Kunst | Stadtgalerie Brixen

Tränen lügen nicht

Die ausgelassene Faschingszeit ist vorbei. Die einen weinen ihr keine Träne nach, andere bedauern die zurückgekehrte Normalität. Warum nicht ein Besuch im Tränenpalast?
Nikolaj Bielov
Foto: Nikolaj Bielov
  • „Tränen auf dem Fahrrad sind wunderbar, halbgefroren und wenn sie wieder auftauen: Like Ice in the Sunshine“, gibt sich der Künstler und Kurator Leander Schwazer gefühlvoll, zur Nachfrage von SALTO über den den Zustand austretender Tränenflüssigkeit beim Fahrradfahren im Winter. Schwazer bringt die Thematik Tränen über eine Ausstellung in der Stadtgalerie nach Brixen, auch wenn er die Sache irgendwie selbstlos herabspielt. „Tränen waren schon vor mir in Brixen, denn Weinen ist ein universelles Phänomen“, sagt er. Und: „Geweint wird überall.“ Das ist klar. Schwazer merkt er noch an, dass sich in Tränen Trauer spiegle, Überforderung oder Erlösung. Die Stadtgalerie würde laut ihm auch nicht wirklich um das Thema herumkommen, den Tränen würden überall fließen, im stillen Kämmerlein oder auf großer Bühne. Warum also nicht auch in Brixen?
     

    Hat sich die Kunst aus dem Weinen entwickelt?

  • „Moral des Überlebens“: Die Ausstellung verbindet religiöse Bilder und Objekte, die die Stadtgeschichte Brixens bis heute prägen, mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Foto: Nikolaj Bielov

    Geschaffen hat der Jahreskurator der Stadtgalerie Brixen (unter der Trägerschaft des Südtiroler Künstlerbundes) nicht nur eine Bühne im Kämmerlein im Rathaus, sondern einen regelrechten Tränenpalast, wie sich die Ausstellung nennt. Also zufällig oder bewusst wie die Ausreisestelle der DDR? Die Bezeichnung Tränenpalast entstand, weil sich im Gebäude DDR-Bürger und -Bürgerinnen von ihren westlichen Besuchern und Besucherinnen oft unter Tränen verabschiedeten. „Die Ausreisestelle in Ost-Berlin war an einer S-Bahn-Station gelegen“, bringt Schwazer sich zum Titel ein, „in der Ausstellung in Brixen sind die ‚Tränen‘ eines schmelzenden Gletschers zu hören, die sich wie ein Bach durch das Gewölbe der Stadtgalerie winden – eine poetische Erinnerung daran, dass nicht nur Menschen weinen“, windet sich Schwazer elegant und wirft die Frage zurück: „Vielleicht ist es aber auch eine S-Bahn, die hier vorbeirauscht? Die Ausstellung ist in permanenter Verwandlung begriffen.“ 

    Die von ihm kuratrierte Schau „greift auf das Erbe der Stadt Brixen zurück“, betont er. Zeitgenössische künstlerische Positionen treten in Dialog mit Objekten aus den Sammlungen der Hofburg Brixen und des Pharmaziemuseums. Da trifft schon mal „das Votivbild eines Augenleidenden aus dem 18. Jahrhundert auf eine wissenschaftlich anmutende mikroskopische Fotografie von Tränen, die sich wie ein Kirchenfenster über das Schaufenster der Galerie ausbreitet“, hebt er beispielhaft hervor. Ein besonderer Schwerpunkt der Ausstellung sei die „Tränensaline“, ein Ort, an dem Brixnerinnen und Brixner weinen dürfen. Aus den gesammelten Tränen werde dann feinstes „Südtiroler Tränensalz“ gewonnen. „Jede Träne zählt!“, gibt er sich einladend und gleichzeitig marktschreierisch.

