Bühne | Theater

Vom Anschauen und Angeschaut-Werden

Am morgigen Samstag feiert „Die Nacht kurz vor den Wäldern“ Premiere in Bozen. Darsteller Fynn Engelkes gibt vorab Einblicke in die außergewöhnliche Produktion.
Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.
Fynn Engelkes auf der Bühne
Foto: (c) Luca Guadagnini
  • Fynn Engelkes ist der einzige Darsteller im Stück „Die Nacht kurz vor den Wäldern“. Der immersive Monolog nimmt das Publikum mit auf einen atemlosen Rausch in die nächtliche Welt eines Vertriebenen und ist auch fast 50 Jahre später immer noch hochaktuell. Denn ein zentrales Thema ist Wohnungslosigkeit bzw. Obdachlosigkeit. 

  • Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit

    Diese zwei Begriffe werden häufig synonym verwendet, sind es aber nicht. Man spricht von Wohnungslosigkeit, wenn eine Person keinen eigenen, sicheren Wohnraum hat. Wohnungslosigkeit ist nicht immer sichtbar, denn häufig kommen wohnungslose Personen bei Verwandten, Freund*innen oder in Notunterkünften unter. Obdachlosigkeit hingegen beschreibt Situationen, die wir ganz klassisch mit dem Begriff in Verbindung bringen: Eine Person lebt auf der Straße, gänzlich ohne Unterkunft.

  • Herr Engelkes, erzählen Sie doch kurz, worum es in „Die Nacht kurz vor den Wäldern“ geht.

    Sehr gerne! In „Die Nacht kurz vor den Wäldern“ geht es um die Begegnung zweier Menschen, nachts im Regen, an einer Straßenecke. Der eine rennt dem anderen, - dem „Du“ nach, um ihn anzusprechen und um ein Zimmer für die Nacht zu bitten. Über beide erfährt man nicht viel, woher sie kommen, was sie tun, wohin sie gehen, bleibt unklar. Es ist eine Art Momentaufnahme im Leben dieser Personen. Was aber deutlich wird, ist, dass es um die Suche nach Verbindung geht, nach Nähe, nach der Möglichkeit, sich mit jemandem zu unterhalten und angeschaut zu werden. Die Hauptfigur sucht nach einer Person, die nicht wegschaut, und das steht im Fokus der Inszenierung und des Textes: Die Verbindung zwischen der Figur auf der Bühne und der Person, die zuschaut und generell dem Publikum.

  • Ein sehr aktuelles Stück mit sehr viel Interpretationsspielraum also.

    Absolut! Und das, obwohl das Stück schon etwas älter ist. Es ist aber auch nicht im Text verortet, in welcher Zeit es spielt. Das macht es für uns auch leichter, den Text ins Heute zu holen und vielleicht auch ein Stück weit in die Situation in Bozen. Der Text stammt ja von einem französischen Autor, wir haben mit der Dramaturgie aber trotzdem versucht, ihn auch sprachlich ins Hier zu holen. Zum Beispiel gibt es im Original immer wieder französische Begriffe, die haben wir teilweise mit italienischen ausgetauscht.

  • „Die Nacht kurz vor den Wäldern“ spielt in einer regnerischen Nacht. Auch auf der Bühne regnet es. Foto: (c) Luca Guadagnini
  • Der Text ist ein Monolog. Vor welche schauspielerischen Herausforderungen stellt der Sie als den einzigen Darsteller? Sie spielen ja praktisch durchgehend allein, oder?

    Ja! Per se ist ein Monolog ja schon  mal etwas ganz Spannendes, weil man nicht die Möglichkeit hat, mit Kolleg*innen, die um einen herum sind, direkt zu spielen und man sich nicht in einer klassischen Bühnensituation befindet, in der man miteinander redet und hinter der vierten Wand befindet sich dabei das Publikum, das schaut. Sondern ich bin eigentlich die ganze Zeit in der Veräußerung nach außen und über die vierte Wand. Das birgt einerseits die Schwierigkeit, dass ich keine Möglichkeit habe, mich im Spiel mit den Kolleg*innen zu verstecken. Andererseits ist es aber auch total schön, weil ich die Möglichkeit habe, sehr sehr nah dran zu sein am Publikum und direkt mit ihm zu kommunizieren.

