei mir für eine Erleichterung, weil man selbst so überfordert ist“, erklärt Flach im Interview. „Man weiß oft nicht, wie man damit umgehen soll. Man kann sich nicht richtig wehren, außer juristisch, aber dieser Umgang mit dem Humor hat etwas Unglaubliches, Befreiendes für mich als Zuhörer, weil man seine Souveränität behält. 

    Das Gastspiel führt das Ensemble quer durch Südtirol – nach Schlanders, Meran und Sterzing. Auch wenn die Vorlagen aus einem anderen Kontext stammen, ist die Thematik im Alpenraum keineswegs anders. Flach sieht hier eine traurige europäische Gemeinsamkeit. „Was ich von Europa weiß: Es gibt bestimmte Dinge, da ist Europa mehr geeint, als es glaubt. Ich glaube, Fremdenhass und Fremdenfeindlichkeit gibt es überall und wahrscheinlich leider auch in Südtirol. Vielleicht ist ein Großteil des Publikums nicht unmittelbar davon betroffen, weil sie nicht den sogenannten Migrationshintergrund besitzen. Aber ich bin mir sicher, dass es diese Fälle auch in Südtirol gibt.“

  • Besonders für Bijan Zamani, der die Rolle Kazims übernimmt, verschwammen die Grenzen.: Foto: © Metropoltheater München/Fotografin: Marie-Laure Briane
  • Die persönliche Berührung hinter der Rolle

    Für die Schauspieler ist die Arbeit mit den hasserfüllten Originaltexten mehr als nur ein professioneller Vorgang. Besonders für Bijan Zamani, der die Rolle Kazims übernimmt, verschwammen die Grenzen. Flach berichtet, dass Zamani selbst einen entsprechenden Hintergrund habe und manchmal Opfer von Hass geworden sei. „Bei ihm war es eher so, dass ihn der Unterschied zwischen seinem eigenen Leben und der Rolle persönlich berührt hat, weil er jemanden auf der Bühne darzustellen hat, der – wie er selbst – Opfer von Hass geworden ist.“

    Für Flach steht fest: Theater hat heute mehr denn je die Pflicht, Position zu beziehen. Dabei gehe es nicht um Parteipolitik, sondern um Haltung.

     

    Ich finde diese Erleichterung großartig, dass er mir Mittel an die Hand gibt.

     

    „Das Theater wird deswegen subventioniert, weil es dem Publikum Gedanken mit auf den Weg geben soll. Und das müssen kritische Gedanken zu gesellschaftlichen Entwicklungen sein“, so Flach. „Es ist notwendig, dass Positionen bezogen werden, damit man in die Diskussion kommt. Das ist das Tolle am Theater: Dass eine heterogene Gemeinschaft gemeinsam in einem Saal sitzt und idealerweise dasselbe erlebt.“ Das Ziel sei dabei nicht, dem Zuschauer eine Meinung vorzuschreiben, sondern ihm Werkzeuge an die Hand zu geben. Flach vergleicht das Stück fast mit einer praktischen Anleitung für den Alltag:

     

    Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen. 

     

    „Ich finde diese Erleichterung großartig, dass er mir Mittel an die Hand gibt. Das ist wie so eine Betriebsanweisung, wie man mit diesen Dingen umgehen kann, um diese Leute zu stellen. Um nicht die Gewaltspirale nach oben zu treiben, sondern eher wieder nach unten.“ Sein abschließender Wunsch für die Aufführungen in Südtirol ist ebenso simpel wie tiefgreifend „Wir kommen nicht weiter in der Gesellschaft, wenn wir die Leute die ganze Zeit ausgrenzen. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen. Wenn die Leute rausgehen und sie sehen eine Chance, mit jemandem, mit dem sie sonst nie ins Gespräch kommen würden, dann wäre ich ein total glücklicher Mensch.“

     

  • Termine & Infos

    Das Metropoltheater München präsentiert Texte, Chatverläufe und E-Mails aus Kazims Bestseller:

    • 21. Jänner: Kulturhaus, Schlanders
    • 22. Jänner: Stadttheater, Meran
    • 23. Jänner: Stadttheater, Sterzing
    • Beginn: jeweils 19:30 Uhr (Kostenlose Einführung um 19:00 Uhr)

    Karten und Informationen: Südtiroler Kulturinstitut unter www.kulturinstitut.org oder 0471 313800.