Der letzte Demokrat
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27. Mai 1968: Das Rektorat der Frankfurter Universität wurde von lauthals protestierenden Studenten besetzt. Der Zugang zu Hörsälen wurde versperrt, der Eingang zur Universität verriegelt. Die Professoren der Frankfurter Schule hatten die Mitglieder der Sozialistischen Studentenbewegung selbst dazu angestachelt, doch wurden sie jetzt das Opfer ihrer eigenen sozialkritischen Lehre. „Die Geister, die du gerufen … jetzt sind sie da.“ Der große Kopf der gesamten Bewegung, Theodor W. Adorno, war entsetzt. Tatsächlich war Adorno ein „Schreibtischtäter“; anders der junge Habermas, der sich vor dem Eingang zur Universität mit den Studenten den Mund wundsprach.
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Der Verfassungspatriot
Lautsprecher in der Hand, verkündete er seine Maximen und rieb sich mit Studentengrüppchen in verbalen Scharmützeln auf. Diese haben es ihm nachträglich gedankt, wohingegen der unantastbare Adorno vielen als Verräter ihrer causa galt. So war Jürgen Habermas von Anfang an und so ist er bis zum Schluss geblieben: zwischen den Stühlen. Zwischen der Verteidigung der demokratischen Institutionen einerseits, und der Kritik derselben andererseits; unter Umständen sogar gegen das Gesetz, allerdings im Namen der Verfassung. Tatsächlich war Habermas der beredtste Verteidiger des zivilen Ungehorsams, jener Haltung, welche die 60er Jahre nicht nur in Europa, sondern zumal in den USA so tiefgehend der Zeit ihren Stempel aufgedrückt hat. Protestieren ist nicht nur erlaubt, so Habermas, es ist für eine Demokratie notwendig. Eine streitbare Öffentlichkeit, ein dialektischer Diskussionsraum, in dem die großen Entscheidungen durch die Massen gegengeprüft werden: Dies war für Habermas der einzige Weg für eine demokratische Gesellschaft.
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Vom Studenten zum Professor der Kritischen Theorie
Jürgen Habermas kam im Jahr 1929 in Düsserldorf zur Welt. Von 1949 und 1954 studiert er an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie und Geschichte. Als Vater von drei Kindern arbeitete er in den 50er Jahren als Assistent am Frankfurter Institut für Sozialforschung, an der berühmten Frankfurter Schule, die das akademische Rückgrat nicht nur der Studentenbewegungen, sondern des gesamten kritischen Denkens jener Jahre in Europa war. Im Jahr 1964 wurde er ebenda Ordentlicher Professor für Philosophie und Soziologie, worauf hin er 30 Jahre lang bis 1994 den Lehrstuhl innehatte.
Er richtete die radikale Sozialkritik seiner Vorgänger Horkheimer und Adorno neu aus: indem er die gesellschaftlichen Institutionen nicht nur kritisierte, sondern diese auch stärkte. Habermas war mit anderen Worten konzilianter als seine rabiaten Vorgänger, welche den Weg der europäischen Vernunft als ausweglose Sackkasse verdammten. Im Unterschied zu ihnen glaubte Habermas noch an die Vernunft, an die Aufklärung und an den damit zusammenhängenden Fortschritt der westlichen Kultur; allerdings an einen Fortschritt, den es mit kritischem Blick zu begleiten galt. Im Jahr 1968 erschien sein Werk Erkenntnis und Interesse, worin die wichtigsten Thesen zu seinem Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns aus dem Jahr 1981 enthalten sind.
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Vom Sprechakttheoretiker zum Kommunikationsphilosophen
Mit seinem sozialen Engagement entsprach Habermas durchweg dem weitverbreiteten Vorbild des intellettuale di sinistra. Doch worin bestand eigentlich seine philosophische Leistung? Der geneigte Leser erlaube mir wenige philosophische Zeilen, um die komplexe Theorie von Habermas in ihren grundlegendsten Zügen zu erhellen.
