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München 1981

München 1981: Susanna Constantin erzählt von Esthers Flucht aus der Südtiroler Enge in die Freiheit Münchens. Ein Roman über Frauen, Frieden und die Rebellion der Liebe.
München 1981 Susanna Constantin
Foto: Susanna Constantin
  • Ex libris

    Questo estratto dal libro di Susanna Constantin fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.

    Dieser Auszug aus dem Buch von Susanna Constantin ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO. 

    Esther

    Grün. Hier ist alles einfach nur grün. Grüne Weiden, grüne Bäume, grüne Büsche. Sogar die Strommasten sind grün. Ach nein, nicht alles ist grün. Ich habe das Grau vergessen. Den bleigrauen Himmel, der heute Abend bestimmt wieder die grünen Wiesen einweichen und in braunen Schlamm verwandeln wird. Grau wie das Leben meiner Mutter, die meinem Vater immer nach dem Mund redet. Wenn sie überhaupt mal von ihrem Kochtopf aufschaut, um etwas zu sagen. Mutter wird immer stiller, während Vater immer herrischer wird. Gestern Abend hat er wieder auf sie eingeredet, sie unter den Tisch geredet, bloß weil sie den Speck nicht bei seinem Lieblingsbauern gekauft hat. Ist doch wohl scheißegal, wo der Speck herkommt, habe ich mich eingemischt und mich an den Radieschen bedient. Überhaupt finde ich, sollte man den ganzen Fleischverbrauch hier so langsam mal in den Griff kriegen. 

     

    Nein, und nochmals nein, hat Vater geantwortet und ist dabei knallrot geworden. 

     

    Mein Vater hat mich angestarrt, als wäre ich gerade mit einer fliegenden Untertasse auf dem Küchen tisch gelandet. Dann hat er mich angemotzt, was ich mir überhaupt erlaube, ob ich meine Hausaufgaben gemacht habe und ob ich auch nicht vergessen habe, dass morgen Nachmittag die Verwandten aus der Stadt kommen. Ich habe ihm daraufhin geantwortet, dass ich eigentlich nicht vorhatte, mit Tante Lise Eierlikör zu trinken und Sahnetorte zu spachteln, sondern dass ich mit Steffi verabredet bin, um den Samstagnach mittag auf den Talferwiesen zu verbringen. Nein, und nochmals nein, hat Vater geantwortet und ist dabei knallrot geworden. Die vertikale Ader auf seiner Stirn ist bedrohlich hervorgetreten, seine Kiefer waren ganz angespannt, er schien so bereit wie der weiße Hai kurz vor dem Angriff auf das kleine Fischerboot. Das Ganze endete in einer wilden Diskussion, ich konnte einfach nicht still bleiben. 

     

    „Na komm Liebes, iss doch noch ein Stückchen, an dir ist ja nichts dran!“

     

    Meine Mutter hatte wie immer Tränen in den Augen und hat sich in die Küche verzogen, um weinend den Abwasch zu erledigen und einen Versöhnungskuchen in den Ofen zu schieben. Der Streit um den heutigen Nachmittag ist noch nicht ausgestanden. Meine Tante, der Onkel, die bei den Cousins und die Cousine meiner Mutter sind auf dem Weg von Bozen hierher auf den Kohlerer Berg. In einer halben Stunde werden sie mich in Beschlag nehmen und nicht mehr gehen lassen, bevor ich nicht mindestens zwei Eierliköre getrunken und drei Stück Kuchen gegessen habe. Ich höre sie jetzt schon sagen: „Na komm Liebes, iss doch noch ein Stückchen, an dir ist ja nichts dran!“ Dann direkter Übergang zur Speckmarende. Ein wahrer Fresstag also. Nichts gegen  Essen, wirklich nicht, ich esse ja gerne. Aber bitte in der richtigen Gesellschaft. Ich habe nun also noch fünfundzwanzig Minuten Zeit, um eine folgenschwere Entscheidung zu treffen. 

  • In „München 1981“ verbindet Susanna Constantin ein queeres Coming-of-Age, einen aktivistischen Frauenroman und ein zeitgeschichtliches Gesellschaftsdrama zu einem spannungsvollen Generationenstoff: Foto: Susanna Constantin

