Politik | Rechtsextremismus

Das tiefbraune Nest

"Es gibt sehr viele braune Nester im Burggrafenamt, aber keines ist so dermaßen von Neonazis durchseucht wie die Dörfer des Tisner Mittelgebirges.", erzählt uns ein*e anonyme Informant*in, die die rechte Szene von außen leidvoll kennengelernt hat.
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prissian
Foto: Google StreetView
  • "Sieg Heil" ist ein normaler Gruß in Prissian

    Vorausgeschickt: Dieser Artikel dient nicht der Verallgemeinerung einer gesamten Dorfgemeinschaft, sondern der Beschreibung Nationalsozialistischer Umtriebe einiger weniger, ca. 30-50, Personen in der beschriebenen Gemeinde, wie es auch in anderen Gemeinden geschehen kann. Die beschriebenen Situationen sind tatsächlich geschehen. Wer diesen feinen Unterschied nicht verstehen kann oder sich betroffen fühlt, bzw. Nationalsozialismus lieber unter den Tisch kehrt oder das Schweigen bevorzugt, sollte sich über seine eigene Ideologie Gedanken machen. Wenn 1933 nicht alle geschwiegen und zugesehen hätten, wäre es nicht zum Holocaust gekommen! 

    Der Artikel Sieg Heil im Feuerwehrkeller | SALTO hat nur einen kleinen erschreckenden Einblick in die alltägliche Szenerie der Bevölkerung in Prissian und Tisens gegeben. Für die Tisner sind diese Szenen normaler Alltag, da sie daran gewohnt sind und eine sehr große Anzahl von ihnen rechtsextrem bis nationalsozialistisch eingestellt ist. Es sei jedoch vorangestellt, dass es eine kleine, tapfere Gruppe an Menschen gibt, die sich ihnen tagtäglich widersetzt. Diesen mutigen Leuten gehört jeder Respekt gezollt.

    Diese Rechtsextremisten und Neonazis sind aber nicht nur Jugendliche, sondern Personen quer durch alle Berufe und Generationen, jedoch fast nur Männer, welche auch ein sehr hohes Ansehen in der Bevölkerung genießen. Ihnen gemein ist ein niedriger Bildungsstand (nur Mittelschulabschluss), bäuerliche Herkunft, mehrfache  Verwandtschaft, Alkoholismus und oft auch Drogenkonsum. Die Namen sind hinlänglich bekannt, dürfen aus Gründen der Privatsphäre jedoch nicht veröffentlicht werden. 

    Unsere Informant*in, deren Geschlecht und Identität anonym bleibt, hat viele Jahre lang in Tisens gelebt, dort gearbeitet und aus erster Hand sehr vieles erlebt, was die demokratisch gesinnten, gebildeten Bürger*innen dieses Landes in Mark und Bein erschaudern lässt.   

    Vormittags, 11 Uhr. Ein pensionierter Beamter sitzt bei einem Cappuccino und einem Kipferl in einem Gastlokal. Er hetzt an jenem Vormittag zum 20. Mal über die Ausländer, und wie er diese am liebsten erschlagen würde, und nicht nur die - auch die "Walschen" mag er nicht, mit denen kann man laut ihm, einfach nicht zusammenarbeiten. Immer die gleiche Geschichte. Man kennt sie auswendig. Abends in einem anderem Gastlokal betritt ein Herr mit schütterem grauem Haar eine Bar. Jedes mal die gleiche Szene. Auch diese könnte man wie nach einem Drehbuch nachspielen: Zuerst lädt er alle anwesenden Gäste zu einem Bier ein. Dann zum Nächsten. 
    Und irgendwann beginnt er zu hetzen. Er schürt bei jeder Gelegenheit - und immer höher steigendem Alkoholpegel - über Ausländer, Afrikaner und das überfremdete Bozen,  welches er samt den Italienern - welche er natürlich auch hasst - mittels einer Atombombe (sic!) vernichten möchte. Oder zumindest erschlagen. Und auch für die Polizei hat er nichts weiter als puren Hass übrig. Am liebsten würde er all dieser "Toscher" zusammenschlagen. Aber natürlich dürfe man dies nicht so laut sagen, sonst ist man ein Rassist.  Aber das ist ihm gleich. "Dann bin ich halt ein Rassist! ", schreit er. Natürlich nutzt auch er jede Gelegenheit, die sich ihm bietet, ein "Sieg Heil" zu krakehlen. "Ja, einen Hitler bräuchte es wieder", sagt er. "Der würde aufräumen!" Egal ob im Beisein des anwesenden betagten Greises, welchem nur ein müdes Lächeln dabei entwischt, oder in Anwesenheit entsetzter deutscher Touristen. 

     

    Ja, einen Hitler bräuchte es wieder", sagt er. "Der würde aufräumen!" 