Der frühe Wittgenstein hatte zusammen mit den Wiener Positivisten die Sprache wie mathematische Zeichen betrachtet. Dabei entgingen den fanatischen Logikern sowohl die Intention des Sprechers als auch die konkrete Anwendung sprachlicher Strukturen. Umgekehrt suchte die sogenannte intentionalistische Semantik die Bedeutung von Sprache in den mentalen Zuständen des Sprechenden zu verankern. Diesen Theoretikern entgingen hinwiederum objektive Kriterien, um die Bedeutung einer sprachlichen Äußerung klar erkennen zu können – wer kann schon in die Seele eines Menschen Blicken?„Habermas hat das politische System der Demokratie zum philosophischen Wahrheitskriterium gemacht.“
Habermas suchte den Mittelweg, in dem er Sprache als eine Art Verhalten, ja als ein Handeln bezeichnete: Eine Handlung enthält sowohl objektive, für alle sichtbare, als auch subjektive Elemente, wie zum Beispiel die Absicht der Handlung. Der Mittelweg war dabei nicht Habermas' eigene Erfindung. Es war die Sprechakttheorie des zweiten linguistic turn im Gefolge des späten Wittgenstein in Anlehnung an J. L. Austin und John Searles Sprechakttheorie. Letztere – die zwei Größen der Sprechakttheorie – widerlegend, führte Habermas ein neues Wahrheitskriterium für Sprache ein: Ein Satz kann nur dann als wahr gelten, wenn er von einem Gesprächspartner als solcher auch anerkannt werden kann. Und zu wissen, was ein Satz bedeutet, heißt zu wissen, unter welchen Umständen ein Satz als wahr angenommen werden kann.
Daraus folgt mitunter, dass ein unter Gewaltandrohung erteilter Befehl gar kein sprachlicher Akt ist, sondern nur wie ein solcher aussieht. Mit dieser gewagten Theorie hatte Habermas die Verständigungsmöglichkeit in einem Dialog, das heißt den Konsens der Gesprächspartner zum Wahrheitskriterium erhoben. Einfacher: Habermas hat das politische System der Demokratie zum philosophischen Wahrheitskriterium gemacht. Weiter konnte kein Demokratietheoretiker gehen.
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Unser Autor
Andrés Carlos Pizzinini Philosophie, Theologie, Malerei und Klassische Philologie studiert. Er arbeitete für die Stiftung Bozner Schlösser, ei der City Bank in Edinburgh und unterrichtete am Vinzentinum in Brixen. Seit 2019 ist er in Forschung und Lehre in den Bereichen Stadtbaugeschichte, Architekturtheorie, Ästhetik und Philosophie tätig – an der TU Wien, der FH Rosenheim und dem ITHF Hamburg sowie an der PTH Brixen und Unibz.
Foto: SALTO/Andy Odierno -
Der Amerikafreund
Indem er sich von den marxistischen Wurzeln der Frankfurter Schule immer weiter entfernte, beschäftigte sich Habermas zunehmend mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft – in der Vermittlung der beiden sah er auch die Rolle der Philosophie angesiedelt. Von 1971 bis 1981 leitete Habermas in diesem Sinne das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt.
In dieser Hochphase des Kalten Krieges tat sich der inzwischen berühmte Philosoph als großer Amerikafreund hervor. In diesem Sinne schrieb er, dass sich der „Antiamerikanismus stets mit den fragwürdigsten deutschen Traditionen verbunden hat“. Damit hatte der Konsensphilosoph weltpolitisch Farbe bekannt.
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Die Singularität des Holocausts
Ein weiteres Mal vermochte Habermas das Geschick Deutschlands wesentlich mitzubestimmen. Der sogenannte Historikerstreit wurde durch seinen Beitrag in Die Zeit vom 11. Juli 1986 ausgelöst. Darin griff Habermas verschiedene Historiker an, vor allem Michael Stürmer und Ernst Nolte – die den Holocaust der Nationalsozialisten mit sowjetkommunistischen Gräueltaten verglichen.