    Eine andere Herausforderung ist, dass ein Monolog natürlich viel mehr Text hat. Und ich habe nie die Möglichkeit, einfach mal nur auf den Text meiner Kolleg*innen zu reagieren oder nur zuzuhören. Sondern es muss immer alles aus mir heraussprudeln. Das erfordert sowohl intellektuell-gedanklich als auch körperlich sehr viel Ausdauer. Die Inszenierung dauert ungefähr anderthalb Stunden und die Zeit in einer dauerhaften Spielspannung zu verbringen ist körperlich herausfordernd.

  • Wie stellt man ein Thema wie Wohnungslosigkeit in einem geschlossenen Raum und mehr noch auf einer Bühne, dar?

    Ich glaube, da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Es ist aber natürlich ein sensibles Thema. Deswegen war es uns von Anfang an wichtig, keine Klischees oder Vorurteile zu reproduzieren. Wir wollen auch nicht so tun, als wäre ich – Fynn Engelkes – jemand, der auf der Straße lebt. Im Gegenteil: Wir können nur aus dem schöpfen, was wir von außen bekommen und was wir recherchiert haben. Eine unserer Quellen war zum Beispiel das Dormizil in Bozen, das sehr wichtige Arbeit leistet. Gleichzeitig war es uns aber auch wichtig, eine natürliche Spielweise zu erarbeiten, damit Klischees gar nicht erst aufkommen können. Und hier war unsere Regisseurin Susanne Frieling großartig.

    Eine andere Möglichkeit ist das Bühnenbild. Unsere Bühnenbildnerin Elisabeth Weiß hat einen ganz ganz fantastischen Bühnenraum geschaffen, der sich vor allem auf Voyeurismus konzentriert. Es ist eine Art Glaskasten, der so ein bisschen wie ein Terrarium im Zoo funktioniert. Er macht es auch für die Zuschauer*innen sehr klar, in welcher Position sie sich befinden: Sie schauen jemanden an, der in einem Glaskasten ist. Und das kann für die Zuschauer*innen durchaus auch unangenehm sein. Aber gerade dieses Schauen und Angeschaut-Werden ist ein großes Thema in Bezug auf Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit. Viele Betroffene sprechen davon, dass sie sich von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen, weil sie nicht angeschaut werden. Dass sie ignoriert und in ihrer Menschenwürde nicht ernstgenommen werden. Und wir haben eben versucht, uns dieser Frage über das Bühnenbild zu nähernbekommen wir das Thema des Anschauens, des Hinschauens, beziehungsweise des Nicht-Hinschauens für die Bühne übersetzt? Und wie kann man das Publikum auch ein bisschen dazu „zwingen“ zuzuschauen oder hinzuschauen?

  • Das Bühnenbild ist von allen Seiten einsehbar. Foto: (c) Luca Guadagnini
  • Sie haben gerade das Dormizil erwähnt. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

    Zum einen hat unsere Dramaturgin Mona Schlatter hier großartige Arbeit geleistet und sehr viel recherchiert. Zur Situation in Bozen, aber auch über generelle Begriffe, wie den Unterschied zwischen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit. Das hat sehr geholfen. Zum anderen hatten wir mit dem Dormizil ein Team von ganz ganz tollen Menschen an unserer Seite, die bereit waren, uns viel von ihrer Arbeit zu erzählen. Und die mir auch die Möglichkeit gegeben haben, in ihre Arbeit einzutauchen und bei einer ihrer Schichten dabei zu sein. Das war aber keine Rollenvorbereitung im Sinne von „Ich schaue mir Menschen an und versuche dann so zu spielen, wie die sind.“ Sondern eher, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie diese Arbeit funktioniert. Denn eine Sache, die sie im Dormizil machen, ist den Menschen ganz radikal Respekt und Menschenwürde zurückzugeben, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind und sie ernst zu nehmen. Und was für mich beeindruckend war, ist die Freude an der Begegnung mit den Menschen, die sie haben. Ich glaube, das war eine sehr gute Vorbereitung, vor allem, weil man an ihrer Arbeit auch sehen kann, was passiert, wenn gesellschaftliches Engagement dort einsetzt, wo staatliche Hilfe versagt.

