„Was bin ich?“
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Veronika Vascotto nahm vor wenigen Wochen im Büro von SALTO Platz und erzählte von ihren Erfahrungen in einem Minderheitengebiet. Ihrem Minderheitengebiet. Sie erzählte über den Ort Santa Croce (slowenisch: Križ), einen historisch slowenischsprachigen Stadtteil der Gemeinde Triest. Dort ist sie aufgewachsen, und dieser Grenzraum hat sowohl ihre künstlerische Arbeit als auch ihre Sicht auf Identität, Minderheiten und kulturelle Zugehörigkeit geprägt. Den Begriff „Minderheit“ mag sie nicht besonders, da er häufig mit etwas Kleinem oder Minderwertigem in Verbindung gebracht wird. Aber sie verwendet ihn trotzdem.
Vascotto lebt und arbeitet in Bozen. Auch als DJane ist sie unterwegs, legt CDs auf, keine Platten. Schon wieder Minderheiten. „Wir müssen wieder Orte bauen, an denen wir mehr miteinander reden können. Orte, an denen wir wirklich wieder gemeinsam tanzen“, sagt sie.
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Fotos aus der Herkunftsgegend: Veronika Vascotto lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Bozen. Ein Fotoauftrag hat sie wieder an ihren Ursprung gebrtacht. Foto: Veronika VascottoIm vergangenen Jahr begleitete Veronika Vascotto für die Zeitschrift Kulturelemente die Tagung der europäischen Minderheitenzeitungen MIDAS in Nova Gorica/Gorizia. Die Fotografin, Kulturvermittlerin und DJane machte dabei Fotos, die anschließend in der Zeitschrift veröffentlicht wurden.
Wie können wir Orte bauen, an denen wir mehr miteinander reden können? Orte, an denen wir wirklich wieder gemeinsam tanzen?
Vascotto berichtete auch über die slowenische Minderheitenzeitung Primorski Dnevnik. Ein zentrales Thema für sie ist natürlich ihre „gemischte Identität“, denn für Menschen, die in Grenzregionen aufwachsen, stelle sich die Frage „Was bin ich?“ oft erst dann, wenn sie von außen gestellt werde, sagt sie. Sie selbst beschreibt sich weder eindeutig als italienisch noch eindeutig als slowenisch. Diese Mehrschichtigkeit lasse sich kaum in einfache Kategorien fassen, sagt sie, da Identität aus unterschiedlichen kulturellen, sprachlichen und historischen Ebenen bestehe und sich ständig verändere.Durch ihre Tätigkeit als Kunstvermittlerin an einem Museum in Bozen kennt sie auch Südtirol gut und zieht gerne Vergleiche zwischen ähnlichen, aber dennoch unterschiedlichen Minderheitenkonstellationen. Gegenwärtig beschäftigt sich Veronika Vascotto intensiv mit den Auswirkungen von Smartphones auf Gehirn, Psyche und soziale Beziehungen. In ihrer künstlerischen Arbeit untersucht sie, wie digitale Geräte Zeit, Nähe, Orte und das Alleinsein verändern. Im Sommer 2026 ist sie Mitkuratorin der großen Sommerausstellung in der Festung Franzensfeste.
Welcome to the border(less)Die Zeitschrift Kulturelemente widmete sich in ihrer Ausgabe Nr. 184 dem Projekt GO!2025, mit dem die benachbarten Grenzstädte Nova Gorica und Gorizia als gemeinsame Europäische Kulturhauptstadt Grenzen überwinden wollen. Der für morgen, den 30. Januar, angesetzte Abend (18 Uhr im Waltherhaus) steht unter dem Motto: Welcome to the border(less): Eine Reise zur slowenischen Minderheit in Friaul-Julisch Venetien.
Am Podium beleuchten der Historiker Štefan Čok, die Autorin und Übersetzerin Tatiana Silla sowie der Historiker, Autor und Übersetzer Primož Sturman die Erinnerungskultur der slowenischen Gemeinschaft in Italien. Thematisiert werden außerdem das Leben in Triest als „Stadt ohne Hinterland“ sowie die wechselhaften und dynamischen Beziehungen beiderseits der Grenze. Dabei geht es um Fragen der Geschichtsschreibung und des kollektiven Gedächtnisses, um Identitätskonflikte und um das Zusammenleben über Sprach- und Landesgrenzen hinweg. Die Moderation des italienischsprachig geführten Gesprächs übernimmt der Journalist Massimiliano Boschi.
Hauptsache (mit-)mischenAm morgigen Kulturelemente-Abend im Waltherhaus wird auch Veronika Vascotto anwesend sein. Sie wird allerdings nicht als DJane am Mischpult stehen, sondern sich unters Publikum mischen – um als Minderheit (oder Wenigerheit) beim Slowenischen Abend in Bozen nicht aus der Reihe zu tanzen.
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