    Annegret

    Annegret legt den Kaffeelöffel beiseite und nimmt ein Stückchen Torte auf. Sie sieht sich zwischen den Gästen um. Das Café Monika an der Ecke zwischen der Mustergasse und dem Goethesträßchen in der Bozner Stadtmitte ist bis auf den letzten Platz besetzt. Touristen aus Deutschland mischen sich mit Touristen aus dem mittleren Italien. Die einen suchen die wärmende Sonne, die anderen den kühlenden Nordwind, der in ihren Städten im Sommer niemals wehen wird. Annegret genießt die frische Käsesahne, die leicht nach Zitrone schmeckt. Wo Sigrid nur bleibt, fragt sie sich. Hat ihr Mann sie wieder einmal nicht gehen lassen? Sie ist froh, dass Peter nicht so ein Patriarch ist, der ihr die gesamte Hausarbeit aufzwingt. Sie kann sich ohne Weiteres mit ihren Freundinnen treffen und mit ihnen Kaffee trinken, einen Bummel durch die Bozner Lauben machen oder auch mal tanzen gehen. Natürlich widmet sich auch Peter seinen Hobbys, sofern seine Arbeit als Lehrer es ihm erlaubt. Heute wollte er eigentlich am Nachmittag die Klassenarbeiten seiner Schüler korrigieren, doch die hatte er im Lehrerzimmer liegen lassen. Also hatte er das Auto genommen und war losgefahren.

     

     Es funktioniert einfach nicht, wenn Manfred mit den Kindern alleine zu Hause ist.

     

     Annegret selbst hatte Sigrid angerufen und sich mit ihr zu einem Kaffee in der Innenstadt verabredet. „Da bin ich, bitte entschuldige, Annegret“, sagt Sigrid und wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Ich musste die Kinder noch baden, sie hatten sich beim Spielen furchtbar schmutzig gemacht.“ „Ist schon gut, Sigrid. Hast du denn immer noch Streit mit deinem Mann?“ Sigrid schüttelt den Kopf, doch Annegret kennt den traurigen Blick ihrer Freundin nur zu gut. Es ist nicht das erste Mal, dass Sigrid zu spät zu einer Verabredung kommt, weil ihr Mann sie mit Lappalien davon abgehalten hat, das Haus zu verlassen. 

     

    „Aber es muss doch möglich sein, dass du ab und zu mal zu deiner Schwester fahren darfst?!“

     

    „Nein, nein. Es ist alles in Ordnung. Meine Ver wandten in Sterzing werde ich aber nur noch mit der ganzen Familie besuchen. Es funktioniert einfach nicht, wenn Manfred mit den Kindern alleine zu Hause ist.“ „Aber es muss doch möglich sein, dass du ab und zu mal zu deiner Schwester fahren darfst?!“, echauffiert sich Annegret. „Du bleibst ja nicht einmal über Nacht. Das muss Manfred doch hinbekommen. Und sonst ist ja auch noch seine Mutter da.“ Sigrid winkt ab. Annegret bemerkt, dass die Diskussion ihrer Freundin unangenehm ist, doch sie kann sich kaum beherrschen. Das Verhalten von Sigrids Mann macht sie wütend; noch wütender ist sie aber auf ihre  Freundin, die sich von Manfred unterkriegen lässt. Würde sie ihm doch nur einmal die Meinung sagen, statt sich von ihm herumkommandieren zu lassen.

  • Die Autorin des Buches Susanna Constantin: Foto: Susanna Constantin
  • Zur Person

    Susanna Constantin, geboren 1982 in Freiburg im Breisgau, verfasste bereits als Vierzehnjährige erste Kurz-
    geschichten. 2009 führte sie der Übersetzerberuf nach Südtirol, wo sie bis heute lebt. Seit 2019 veröffentlicht sie unter dem Pseudonym Simone Dark erfolgreich Regionalkrimis. „München 1981“, inspiriert von wahren Begebenheiten der 1980er-Jahre in Südtirol, ist ihr erster Roman abseits des Krimigenres.

    www.susannaconstantin.com

  • Die Musik ist grooviger, ich kann mich bei ihm besser bewegen.: Foto: Pixabay

    Als meine Schwester Elisabeth plötzlich am Gartentor steht und nach mir ruft, renne ich schon so schnell die Schotterstraße hinunter, dass die Kiesel nur so davonspritzen. Und wenn unser Treffen erst mal fertig ist, dann wird die letzte Seilbahn schon längst gefahren sein. Ups. Mein Magen hebt und senkt sich bei jedem Seilbahnpfeiler, unter mir die vielen Baumwipfel und noch etwas weiter unten die Stadt. Sie liegt in der Sonne, während sich hinter dem Kohlerer Berg schwarze Wolken türmen. Bozen ist okay. Mehr Menschen, mehr Welt, mehr Musik, mehr Leben. Nicht, dass es da unten perfekt wäre, die Landeshauptstadt hat ordentliche Ecken und Kanten mit ihren Superreichen, die gleich mehrere Läden unter den Lauben besitzen, und den Armen, die im Winter auf den Stahlbänken im Bahnhofspark frieren. Mit uns Deutschen und den Italienern, die es irgendwie miteinander aushalten, und dann doch wieder nicht.