  • Dormizil EO

    Dormizil EO ist ein Bozner Verein, der sich gegen Obdach- und Wohnungslosigkeit einsetzt. Der Verein betreibt mehrere Unterkünfte. Weitere Informationen gibt es auf der Website des Vereins: https://www.dormizil.org/ 

  • Wer Lust auf einen ganz besonders immersiven Theaterabend hat, kann sich auf die Position des „Du“ setzen. Und wird von Fynn Engelkes direkt angespielt. Foto: (c) Luca Guadagnini
  • Welche Rolle spielt das Publikum für das Stück? Das darf sich ja frei im Raum bewegen und sich diesen Glaskasten von allen Seiten anschauen.

    Ja, wir haben einen Bühnenraum, der es ermöglicht, dass Menschen sich umsetzen können. Also wir haben eine gewisse Anzahl an Plätzen verkauft, es ist aber eine größere Anzahl an Plätzen im Saal verfügbar. Das gibt dem Publikum die Möglichkeit aufzustehen und sich an einen anderen Platz zu setzen, um sich die Vorstellung von einer anderen Stelle aus anzuschauen. Das ist für mich als Schauspieler auf jeden Fall erst mal sehr ungewohnt. Durch den Glaskasten bekomme ich außerdem jede Regung, jede Bewegung des Publikums mit. Das ist natürlich superspannend. Denn das macht sowohl etwas mit meinem Spiel als auch mit der Beziehung, die ich mit dem Publikum in dem Moment habe.

    Die andere Besonderheit ist die spezielle Position, die wir gemeinsam mit unserer Bühnenbildnerin erarbeitet haben. Diese Position des „Du“, der Figur, die direkt angesprochen wird. Das ist jeweils jemand aus dem Publikum. Vor jeder Vorstellung gibt es nämlich die Möglichkeit, sich kurz mit mir zu treffen und ich werde dann per Zufallsprinzip jeweils eine freiwillige Person auswählen. Diese Person sitzt dann auf einem gesonderten Platz direkt vor der Bühne, relativ nah auch an dem Glaskasten. Diese Person wird von mir sehr viel angespielt und in meinem Spiel geht es sehr viel darum, mit dieser Person eine Verbindung aufzubauen. Für diese Person ist das natürlich auch eine besondere Herausforderung. Sie wird dabei nämlich auch mit einer Live-Kamera gefilmt, genauso wie ich in meinem Glaskasten auch gefilmt werde. Die Bilder werden übertragen und an verschiedene Orte des Bühnenraums projiziert. Dadurch wird diese Person beim Zuschauen beobachtet und wird damit Teil der Inszenierung. Das soll auch dazu anregen, mal über das eigene Hinschauen, vor allem aber über das aktive Zuhören nachzudenken.

    Für die Person auf der Position des „Du“ klingt das natürlich erst mal einschüchternd, aber man vergisst sehr schnell, dass die Kameras da sind. Diese Person bekommt dafür im Gegenzug auch eine sehr besondere Theatererfahrung mit dem Gefühl, dass ich gerade nur für sie spielt. Recht viel immersiver geht es, denke ich, nicht. Und es macht jede Aufführung ein bisschen unterschiedlich. Das haben wir auch jetzt schon während der Proben gemerkt. Deshalb lohnt es sich vielleicht auch zweimal hineinzugehen.

  • „Die Nacht kurz vor den Wäldern“

    Die neue Produktion der Vereinigten Bühnen Bozen ist noch bis 29. März zu sehen. Einige Vorstellungen sind jedoch bereits ausverkauft. Weitere Infos zu Tickets und Inszenierung gibt es hier: https://theater-bozen.it/production/die-nacht-kurz-vor-den-waeldern/