Wollen wir das Ultner Pumpspeicherwerk?
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Drei von vier Südtirolerinnen und Südtirolern sprechen sich laut einer neuen Umfrage für den Ausbau erneuerbarer Energien aus. 77 Prozent befürworten eine stärkere Nutzung von Photovoltaik und Wasserkraft, 73 Prozent stehen einem weiteren Ausbau der Wasserkraft positiv gegenüber. Selbst Speicherseen und Pumpspeicherkraftwerke halten 65 Prozent für sinnvoll. Alexander Rieper, Präsident des Unternehmerverbandes, und Thomas Brandstätter, zuständig für den Bereich Energie, präsentierten die Ergebnisse der Volksbefragung des Innsbrucker Markforschungsinstituts IMAD, vertreten durch die Geschäftsführerin Barbara Ravanelli, im Sitz des Unternehmerverbandes Südtirol in Bozen als klares Mandat für eine beschleunigte Energiewende.
Zweifelsohne, der Ausbau erneuerbarer Energieträger in Südtirol erhält breiten Zuspruch. Etwas differenzierter wird es dann doch, wenn es um konkrete Projekte geht. Beim geplanten Pumpspeicherwerk im Ultental sinkt die Zustimmung auf 58 Prozent, 31 Prozent lehnen es ab, 11 Prozent enthalten sich. Besonders in der Region West, dazu gehören das Ultental und das Vinschgertal, haben Stauseen die Tallandschaften und Erinnerungen der Menschen wie mit Narben gezeichnet. Dementsprechend ist die Skepsis deutlich höher. Auch Elisabeth Ladinser, Präsidentin des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz, war als kritische Beobachterin präsent.
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Nachhaltigkeit ist wirtschaftlich
Für den Unternehmerverband ist die Sache dennoch eindeutig. Energiepreise in Italien lägen rund 30 Prozent über dem europäischen Durchschnitt, betonte Präsident Alexander Rieper. „Seit den 1980ern haben unsere Unternehmen ihren Energieverbrauch um 40 Prozent gesenkt und zugleich ihre Produktion multipliziert“, so Rieper. Energieeffizienz sei also längst gelebte Praxis, werde aber in Zukunft noch mit großen Investitionen verbunden sein, schilderte der Verbandspräsident.
Die Umfrageergebnisse interpretiert der Verband als Bestätigung einer gemeinsamen Linie von Wirtschaft, Bevölkerung und Umweltverbänden: Man wolle die Klimawende, weg von fossilen Energieträgern, hin zu einer regionalen Wertschöpfung, entwickeln. Besonders stark wird dabei das Preisargument betont: „64 Prozent der Befragten sehen im Ausbau erneuerbarer Energien die Chance auf günstigere Strompreise“, unterstreicht Ravanelli vom IMAD. Eine Wahrnehmung, die sich generationenübergreifend gleichermaßen vertreten sieht. Der Beitrag zum Klimaschutz ist vor allem bei den 16- bis 24-Jährigen vordergründig.
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Speicher als Schlüssel
Im Fokus steht vor allem eine Technologie: die Speicherung. Photovoltaik und Windkraft produzierten nicht konstant, Wasserkraft sei saisonabhängig. Wer Industrieproduktion rund um die Uhr sichern wolle, müsse kurzfristige Schwankungen ausgleichen können. Für Thomas Brandstätter, der im Präsidium des Unternehmerverbands für Energie zuständig ist, sind Pumpspeicherkraftwerke dafür die derzeit praktikabelste Lösung.
Batteriespeicher seien im großen Maßstab mit neuen Abhängigkeiten von Asien verbunden. Auch Wasserstoff weist derzeit eine geringe Effizienz auf. Pumpspeicher hingegen seien vielversprechend und vor allem nutzten sie bereits bestehende technische Voraussetzungen, wie Speicherbecken und Stauseen. Das Ultental mit seinen bereits vorhandenen Stauseen sei daher „eine gute Chance“, ein erster Dominostein, um weitere Speicherprojekte anzustoßen – geschielt wurde auf den Reschensee.
„Die Leute vor Ort müssen mitgenommen werden und sollen auch entsprechende wirtschaftliche Vorteile haben.“
Niemand solle jedoch übergangen werden, betonen sowohl Brandstätter als auch Rieper. „Es geht uns keinesfalls darum, Druck auszuüben, wir wollen lediglich Möglichkeiten bewerten und aufzeigen, wo Chancen liegen“, so der Verbandspräsident. Brandstätter schließt an: „Projekte müssten transparent kommuniziert und die direkt Betroffenen frühzeitig einbezogen werden. Die Leute vor Ort müssen mitgenommen werden und sollen auch entsprechende wirtschaftliche Vorteile haben.“ Ziel muss es sein, so Brandstätter, den Menschen ihre Ängste zu nehmen. Dabei sei es essenziell, zuerst mit den direkt Betroffenen zu sprechen, anstatt mit der Presse.
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„Ein gebranntes Kind“
Elisabeth Ladinser: „Die Betreiber müssen genug Geld in die Hand nehmen, um die Schäden an der Natur auf ein Minimum zu reduzieren.“ Foto: Andy Odierno/SALTOGegenüber SALTO begrüßt Elisabeth Ladinser die Studie grundsätzlich, stellt jedoch infrage, wie repräsentativ 500 Befragungen sein können, und weist darauf hin, dass die Zielkonflikte nicht zu unterschätzen seien. Hier stehen sich Energiewende und Versorgungssicherheit und Sozialverträglichkeit gegenüber. „Die Ultner Bevölkerung ist durch frühere Stauseeprojekte in den 1950er- und 1960er-Jahren ein gebranntes Kind. Ich habe volles Verständnis für die Bevölkerung“, so Präsidentin Ladinser, denn diese historischen Narben seien bis heute spürbar.
Die Betreiber müssten dieses Vorhaben so verwirklichen, dass die Ultner Bevölkerung angemessene Vorteile daraus ziehen kann. Ladinser führt aus: „Durch ein solches Vorhaben entstehen Schäden an der Natur, das ist klar. Aber hier sind wieder die Betreiber gefragt, die genug Geld in die Hand nehmen müssen, um diese Schäden auf ein Minimum zu reduzieren.“
Mehr Energie oder weniger Verbrauch?Während Unternehmerverband und Umweltverband sich im Ziel – der Abkehr von fossilen Energieträgern – einig zeigen, verläuft eine tiefere Linie der Debatte entlang einer anderen Frage, die Elisabeth Ladinser wie folgt formuliert: „Technischer Umweltschutz ist ein wichtiger Faktor, hat aber auch Grenzen. Wir müssen uns der Überlegung stellen: Wie viel Energie braucht eine Gesellschaft wirklich?“
Neben Speicherprojekten müsse auch über den tatsächlichen Energiebedarf gesprochen werden. Das Wachstumsdogma, nach dem Volkswirtschaften stetig expandieren müssten, treibe unseren Planeten an die Grenze. „Ohne Ökologie gebe es langfristig keine Ökonomie“, schließt Ladinser.
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