  • Weinen und Lachen: Die Ausstellung betrachtet menschliches und nichtmenschliches Weinen und zeigt Kultur als einen Prozess der Transformation: von einem emotionalen Zustand in den nächsten, von Weinen in Lachen und wieder zurück. Foto: Nikolaj Bielov

    „Kaum etwas ist gesellschaftlich so schambehaftet wie das Weinen – die Konvention, keine Schwäche zu zeigen, gilt vor allem für Männer“, erzählt Schwazer und erklärt weiter: „In der Ausstellung sehen wir ein Selbstporträt mit hochrotem Kopf. Die bereits erwähnten Geräusche eines weinenden Gletschers verwandeln die Galerie in einen meditativen Ort, der zum Verweilen einlädt und immer wieder unterbrochen wird von einer harschen zeitgenössischen Komposition für Cello.“ Die Ausstellung stellt scheinbare Gegenspieler gegenüber: Religion und Wissenschaft, konzeptuelle Kunst und Emotionen, menschliche und nicht-menschliche Tränen. Sie will „Antagonismen in Schwingung bringen“ und der „schmerzhaften Erfahrung der Gegenwart mit Menschlichkeit begegnen“ möchte – „allen Schwierigkeiten zum Trotz.“

    Tränen seien „immer zeitgenössisch“, die Momente, in denen sie hervortreten, „in denen emotionale Tränen geweint werden“, ist Schwazer überzeugt. Weinen habe „genauso wie die Kunst eine transformative Kraft“ und führe „von einem emotionalen Zustand in einen anderen“.
     

    Wenn heiße Tränen über unsere Wangen laufen, kühlen sie unser Gemüt und schenken Hoffnung – genauso wie die Kunst.

  • Tränenpalast oder Tränenballast?: Selbstporträt mit hochrotem Kopf Foto: Nikolaj Bielov

    Hat sich die Kunst aus dem Weinen entwickelt? „Gut möglich“, spekuliert Schwazer, „nämlich dann, wenn Weinen in einen Gesang und wieder in Weinen übergeht. Antike Tragödien hatten vornehmlich ein kathartisches Motiv – da wurde recht viel geweint – ja, das Weinen war sogar staatlicher Auftrag, denn was auf der Bühne verhandelt wurde, war nicht zuletzt politisches versus religiöses Recht.“ Mittlerweile habe sich ein „Schleier der Traurigkeit“ über eine „immer grausamere Gegenwart“ gelegt, doch es gelte, „in dieser Gegenwart jeden Tag aufs Neue den Mut zu finden, weiterzuleben“, sagt er.

    Die Ausstellung Tränenpalast sucht nach einer „Moral des Überlebens“ und entdeckt in Tränen „eine gute Basis für eine neue Form der Einigkeit“, sie „stehen am Anfang menschlichen Lebens und am Ende – und natürlich immer wieder dazwischen.“

    Tränen sind so vielfältig wie die Situationen, aus denen sie entstehen. Sie können Ausdruck von Trauer und Schmerz sein, von Freude, Überforderung, Erleichterung oder Erlösung. Wie die Kunst entfaltet auch das Weinen eine transformative Kraft. Tränen erfüllen eine physiologische Funktion: Wenn heiße Tränen über unsere Wangen laufen, kühlen sie unser Gemüt und schenken Hoffnung – genauso wie die Kunst.

  • Gesalzene Ausstellung: Mit Werken von Ludwig Berger, Aron Demetz, Peter Kaser, Manuela Kerer, Urs Luethi, Maurice Mikkers, Barbara Ungepflegt mit Hanna Hollmann und Marie Vermont Foto: Nikolaj Bielov
  • Tränenpalast / Palazzo delle lacrime

    Bis 4. April in der Stadtgalerie Brixen 
    Rahmenprogramm:
    27.02. 16 - 20 Uhr Tränensalzteigworkshop mit Barbara Ungepflegt und Hanna Hollmann. Mit: Anmeldung
    9.03. 18 Uhr Führung mit Leander Schwazer und anschließender Filmvorführung im Astra Brixen (20 Uhr)