Wir müssen über Besteuerung reden
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Im Jahr 2019 gab es beim World Economic Forum in Davos einen bemerkenswerten Auftritt. Der niederländische Historiker und Buchautor Rutger Bregman kritisierte dort im Rahmen einer vielbeachteten Debatte, dass wirtschaftliche Eliten zwar ganz gerne ausführlich über Philanthropie und soziale Verantwortung sprächen, aber sehr selten über Steuern. Seine Botschaft lautete schlicht: Wenn man Ungleichheit wirklich bekämpfen wolle, müsse man über Besteuerung sprechen – „taxes, taxes, taxes“.
Seine schneidend klaren und radikalen Aussagen verbreiteten sich viral und trafen einen Nerv in einer Zeit wachsender Debatten über Vermögenskonzentration und Verteilungsungerechtigkeit. -
SALTO change im März
„Soziale Gerechtigkeit – zwischen Anspruch, politischer Realität und gesellschaftlichem Wandel“ – so lautet das Monatsthema von SALTO change im März. Es geht dabei um einen sehr umfangreichen Themenkomplex, bei dem wir nur einen Teil herausgreifen und auf die Südtiroler Verhältnisse herunterbrechen können. Und auch der Blick auf globale Entwicklungen soll dabei nicht zu kurz kommen. Wir werden uns sehr viel mit dem Vordringen von Armut beschäftigen, bei der es bei weitem nicht nur um den Mangel an Geld geht.
Es wird darum gehen, warum trotz eines wachsenden Landeshaushalts die Mittel für den sozialen Ausgleich immer knapper werden und was reiche Menschen antreibt, eine höhere Besteuerung großer Vermögen zu fordern. Wir werden herausarbeiten, warum die Errungenschaften des Sozialstaates immer stärker unter Druck geraten und wer die Treiber dieser Entwicklungen sind und über Marlene Engelhorn berichten, die einen Großteil ihrer Millionenerbes von Bürgerinnen-Räten verteilen lässt.Auch im SALTO change Partner-Event, bei start.klar. im UFO in Bruneck wird es darum gehen, wie eine sozial gerechte Politik gestaltet werden muss. Am 25. März wird sich Moderator Markus Lobis darüber mit Landesrätin Magdalena Amhof und dem Start-Up-Millionär Sebastian Klein unterhalten, der den Großteil seines Geldes in Impact-Organisationen eingebracht hat, die sich mit den Auswirkungen sozialer Ungleichheit beschäftigt und versuchen, diesen entgegenzuwirken.
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Warum sich Vermögen zunehmend konzentrieren
Parallel dazu hatte der französische Ökonom Thomas Piketty bereits Jahre zuvor die wissenschaftliche Grundlage für diese überfällige Diskussion gelegt. Seine Forschungen über langfristige Vermögens- und Einkommensverteilung, insbesondere im Buch „Capital in the Twenty-First Century“, machten die historische Dynamik von Ungleichheit sichtbar. Piketty argumentiert, dass Kapitalrenditen langfristig tendenziell schneller wachsen als Einkommen aus Arbeit, wodurch sich Vermögen zunehmend konzentrieren.
Gleichzeitig arbeitete der Professor an der Paris School of Economics (PSE) und Forschungsdirektor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) schlüssig heraus, dass Ökonomie letztlich eine Sozialwissenschaft sei: Fragen von Ungleichheit, Eigentum und Besteuerung seien nicht nur technische oder gar naturgesetzliche Kausalketten, sondern in erster Linie politische und gesellschaftliche Entscheidungen. Damit entzauberte er den neoliberalen Mythos, der die Ökonomie in die Nähe der Naturwissenschaften rückt und als Abfolge rationaler Mechanismen darzustellen versucht.
Prof. Piketty ist Hauptinitiator der World Inequality Database/WID, einer umfangreichen und online zugänglichen Datenbank, in der Daten zur Ressourcen- und Vermögensverteilung aus der ganzen Welt zusammengetragen und anschaulich aufbereitet werden. WID bringt auch den jährlich erscheinenden „World Inequality Report“ heraus, in dem die aktuellsten Entwicklungen beschrieben werden ( Zur Ausgabe 2026).
