Sexy Spiele
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Stellen Sie sich mal vor, Dominik Paris beendet seine Karriere und Sie bekommen dazu Folgendes von mir zu lesen (keine Sorge, Sportberichterstattung steht nicht auf meiner Wunschliste): Also, Titel: „Der Mann, der eine ganze Sportart sexy machte“. An dieser Stelle reiben Sie sich vielleicht schon die Augen, aber hey, es geht noch weiter: „Er war der erste Skirennläufer, der vor dem Rennen nicht nur zu den Skistöcken griff, sondern sich auch die Zähne putzte. Der gekampelt und mit sauberen Fingernägeln nach unten bretterte. Der selbst nach den härtesten Abfahrten in die Kamera lächelte – nicht aufgesetzt, sondern selbstverständlich.“ Und: „ ‚Domme‘ wusste sich zu inszenieren, ohne je inszeniert zu wirken. Natürlich liebte er das Zentrum der Aufmerksamkeit – optisch wie sportlich. Damit mussten auch seine Teamkollegen umgehen. Manche schafften dies, sie wurden enge Freunde des Abfahrts-Kings. Andere dagegen wurden auf unliebsame Weise in den Schatten seiner bemerkenswerten Oberschenkel gedrückt.“
Das ist jetzt natürlich Blödsinn, und sorry vielmals, Domme, aber wie würden Sie reagieren? Was schnupft die Kienzl? Hormonstau? Gibt’s da keine Redaktionskollegin, die sagt: „Na boh, Alexandra, willst du das schon so schreiben?“ Die Kommentare unserer bewährten Pappenheimer ließen vermutlich nicht lange auf sich warten, und ich würde es Ihnen nicht verübeln, weil: Mehr als über Dommes Leistungen sagen diese Sätze etwas über meinen Blick auf ihn aus. Einen Blick auf sein Äußeres und seine Art, sich zu präsentieren. Vielleicht wäre Domme geschmeichelt. Vielleicht wäre er aber auch genervt, dass ich eine Rekapitulation seiner Karriere mit seiner vermeintlichen, ihm einfach so zugefallenen Sexyness überschreibe und nicht mit seinen hart erkämpften Erfolgen.
Hat der seine Hormone nicht im Griff?
Wenn ein männlicher Sportreporter aber so über Dorothea Wierer schreibt, dann scheint das nicht weiter aufzufallen. Zugegeben, er listet sehr wohl ihre Errungenschaften auf, und auch das titelgebende Zitat stammt nicht von ihm, sondern von Wierers Trainer. Trotzdem hat er sich dazu entschieden, damit aufzumachen. Mit dem männlichen Blick auf eine Spitzenathletin. Diesen männlichen Blick haben wir allesamt dermaßen verinnerlicht, weil wir seit Jahrhunderten unerbittlich damit konfrontiert und ihm unterworfen sind, dass wir erst jetzt so langsam anfangen, die nötigen Fragen zu stellen: Hat der seine Hormone nicht im Griff? Was haben Äußerlichkeiten in so einem Artikel zu suchen? Und wieso scheinen manche Männer (not all men, wirklich nicht) nicht in der Lage zu sein, eine Frau zu kommentieren, ohne sie ästhetisch einzuordnen und ihr ungefragt Fuckability-Noten zu verpassen?
Beispiele für Sexismus gab's auch 2026 bei Olympia genug: So bemerkte ein ARD-Reporter (57) zur Kür einer georgischen Eiskunstläuferin (23): „Meine Herren da draußen, es tut mir echt leid, sie ist leider schon vergeben.“ Als wohne ein Millionenpublikum keiner hart erarbeiteten Kür, sondern einem Balztanz um – pardon, aber Retourkutsche – vergleichsweise alte Säcke bei. Der niederländischen Eisschnellläuferin Jutta Leerdam wurde mehrfach das „Freundin von“ vorangestellt, weil sie mit einem (weit weniger erfolgreichen) Boxer liiert ist, für ihr Make-up wird sie nach eigener Aussage seit jeher kritisiert. Athletinnen wie Wierer oder die Skispringerin Agnes Reisch, die in Interviews ihre Periode thematisierten, ernteten dafür hämische Kommentare in den sozialen Medien.
„Er machte sie zur Gold-Lisa“.
Ja, es ist zum Haareraufen. Laut einem UNESCO Report wird Frauen nur 4 % der medialen Sportberichterstattung gewidmet. Und diese, da vorwiegend in Männerhand, erfolgt dann immer wieder durch die männliche Brille: Doppelt so oft wie bei männlichen Sportlern werden ihr Familienstand und Aussehen thematisiert, die Leistungen geraten zur Nebensache. Gerne wird auch ihr Trainer als der wahre Leistungsbringer inszeniert: Als derjenige, der der Frau zu ihrem Erfolg verholfen hat. Ein Beispiel dafür hat der oben genannte Sportreporter übrigens mit dem Titel: „Er machte sie zur Gold-Lisa: Der Mann hinter Vitozzi“ abgeliefert, im Text heißt es dann auch noch: „Kein anderer hat so großen Anteil an Lisa Vitozzis Olympiasieg wie er“, und man fragt sich dann schon, ob nicht die Athletin eventuell selbst den größten Anteil an ihrem Erfolg hat.
Dass diese Art der Berichterstattung mehr und mehr Frauen, und nicht nur ihnen, sauer aufstößt, ist ein gutes Zeichen. Die männliche Brille, sie beginnt zu wackeln. Aber bis wir sie von der Nase gefegt haben, auch uns selbst, bis dahin bedarf es noch einiger Anstrengungen.
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Bravo, chapeau, ben detto…
Bravo, chapeau, ben detto würde ein Italiener sagen (in diesem Fall ben scritto).