Umwelt | Gastbeitrag

„Schutzstrategien völlig neu denken“

Fast ein Drittel der Südtiroler Bevölkerung lebt in hydrogeologischen Gefahrenzonen. Empfiehlt es sich, besonders gefährdete Wohngebiete umzusiedeln?
Überschwemmung, Kaserbach, Bruneck
Foto: LPA/Report Naturgefahren
  • Laut dem Landeswarnzentrum leben 29 Prozent der Südtiroler Bevölkerung in einer Gefahrenzone mit hydrogeologischem Risiko. Fast ein Drittel ist viel und nährt den Verdacht, dass in den letzten Jahrzehnten nicht sehr umsichtig Bauzonen ausgewiesen wurden. Vor allem im Glauben, dass alles Unheil technisch abwendbar sei. 

    Nun hat sich der globale Klimawandel in den letzten Jahren schneller und stärker entwickelt, als man vor 30 Jahren noch erahnen konnte. Zudem ist ein Ende der doppelt so hohen Erwärmung in den Alpen nicht absehbar. Das bereitet zunehmend den Nährboden für (unter anderem auch) extreme Niederschlagsereignisse. Für Österreich gibt es eine Analyse, die zeigt, dass Extremniederschläge in den letzten 20 Jahren gegenüber dem Temperaturanstieg exponentiell zugenommen haben:

  • Der Autor

    Prof. Georg Kaser, Glaziologe, Klimaforscher und emeritierter Leiter des Instituts für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften an der Universität Innsbruck gehört zu den renommiertesten Kennern des Klimawandels und dessen Folgen. Neben vielen anderen Aufgaben im internationalen Forschungsbereich war Kaser einer der leitenden Hauptautoren des Fünften Sachstandsberichtes des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC 2013/2014). 

  • Foto: Haslinger, K. et al. Nature (2025)

    Für Südtirol kenne ich keine derartige Analyse, aber es ist anzunehmen, dass die Dinge hier ähnlich verlaufen. Mit anderen Worten: Es ist sehr wahrscheinlich, dass in naher Zukunft lokale extreme Niederschläge Hochwasser, Muren und Steinschläge nach sich ziehen, vor denen verbaute Zonen nicht mehr schützbar sein werden. 

    Es wäre also sehr sinnvoll, derart gefährdete Zonen auszuweisen und abzusiedeln. Notfalls können Versicherungsagenturen helfen zu sagen, was sie nicht mehr versichern würden. Man würde sich auch das fieberhafte Sammeln von Zyklopensteinen für bald nicht mehr effiziente Schutzbauten sparen, die derzeit allerorts aus Bergwiesen gebaggert werden. 

    Dass diese dann eingeebnet und stark verdichtet zwar gut zu bearbeiten sind, aber ihrerseits zu beschleunigtem Abfluss von Extremniederschlägen führen, könnte auch weitgehend vermieden werden. Auch ein Gutteil der CO2-Emissionen, die bei einem Bagger pro Tag rund eine Tonne betragen, könnte stark reduziert werden. Es würde also vielfachen Sinn machen, Schutzbaustrategien völlig neu zu denken.

  • Hinweis: In welcher Gefahrenzone Ihre Wohnung oder Immobilie steht, können Sie im GeoBrowser Map View des Landes nachsehen.