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Verteilung von Vermögen: Nach einem Höchststand der Vermögenverteilung bei 10 % der Gesellschaften des Feudalismus und des aufsteigenden Bürgertums bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg und einer breiteren Verteilung des Wohlstandes in der Nachkriegszeit konzentrieren sich die Vermögen seit den 1970er-Jahren wieder stärker in den Händen wirtschaftlicher Eliten. Foto: World Inequality Database/WID -
Die unsichtbare „Hand des Marktes“
Bregman und Piketty liefern wichtige Beiträge zu einem neuen gesellschaftlichen und politischen Verantwortungsdiskurs, der die Rolle gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse betont und aufzeigt, dass die neoliberalen Thesen und das Postulat der unsichtbaren „Hand des Marktes“ (Adam Smith) als oberste Regelinstanz moderner Staaten im Kern nichts anderes ist als eine Forderung privilegierter wirtschaftlichen Eliten, die ihre Macht ausbauen wollen.
Pikettys Arbeit und Bregmans Auftritt lieferten wichtige empirische Argumente für Aktivistinnen und Aktivisten, die später die „Tax-me-now“-Bewegung prägen sollten. Pikettys Datensammlungen zu Vermögensverteilungen und historischen Steuersystemen zeigen etwa, wie stark progressive Steuern im 20. Jahrhundert zur Verringerung von Ungleichheit beigetragen haben. Diese Forschung beeinflusste politische Debatten in Europa und den USA und diente auch als argumentativer Hintergrund und schlüssiges Gedankengebäude für eine neue Generation von Aktivisten aus wohlhabenden Milieus.
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Die Initiative „Tax me now“
Eine eigentliche Bewegung in Richtung einer höheren Besteuerung von großen Erbschaften und hohen Vermögen entstand Anfang der 2020er Jahre, als sich wohlhabende UnternehmerInnen, ErbInnen und InvestorInnen öffentlich für höhere Steuern auf große Vermögen aussprachen. Ein organisatorischer Mittelpunkt wurde die Initiative TaxMeNow, die 2021 im deutschsprachigen Raum als eingetragener Verein mit Sitz in Berlin gegründet wurde. Ihr Ziel ist es, die politische Debatte über Vermögens- und Erbschaftssteuern zu verändern, indem Menschen aus wohlhabenden Kreisen selbst die Forderung nach stärkerer Besteuerung formulieren.
Die Initiative TaxMeNow begründet ihre Tätigkeit vor allem mit der wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit und mit strukturellen Schwächen der aktuellen Steuersysteme. Nach eigener Darstellung zahlen sehr vermögende Menschen in vielen europäischen Ländern gemessen an ihrem Gesamtvermögen und ihren Kapitalerträgen relativ wenig Steuern. Die Organisation argumentiert, dass große Vermögen häufig durch Kapitalerträge oder Erbschaften wachsen, während das Steueraufkommen überwiegend aus Einkommen aus Arbeit und Konsumsteuern stammt. Aus dieser Perspektive versteht sich TaxMeNow als Zusammenschluss von Vermögenden, die öffentlich darauf hinweisen wollen, dass das bestehende System sie selbst zu wenig belastet.
Ein weiterer Grund für das Engagement ist laut der Initiative die Sorge um gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Stabilität. Extreme Vermögenskonzentration könne politische Macht ungleich verteilen und langfristig Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben. TaxMeNow fordert deshalb insbesondere höhere Erbschafts- und Schenkungssteuern, eine stärkere Besteuerung großer Vermögen sowie konsequentere Maßnahmen gegen Steuervermeidung und Steuerflucht. Die AktivistInnen argumentieren zudem, dass höhere Einnahmen aus Vermögenssteuern öffentliche Investitionen ermöglichen könnten – etwa in Bildung, Infrastruktur, soziale Sicherungssysteme oder Klimaschutz. Zugleich betonen sie, dass Umverteilung nicht von freiwilliger Philanthropie Einzelner abhängen sollte, sondern demokratisch über das Steuersystem organisiert werden müsse.