    Aber bei ihm bleibt es mittlerweile nur noch bei den Worten. Zusammengeschlagen hat er, laut seinen Erzählungen, in seiner Jugend ziemlich gerne mal jemanden. Dieser scheint ein möchtegern-Anführer zu sein, der Einfluss im Dorf zu haben glaubt. Den einzigen Einfluss, den er jedoch hat, ist wohl auf die Familienbande: So sind auch sein Sohn und seine drei Neffen Neonazis. 
    Zu dieser Gruppe gesellen sich nicht nur jene mittlerweile erwachsen gewordenen Männer, die bei der Operation Odessa von den Behörden kontrolliert wurden, sondern auch jene Jugendliche, über die im Artikel über den Feuerwehrkeller berichtet wurde. Während die Odessagruppe dem Anschein nach "ruhig und brav" geworden ist und diese die braven Familienväter mit Nazitattoos spielen, kümmert sich die Mittzwanzigergruppe um das Saufen, Kellerpartys (auch illegale während des Lockdowns) schmeißen, Bars bei Partys zu zerlegen und Hakenkreuze auf Autos malen, sowie fleißig "Sieg Heil" oder "Heil Hitler" zu schreien, während sie Landser, Frei.wild und die Böhsen Onkelz hören. Zu dieser hauptsächlich aus wortwörtlichen Tscheggl bestehenden Gruppe gehören ungefähr 10 Personen. 

    Die jüngste Gruppe besteht aus 5 Jugendlichen Burschen, ein paar Mittelschülern, sowie einigen wenigen Mädchen, die eher nur Mitläuferinnen sind. Diese singen gerne kiffend und saufend alte Nazilieder, erzählen Judenwitze und der aggressivste von ihnen ist bereits wegen diverser Schlägereien mehrfach polizeibekannt. Dazu gesellt sich oft auch gern ein intellektuell überforderter Junggebliebener, der die Stimme seines Führers Adolf Hitler nachahmt und dessen Reden auswendig rezitiert. Manch einer von ihnen ist stolz auf die alte SS-oder Wehrmachtsuniform des Opas im Dachboden, oder ärgert sich, wenn im TV die Rai zu sehen oder im Radio ein italienisches Lied zu hören ist. Judenwitze hört man in Tisens oft, kein Mensch regt sich auf. Antisemitismus? Ganz Normal. Homophob sind sie anscheinend nicht, solange kein Schwuler sie anbaggert. Und das Flüchtlingsheim in Prissian? Solang sie arbeiten, die Neger, dann ist's ok. Aber wenn... passiert in Wirklichkeit auch nichts: Auch wenn vor ein paar Jahren gegen das Flüchtlingsheim protestiert wurde, scheint es, als ob man diese Ausländer dulden würde. Die arbeiten ja. Große Klappe, nichts dahinter. Zum Glück. Bis jetzt. Vielleicht ahnen sie, was ihnen sonst blüht. 

     

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    Da die Tisner Carabinieri ab halb 8 Uhr abends in Bozen Dienst tun, ist Tisens ein rechtsfreier rechter Raum geworden, ein braunes Nest im Inkubator. 

     

    Die Gemeindeverwaltung von Tisens weiß zwar lang über all dem bescheid - und das nicht nur vom Hörensagen -, scheint aber keine Handhabe gegen dieses Problem zu haben- oder es fehlt am Willen, besonders wenn man sich die Verwandtschaft eines oder zwei der Gemeinderatsmitglieder näher anschauen möchte.  Ohne Anzeige sind den Behörden die Hände gebunden. Dazu gesellt sich das folgende Phänomen: Da die Tisner Carabinieri ab halb 8 Uhr abends in Bozen Dienst tun, ist Tisens ein rechtsfreier rechter Raum geworden, ein braunes Nest im Inkubator. Jeder kann tun und lassen, was er will. Wirklich jeder - egal ob es das Kiffen in der Öffentlichkeit ist oder Gastwirte wortwörtlich von den Gästen genötigt werden, weit länger als die Sperrstunde es erlaubt, bei geschlossenen Fensterläden offen zu halten. Wenn man sich als Wirt an die Gesetze halten möchte und die Gäste nach Hause komplimentiert, kann es leicht geschehen, dass man dann als Wirt von den Gästen bedroht oder zusammengeschlagen, oder die Einrichtung demoliert wird. Und daher glauben die Nazis, sich in Tisens auch alles erlauben zu dürfen: pöbeln, saufen, Nazimusik hören, fremdes Eigentum zerstören, verdrecken oder zu verstecken, zusammenschlagen... wenn man die Carabinieri ruft, dann kommen diese vom Ritten oder Bozen mit einer Stunde Verspätung - die feigen Täter sind dann über alle Berge. 

    Fortsetzung folgt...

    Der Name der Autorin/des Autors ist der Redaktion bekannt.