Sind mehr Gäste ohne Neubauten möglich?
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Der sogenannte Bettenstopp hat selbst die SVP gespalten! Das hätte man nicht erwartet! Aber seine Verschiebung hätte doch zu große Auswirkungen auf Südtirol gehabt: Auf die Menschen, die in immer größerer Zahl genug von den Auswirkungen des Tourismus haben, auf die Natur, wo 400 ha Tourismuszonen hätten ausgewiesen werden müssen, auf den Verkehr, weil ja die Mehrzahl der Gäste mit dem Auto kommt.
Was würden aber die etwa 12.000 neuen Betten bedeuten?
Schauen wir uns einmal die vorhandenen Zahlen an, ich runde sie bewusst etwas auf und ab, damit wir nicht auf Kommastellen herumreiten müssen:
Im Jahr 2025 machte Südtirol 39.000.000 touristische Übernachtungen, bei etwa 9.000.000 Ankünften. Das bedeutet eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 4,3 Nächten. (39 Mio : 9 Mio Ankünfte).
Südtirol hat – wenn die Angaben der Touristiker in etwa stimmen - 250.000 Gästebetten. Das bedeutet, dass jedes Bett durchschnittlich für 156 Nächte belegt ist. (39 Mio. : 250.000 = 156).
Jetzt sollen auf Wunsch der Tourismusbetriebe 12.000 Betten dazukommen. Wenn wir auch bei diesen Betten 156 Nächtigungen ansetzen, ergibt das zusätzliche 1.872.000 Nächtigungen oder – bei wiederum 4,3 Aufenthaltstagen – ca. 435.350 Ankünfte mehr.
Nachdem über 90 % der Gäste im Auto kommen und fast alle zu zweit, wären das ca. 220.000 Autos mehr im Jahr, die nach über die 4 großen Einfahrten nach Südtirol kommen: Über Reschen und Brenner, über Winnebach und Salurn. Und da stoßen sie auf die Millionen Autos, die eh schon hier herum- oder durchfahren. Die Aussicht auf noch mehr Verkehr und verstopfte Straßen bewirkt bei den Menschen eine Abnahme der sogenannten „Tourismusgesinnung“.
Dazu kommt, dass diese ominösen 12.000 Betten fast nur über Neubauten von Hotels erzeugt werden sollen. Auch das stößt den Menschen sauer auf, weil plötzlich 4 – 500 ha Flächenverbrauch locker genehmigt werden sollen, während es keine oder kaum freien Flächen für den so dringend benötigten Wohnungsbau gibt! Das hat viel Unmut erzeugt und die SVP letztlich zu einer Art Rückkehr zum ursprünglichen Bettenstopp gebracht, wenn auch mit angekündigten Ausnahmen, deren Regeln noch nicht bekannt sind.
Hier setzt nun meine Überlegung an, die dazu dienen soll, dem Herrn Landesrat Luis Walcher und den von ihm vertretenen Touristikern die Sache auf eine ganz andere Art schmackhaft zu machen:
Wie kann die Anzahl an Übernachtungen gesteigert werden, ohne dass neuer Baugrund verbraucht wird und ohne, dass mehr Autos ins Land kommen? Wie schaut dieses unmögliche Paradoxon aus?
Das erste Zauberwort heißt: Steigerung der Auslastung um nur 5% von 156 Belegtagen pro Bett auf ca. 164 Tage pro Jahr!
Das zweite Zauberwort heißt: Steigerung der Zugankünfte von heute 7% auf ca. 12% der Gäste!
Was wäre die Wirkung der ersten Maßnahme? Wenn jedes Bett in Südtirol um nur 8 Nächte länger belegt werden würde, ergäbe das eine Steigerung von 250.000 Betten x 8 Nächte = 2.000.000 Nächtigungen! Und – oh Wunder – das ist genau die Zahl an zusätzlichen Übernachtungen, die aus den 12.000 Betten herauskäme!
Und was wäre, wenn wir die Zugankünfte von heute 7% (= 630.000 Ankünfte) auch um 5% auf dann 12% steigen lassen würden? Dann wären das ebenfalls genau jene ca. 435.000 Ankünfte mehr, die sich aus der oben berechneten Steigerung ergäben!
Das Ergebnis könnte sich sehen lassen:
Wir hätten etwa 2 Mio. Nächtigungen mehr in Südtirol, ohne ein einziges Hotel neu bauen zu müssen und ohne ein einziges Auto zusätzlich im Land erleiden zu müssen!
Was müssten die Touristiker aber tun, um dieses fast realitätsfern anmutende Ziel zu erreichen?
Sie müssten schauen, die vorhandenen und neuen Gäste auf andere Zeiten zu verteilen, die Saisonen ganz leicht nach vorn und hinten auszuweiten, nicht alle Gäste immer gleichzeitig anzuwerben und sie müssten längere Aufenthaltsdauern attraktiver machen. Gleichzeitig könnten sie dadurch ihr Personal besser ans Haus binden und sich einer Ganzjahresanstellung nähern, was für die Angestellten attraktiver ist und den Betrieben die mühsame, jährliche Neuanwerbung erspart.
Und sie müssten – und das ist jetzt nur im Zusammenspiel mit den großen Bahngesellschaften und der gesamten Landespolitik möglich – endlich die Anreise per Zug aus dem Norden um ein Vielfaches attraktiver machen, als sie es jetzt ist! Wie viele Gäste kommen mit dem Auto und benutzen es in der Urlaubszeit überhaupt nicht, weil die Öffis so gut funktionieren! Jeder Wirt kann das bestätigen! Es liegt also an der Anreise, dass das Auto bequemer ist, als der so angenehme Zug.
Aber dafür braucht es gar Einiges, z.B.: Direktzüge vom Bahn-Hub München nach Meran, mehr Direktzüge auch nach Bozen und Verona, einen menschenfreundlicheren Bahnhof Bozen, und wenn schon umgestiegen werden muss, auch einen menschenfreundlicheren Bahnhof Brenner!!
Hier könnte Landesrat Walcher seine Muskeln spielen lassen und mit den Bahngesellschaften und mit der RFI in den Ring steigen! Da wird ihn niemand dran hindern; ganz im Gegenteil: Er kann sich der Unterstützung seiner Touristiker, aber auch der Heimatpfleger sicher sein!
Es ist mir klar, dass mit der Steigerung der Auslastungstage keine prachtvollen Neubauten notwendig sind, aber der viel propagierte Umweltschutz, die viel strapazierte Nachhaltigkeit, kommen endlich zum Durchbruch!
Ich bin ja selbst nicht unbedingt dafür, dass wir immer noch mehr an Tourismus brauchen. Aber nachdem ich selbst im Verwaltungsrat eines Tourismusvereines zu sitzen die Ehre habe, wollte ich einmal beweisen, dass wir eine eventuell gewünschte Steigerung auch ganz ohne Neubauten und ganz ohne mehr Autoverkehr hinbekommen können!
Es braucht nur den Willen jener, die an der Macht sind!
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