Habermas erkannte darin eine konzertierte Aktion der Gelehrtenwelt sowie eine gewisse politische Strömung in der ersten Phase der Kohl-Regierung, welche die unaussprechliche Schuld der Deutschen im Holocaust abschwächen, ja revidieren wollten. Habermas erklärte den Holocaust zur Singularität des Bösen und entzog jeglicher Geschichtsrelativierung den Boden.
Rückblickend kann konstatiert werden, dass er aus dem Streit als Sieger hervorging und der deutschen Erinnerungskultur jüngeren Datums seinen Stempel aufgedrückt hat.
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Die späten Jahre: Ein klares JEIN
Habermas wurde in seinen späten Jahren weder ein Fallschirmspringer noch ein Freimaurer oder gar gläubig. Dennoch rührte er an den spirituellen Grundfragen des Menschen.
Berühmt wurde seine Diskussion mit Kardinal Ratzinger, der wenig später Papst wurde, im Januar 2004 über Glaube und Vernunft. Seinen Vorbehalt gegen die Religion wie ein Kuscheltier eng an die Brust gedrückt, konzedierte Habermas dennoch, dass selbst eine liberale und säkulare Gesellschaft in der Religion ein gewisses „Wahrheitspotential“ erkennen sollte.
Habermas hatte damit nichts wesentlich Neues gesagt, zumal sogar antitheistischen Empiristen a la Bentham drei Jahrhunderte zuvor das gesellschaftsverbindende Potential der Religion erkannten. Neu war, dass die Entfernung religiöser Überzeugungen aus der öffentlichen Debatte inzwischen eine allgemein geteilte Forderung war – vor allem in dem Biotop der Frankfurter Schule, dem Habermas entwachsen war. Es hatte sich mithin der letzte Spross der europäischen Neomarxisten mit der Speerspitze der katholischen Konservativen recht gut verstanden. Und in der Tat: In seinen späten Jahren äußerte sich der in die Jahre gekommene Philosoph immer häufiger Zugunsten der Institutionen, und kritisierte deren Anfeindungen. So war es beim Kosovokrieg 1999 unter Bill Clinton: ein völkerrechtswidriger Krieg, wie er einräumte, der aus humanitären Gründen dennoch legitim sei. So war es angesichts der umstrittenen Maßnahmen während der Corona-Pandemie.
„Der Westen hat keine Ziele mehr“, resümierte Habermas die europäische Politik des neuen Jahrtausends.
Im Unterschied zu kritischen Stimmen geistesverwandter Philosophen wie G. Agamben, M. Gabriel verteidigte Habermas die strikten Maßnahmen der Regierungen, wenn auch mit Vorbehalt. So war es im Ukrainekrieg, wo er im Unterschied zu kritischen Stimme, wie derjenigen des Philosophen R. D. Precht „die militärische und logistische Unterstützung der Ukraine für richtig“ hielt. Dennoch erschrak er angesichts der deutschen Kriegsbegeisterung. Alle genannten Entwicklungen unterstützte Habermas, allerdings mit Bauchschmerzen, ja mit einer gewissen Resignation: „Der Westen hat keine Ziele mehr“, resümierte er die europäische Politik des neuen Jahrtausends. Der müde Philosoph konnte die zentrifugalen Kräfte, welche Europa zunehmend in Stücke reißen, nicht mehr zusammendenken.
Am 14.3.2026 schloss der deutsche Philosoph, der wie kein zweiter den europäischen Weg nach dem Zweiten Weltkrieg reflektierend begleitet hat, für immer seine Augen. Habermas war der letzte Philosoph, dessen Vernunftbegriff den Anspruch erhob, die gesellschaftliche Pluralität in ihrer Gesamtheit zu denken. In diesem Sinne ist es möglich, dass er der letzte Philosoph war. Gewiss ist, dass er unter Philosophen der letzte Demokrat war.
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