     

    Die Musik ist grooviger, ich kann mich bei ihm besser bewegen.

     

     Mit den Demos für die Autonomie unseres Landes. Mit den ganzen Studentengrüppchen, die sich gerade bilden, um gegen Aufrüstung und Atom kriege und Nuklearwaffen und ich weiß nicht was alles noch demonstrieren. Was ich ja eigentlich auch richtig gut finde. Bozen ist eben eine Stadt. Nicht gerade eine Großstadt, Bozen ist eher übersichtlich. Robert würde wohl nie hierherkommen. Da muss ich mich schon in einen Zug setzen und zu ihm fahren. Ich meine nicht zu ihm nach Hause, aber vielleicht nach München, zu seinem nächsten Konzert. Robert Allen Zimmerman, von allen nur Bob Dylan genannt. Ja, er ist nicht mehr der Angesagteste, ich weiß. Jetzt stehen alle auf David Bowie. Der Mann mit den zwei verschiedenen Augenfarben ist natürlich cool, aber ich werde Bob treu bleiben. Seine Texte sagen so viel aus. Die Musik ist grooviger, ich kann mich bei ihm besser bewegen. Als Steffi mich zum ersten Mal an ihrem Joint ziehen ließ, habe ich danach zu seinen Akkorden getanzt. Die anderen haben gelacht, mir war es egal. Als Lay Lady Lay 1 dann zu Ende war, wollte ich den Kassettenrekorder das Lied noch mal zurückspulen lassen und wieder an dem Joint ziehen, doch da lag nur noch die Kippe im Gras.

  • München 1981 von Susanna Constantin: Foto: Susanna Constantin

    „Lassen wir uns nicht den wunderschönen Sommertag verderben.“ Sigrid wendet sich an die Kellnerin. „Einen Eiskaffee , bitte. Mit viel Sahne.“ Annegret versucht, ihren Puls zu kontrollieren und nimmt ein weiteres Stückchen Kuchen in den Mund. Der frische Geschmack ist weg, sie schmeckt nur noch die Säure der Unterdrückung. „Wie geht es eigentlich Peter?“, fragt Sigrid in die Stille hinein, die nur von den Gesprächen der Touristen erfüllt wird. „Gut, er ist gerade auf dem Weg zur Schule.“ „An einem Samstagnachmittag?“, fragt Sigrid ungläubig. „Er hat die Schülerhefte vergessen, die holt er ab und setzt sich dann zu Hause hin, um sie zu korrigieren.“ „Und du, Glückliche, darfst inzwischen hier sitzen und Kuchen essen … sag, hast du eigentlich von Irmgard mal wieder etwas gehört? Ist ihr Sohn denn aus dem Libanon zurückgekommen?“ „Nein“, antwortet Annegret. „Die Ärmste hat sich in ihrer Angst völlig abgekapselt und will nicht einmal mehr ausgehen.

     

    Wenn man da doch nur irgendetwas machen könnte, ich meine, was sollen denn diese jungen Männer dort an der Front?“

     

     Mal abgesehen davon, dass sie es wirtschaftlich alleine kaum schafft, seitdem ihr Ältester beim Autounfall ums Leben gekommen ist. So viele Schicksalsschläge auf einmal … Wenn man da doch nur irgendetwas machen könnte, ich meine, was sollen denn diese jungen Männer dort an der Front?„ “Andererseits haben sich die Jungen doch freiwillig gemeldet„, wendet Sigrid ein. “Ja, aber doch nur, weil der Einsatz so gut bezahlt wird. Meine Güte, mit ihren achtzehn Jahren sind sie doch fast noch Kinder.

  • Mit ihrem Debütroman „München 1981“ legt Susanna Constantin ein feinfühlig recherchiertes Zeitporträt vor, das den Mief der frühen 80er-Jahre in Südtirol gegen die aufkeimende Sehnsucht nach Selbstbestimmung antreten lässt.

    Im Zentrum stehen zwei Frauen, deren Wege sich am Kohlerer Berg kreuzen: Die 18-jährige Esther, die der patriarchalen Enge des elterlichen Hofes entfliehen will, und die junge Juristin Annegret, die in den Konventionen ihrer Ehe zu ersticken droht. Während Esther sich in ihren Lehrer verliebt und schließlich ohne Rückfahrkarte Richtung München aufbricht, formiert Annegret den Widerstand gegen geplante Militäranlagen in ihrer Heimat.

    Ein spannender Generationenstoff, der die erste große Liebe ebenso thematisiert wie den mutigen Kampf einer Bürgerinitiative auf dem Land.  Der Roman ist bei Retina, einer Verlagsmarke der Edition Raetia erschienen.