Kultur | Väter und Söhne

„Habe mich zum Vater emporgearbeitet“

Wer kennt sie nicht, die Bildergeschichten von „Vater und Sohn“. Aber kennen Sie auch die Tragödie dahinter? Nein? Hier wird sie erzählt, weil Vatertag ist.
Vater und Sohn
Foto: Erich Ohser, Wikimedia
  • Der Vater nimmt seinen Sohn liebevoll auf den Schoß und hilft ihm bei den Hausaufgaben. Genau genommen hilft er ihm nicht, er macht sie für ihn. Am nächsten Tag kontrolliert der Lehrer die Hausaufgaben, begleitet den Sohn nach Hause, klingelt an der Wohnungstür und – versohlt dem Vater den Hintern.

  • Foto: e.o.plauen, Wikimedia
  • Von Erich Ohser zu e.o.plauen

    92 Jahre alt ist diese Bildergeschichte von „Vater und Sohn“. Es war die erste von rund 150 Geschichten, die zwischen 1934 und 1937 erschienen – Bildergeschichten in schwarz-weiß und ohne Text. 

    Die Helden der Geschichten sind der kahlköpfige Vater mit Walross-Schnurbart und sein kleiner Sohn mit Wuschelkopf. Erschienen sind die Comic-Strips in der Berliner Illustrirten Zeitung.  

    Die Vater-und-Sohn-Comics waren sehr schnell sehr beliebt und ihr Zeichner Erich Ohser hätte sich so richtig über den Erfolg freuen können, wen, ja wenn damals nicht die Nationalsozialisten in Deutschland geherrscht hätten.

    Erich Ohser, Jahrgang 1903, verabscheute nämlich die Nazis. Er war ein Freund von Erich Kästner, dessen Gedichtbände er illustrierte. Die Aufnahme in die Reichspressekammer wurde ihm verwehrt. Damit war der Zeichner faktisch ohne Einkommen. Ohsers Frau Marigard musste nun die Familie ernähren, die Familie, der neben Erich und Marigard auch der gemeinsame Sohn – Christian – angehörte. 

    In Ohsers Nachlass finden sich mehrere Zeichnungen, die den kleine Christian darstellen, eines ist unterschrieben mit den Worten „Christian ist krank“. 

    Christian wurde am 20. Dezember 1931 geboren. Wer die Vater-Sohn-Geschichten anschaut, sieht keinerlei Ähnlichkeit zwischen Erich Ohser und dem Vater in den Bildergeschichten. Der Sohn allerdings sieht Christian sehr ähnlich – so ähnlich eben eine Strichzeichnung einem Menschen sehen kann.

    Da Ohser nicht mehr unter seinem richtigen Namen Karikaturen und Zeichnungen veröffentlichen darf, legt er sich 1934 ein Pseudonym zu: e.o.plauen. Das e.o. steht für Erich Ohser, plauen für seinen Heimatort Plauen.

  • Christian Ohser: „Ich schlief als Vater starb“. Foto: Erich Ohser, Wikimedia
  • Und dann kommt er, der Erfolg. Die Vater-und-Sohn-Geschichten starten durch. 1937 wird die Serie allerdings eingestellt, auch weil Ohser die – für damalige Begriffe – hemmungslose Vermarktung ein Gräuel war.

    Ohser begreift, dass er gegen das nationalsozialistische System nicht ankommen kann und versucht, sich zu arrangieren. 

    Ab 1940 arbeitet er für die Wochenzeitschrift Das Reich und zeichnet vor allem Stalin-Karikaturen. Nicht einmal zehn Jahre zuvor hatte er den Groll der Nationalsozialisten mit den satirischen Zeichnungen „Dienst am Volk“, „Wohin rollst Du, Goebbelchen!“ und „Goebbels macht Toilette“ auf sich gezogen. Jetzt – mitten im Krieg – wird er Mitglied der Reichskammer der Bildenden Künste und der von Goebbels gegründeten Deutschen Zeichenfilm GmbH.

  • Ohser Karikatur von 1931: „Dienst am Volk“. Mit dieser und ähnlichen Karikaturen zieht Ohser den Groll der Nazis auf sich. Foto: Erich Ohser, Wikimedia
  • Der Schalk im Nacken

    Ironie aber ist ein Schalk, der dem Satiriker im Nacken sitzt und Ohser hatte diesen Schalk nicht wirklich unter Kontrolle.

    Ein unbedachtes Wort hier, eine Flapsigkeit da, scheinen ihm entschlüpft zu sein. 1944 wird er von seinen Nachbarn, dem Ehepaar Schultz, denunziert.

    Am 28.März wird er von der Gestapo verhaftet. 

    Ohser weiß, was ihn jetzt erwartet: der Prozess vor dem Volksgerichtshof und dessem unerbittlichen Vorsitzenden Roland Freisler. 

    Er weiß, dass er zum Tode verurteilt werden wird und erhängt sich in seiner Gefängniszelle.

  • Erich Ohser: Den Schalk im Nacken. Foto: Bundesarchiv, Wikimedia
  • ...von der Pike auf gedient

    Und Christian? Der ist 2001 im Alter von 69 Jahren gestorben. Der BerlinerTagesspiegel hat ihm einen Nachruf gewidmet. Er wird darin mit den Worten zitiert: „Ich schlief, als Vater starb“. 13 Jahre war er da alt und lag mit Diphterie im Bett. 

    Nach dem Krieg geht Christian Ohser nach Amerika und leitete dort eine Druckerei. Im Tagesspiegel-Nachruf heißt es von ihm: „Ich habe Chinesen getroffen, die mir erzählten, dass sie ihre Kinder nach den Vater-und-Sohn-Büchern erziehen.“ Ob das stimmt? Wer weiß? 

    Ein Zitat aber, dass sein Vater Erich Ohser über seine Vater-und-Sohn-Geschichten hinterlassen hat, ist wirklich echt, er schrieb: „Ich bin als Sohn geboren und habe mich im Laufe der Jahre zum Vater emporgearbeitet – habe sozusagen von der Pike auf gedient. Meine ersten Jahre verlebte ich in einem einsamen Grenzhaus mitten im Walde, im oberen Vogtlande. Mein Vater war Grenzbeamter und außerdem ein glücklicher und guter Mensch. Die ‚Vater und Sohn‘-Zeichnungen sind Erinnerungen an meine Kindheit, ausgelöst durch die Freude am eigenen Sohn.“

    In diesem Sinne: Alles Gute zum Vatertag.