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Enorme Vermögen entstehen oft nicht durch individuelle Leistung
Eine zentrale Figur dieser Bewegung ist Marlene Engelhorn. Die österreichische Aktivistin stammt aus einer Industriellenfamilie, die historisch mit dem Chemiekonzern BASF verbunden ist. Bekannt wurde sie durch ihre öffentliche Kritik an der Rolle großer Erbschaften. Engelhorn argumentiert, dass enorme Vermögen häufig nicht durch individuelle Leistung entstehen, sondern durch familiäre Weitergabe innerhalb weniger Generationen. Aus ihrer Sicht untergräbt dies demokratische Gleichheit, weil wirtschaftliche Macht zunehmend vererbt wird.
Internationales Aufsehen erregte Engelhorns Projekt „Guter Rat für Rückverteilung“. Dabei stellte sie rund 25 Millionen Euro aus ihrem Erbe zur Verfügung und ließ einen zufällig und repräsentativ ausgewählten Bürgerrat darüber entscheiden, wie dieses Geld an soziale Organisationen verteilt werden sollte. Die Aktion war bewusst als politisches Experiment gedacht: Sie sollte zeigen, dass große Vermögen auch demokratisch verwaltet und verteilt werden könnten.
Neben Engelhorn spielen mehrere andere Persönlichkeiten eine wichtige Rolle in der Bewegung. Der Investor Antonis Schwarz gehört zu den Mitgründern von TaxMeNow und ist seit Jahren in Projekten zur Förderung von Demokratie und Zivilgesellschaft engagiert. Er argumentiert, dass extreme Vermögenskonzentration nicht nur ökonomische, sondern auch politische Risiken erzeugt.
Der deutsche Unternehmer Ralph Suikat bringt eine ähnliche Perspektive ein und tritt häufig in wirtschaftspolitischen Debatten auf, um die Sichtweise wohlhabender Befürworter höherer Steuern zu vertreten. International ist die Bewegung eng mit Netzwerken wie den Patriotic Millionaires verbunden, deren prominente Vertreterin Abigail Disney aus der Familie des Medienkonzerns The Walt Disney Company stammt. Auch der frühere Finanzmanager Morris Pearl, einst bei BlackRock tätig, gehört zu den wichtigsten internationalen Stimmen der Kampagne.
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Schauplatz Davos
Ein wichtiger Schauplatz für öffentliche Interventionen dieser Netzwerke ist Davos. Rund um die jährlichen WEF-Treffen veröffentlichen Gruppen wohlhabender Aktivistinnen und Aktivisten regelmäßig offene Briefe, in denen sie Regierungen auffordern, Superreiche stärker zu besteuern. Diese Aktionen sind bewusst auf maximale mediale Aufmerksamkeit ausgerichtet. Während in Davos traditionell über wirtschaftliche Verantwortung und philanthropische Initiativen diskutiert wird, insistieren die Aktivisten darauf, dass strukturelle Veränderungen des Steuersystems wirksamer seien als freiwillige Spendenprogramme. Der Slogan „Tax us now“ (besteuert uns jetzt) wurde zu einem zentralen Leitmotiv dieser Interventionen.
Forderungen dieser Art bleiben natürlich nicht unkritisiert und fordern das Selbstverständnis kapitalistischer Eliten heraus, die ihrerseits Einfluss auf die Politik nehmen. KritikerInnen warnen immer wieder vor möglichen Kapitalabwanderungen und wirtschaftlichen Risiken, während BefürworterInnen rigiderer Beitragsforderungen betonen, dass internationale Kooperation solche Effekte begrenzen könnte und verweisen auf Länder, in denen vergleichsweise hohe Steuervorschreibungen für Reiche gelten und in denen die von KritikerInnen eingewandten negativen Auswirkungen nicht oder nur in sehr begrenztem Umfang aufträten.
Die bisherige „Tax-me-now“-Bewegung ist noch relativ klein, hat aber den politischen Diskurs verändert und nicht nur klassische linke Parteien drängen – vor allem in Europa – zu entsprechenden Reformen in der Steuer- und Verteilungspolitik. Wenn Wohlhabende und Reiche selbst höhere Steuern auf große Vermögen fordern, stellen sie lange dominante politische Positionen wirtschaftlicher Eliten infrage und geben ethischen Überlegungen Raum, ohne die eine ernsthafte Debatte um ein gutes Leben für alle nicht geführt werden kann.
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