Mit Gästebetten gegen Strukturschwäche?
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Bei der Definition von Strukturschwäche nimmt man üblicherweise Bezug aufs Einkommen pro Kopf, die Beschäftigungslage, die Bevölkerungsentwicklung, den Wohnungsbestand, die Bautätigkeit. Bei den anstehenden Bettenbauregelungen wird wohl eine andere Definition zugrunde gelegt, nämlich dier Beschluss der LR vom 2.3.2021 und der Beschluss der Landsregierung vom 10.10.2023, „Richtlinien und Grenzen für die Erweiterung gastgewerblicher Betriebe“. Im Anhang B werden 56 Gemeinden gelistet, die irgendwie als touristisch strukturschwach eingestuft werden: fast die Hälfte unseres reichen Landes ist demnach strukturschwach nach absolut nicht nachvollziehbaren Kriterien. Weil Tourismuszonen in vielen weiteren Gemeinden betroffen sind, wird diese Liste vermutlich noch verlängert. Kann dieses Konzept dazu dienen, den Bettenausbau sozusagen gerecht übers Land aufzuteilen? Kann man überhaupt Strukturschwäche in Südtirol mit dem Bau neuer Hotels und Gästebetten beikommen? Einige Zweifel an dieser verwegenen Annahme drängen sich auf.
- Ist vor Jahrzehnten tatsächlich abgelegenen Berggemeinden und einigen Seitentälern auch dank Tourismus starke Abwanderung erspart geblieben, sieht der Kontext heute ganz anders aus. Südtirol ist zur tourismusintensivsten Region der Zentralalpen geworden, steht an 3. Stelle des EU-Rankings nach Tourismusintensität, hat heute schon mit 268.000 Gästebetten eine Überkapazität. Auch zur Hochsaison im August sind nur 75% dieser Betten ausgebucht, im Jahresdurchschnitt nur 40%. Südtirol hat längst mehr als genug Gästebetten. Abwegig die Vorstellung, dass jede Gemeinde touristisch auf den Stand von Kastelruth aufrüsten soll.
- Tourismus in Südtirol ist eine hochmobile Form der Urlaubsgestaltung. Nicht nur reisen 84% der bundesdeutschen Gäste und 78% der italienischen Gäste mit dem eigenen Kfz an , sondern pro Nächtigung fallen 3,5 landesinterne Fahrten an. Kein Wunder, dass 26% des gesamten internen Straßenverkehrs touristischer Freizeitverkehr ist. Tausende neue Betten in strukturschwachen Gemeinden erzeugen neuen Verkehr und verlagern den ganzen Verkehr von einem Ort in den nächsten. Überlastete Orte werden nicht entlastet, abgelegenere Gebiete stärker verlärmt und belastet.
- Wäre Strukturschwäche das das eigentliche Problem, hätte man den forcierten Bettenausbau seit 2022 auf diese Gemeinden konzentrieren müssen und nicht zulassen dürfen, dass im ganzen Land neue Tourismuszonen ausgewiesen und Baurechte vergeben werden. Heute gibt es 35.000 Betten mehr als im September 2022, aber vor allem in den tourismusstarken Gebieten. „Strukturschwäche“ spielt eine Nebenrolle.
- Südtirol hat die Grenzen seines Arbeitskärftepotenzials erreicht. 2025 ist laut ASTAT mit 263.169 der höchste je gemessene Beschäftigungsstand erreicht worden, im 3. Quartal 2025 wurde die geringste Arbeitslosigkeit seit jeher (1,8%) verzeichnet. Die Erwerbstätigenquote liegt bei fast 80% bei den 20-64-Jährigen (ASTAT). Beim BIP pro Kopf liegt Südtirol mit an der Spitze aller Provinzen Italiens. Somit gibt es zwar in einigen Gemeinden mehr Auspendler als in anderen, aber faktisch keine Arbeitslosigkeit, keine soziale Krise, keine verarmten Dörfer.
- Auch die Abwanderung taugt nicht für die Begründung für mehr Betten in strukturschwachen Gebieten. Laut einem Bericht der TAZ (6.6.2022) sind höchstens 20 Gemeinden von Abwanderung betroffen, fast ausschließlich ländliche Gemeinden wie z.B. Prettau, Kuens, Laurein, Martell, Altrei. Demgegenüber gibt es 15 Gemeinden mit beträchtlichem Bevölkerungswachstum. Alle Bezirksgemeinschaften weisen per Saldo ein Wachstum der ansässigen Bevölkerung auf.
- Will man mit zusätzlichen Gästebetten auch alle „strukturschwachen“ Gebiete auf den Stand der touristisch stark entwickelten Gebieten bringen und genehmigt nur dort weiteren Hotelbau und Bettenvermehrung, führt auch das in Summe zu weiterem Wachstum bei Anreisen, Nächtigungen, interner Mobilität, Hotelkubatur, Bodenverbrauch, Energieverbrauch, CO2-Emissionen. Die bestehende Systemüberlastung wird noch verstärkt. All das steht in völligem Gegensatz zu den Zielen des Landesplans für nachhaltige Mobilität 2035 und des Klimaplans Südtirol 2040.
Natürlich gibt es zwischen den 116 Gemeinden des Landes Unterschiede im Entwicklungsstand, bei der Wertschöpfung, beim Durchschnittseinkommen, beim Pendler- und Wanderungssaldo. Doch kann noch mehr Tourismus diese Unterschiede einebnen, soll er das? Junge, qualifizierte Einheimische wandern ab, nicht weil Tourismusbetriebe vor Ort fehlen, sondern weil es kein alternatives Angebot an Arbeitsplätzen gibt. „Wir brauchen eine Debatte über die Gewichtung der Wirtschaftssektoren. Ich sage: mehr Alpitronic, weniger Gästebetten“, meinte zu recht kürzlich Hans Heiss (FF Nr.5/2026).
Mit neuen Gästebetten und entsprechenden Arbeitsplätzen in einem Land mit touristischer Überkapazität wird die Attraktivität des ländlichen Raums als Wohn- und Arbeitsgebiet nicht gesteigert, sondern die Probleme des Übertourismus auch noch in diese Gebiete hineingetragen. Durch die flächendeckende Verbauung und Verkehrsintensivierung werden für Touristen und Einheimische gleichermaßen attraktive, noch relativ ruhige Gebiete entwertet. In der Region mit der höchsten Tourismusintensität der Zentralalpen mit 9 Millionen Touristenankünften im Jahr und dem höchsten Beschäftigtenstand seit jeher gibt es keine „Strukturschwäche“, die sich mit noch mehr Gästebetten bekämpfen ließe.
Die Petition gegen die Verlängerung des Bettenausbaudekrets kann hier gezeichnet werden.
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