Politik | Sicherheitsdekret

Cannabis-Patienten im Stich gelassen

Nach Verabschiedung des neuen Sicherheitsdekrets wird in Italien der Markt für ehemals legal erhältlichen Hanf kriminalisiert. Leidtragende sind Menschen wie Birgit Ploner, die damit ihre Krankheit therapieren.
CBD Öl CBD Verbot
Foto: Testeur de CBD/unsplash
  • Nachdem die Abgeordnetenkammer in Rom das neue Decreto Sicurezza - Sicherheitsdekret bereits bei der Vertrauensabstimmung am 27. Mai mit 201 zu 117 Stimmen befürwortet hatte, fiel am Donnerstag, 29. Mai, die endgültige Entscheidung: Das kontrovers diskutierte Sicherheitsdekret tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft. Mit Folgen, die weit über Sicherheitspolitik hinausgehen. Besonders betroffen: die legale Cannabis-Branche und jene, die aus medizinischen Gründen auf CBD-Produkte angewiesen sind. Birgit Ploner aus dem Pustertal leidet an Multipler Sklerose. Der Verzicht auf CBD würde für sie eine massive Einschränkung ihrer Lebensqualität bedeuten.

  • CBD (Cannabidiol) CBD ist ein nicht-psychoaktiver Bestandteil der Cannabispflanze. Es wirkt entzündungshemmend, angstlösend und entspannend – ohne einen Rauschzustand hervorzurufen.

    THC (Tetrahydrocannabinol) ist die pflanzliche, psychoaktive Substanz von Cannabis, die hauptsächlich den Rauschzustand bewirkt. Es wirkt schmerzlindernd, Appetit-anregend und löst Muskelspastiken.

    Bereits seit 12. April ist das Dekret in Kraft. Ein Albtraum für die Händlerinnen und Händler, die sich über Nacht mit Geschäften und Lagern voller illegaler Ware wiederfanden. Im Ausland bleiben Produktion und Handel von CBD-Produkten jedoch aufrecht. Damit wird dem nationalen Markt die Pulsadern geöffnet. Auch Peter Grünfelder, Präsident des Cannabis Social Club Bozen, äußert gegenüber Salto: „So können wir in kurzer Zeit zusperren. Am meisten leiden aber die Menschen, die sich mit Krankheiten auseinandersetzen müssen und die diese Produkte dringend für den Erhalt ihrer Lebensqualität benötigen“.

     

    „Der legal erhältliche Hanf hat mich meine Krankheit vergessen lassen. Aber meine Krankheit hat mich nicht vergessen“

     

    Eine dieser Patientinnen ist Birgit Ploner aus dem Pustertal. Nachdem sie im Kloster der Ursulinen in Bruneck als Küchengehilfin gearbeitet hatte, wurde sie Klosterfrau. Nach zehn Jahren verließ sie das Kloster und arbeitet heute als Verkäuferin. Die 48-Jährige leidet unter Multipler Sklerose, einer chronischen Erkrankung des zentralen Nervensystems, die starke Schmerzen und schubartige Lähmungen von Körperregionen verursacht - oftmals irreversibel. Dennoch steckt Birgit voller Energie und Lebensmut. Ihr Erfolgsrezept: Cannabis.

  • Birgit Ploner: Nach aggressiven Medikamenten-Therapien steigt sie auf CBD-Produkte um – mit bahnbrechenden Erfolgen. Foto: Peter Grünfelder
  • Zuerst war Birgit skeptisch. Auf Empfehlung einer guten Freundin trank sie jedoch eines schicksalhaften Abends eine Tasse CBD-Hanf-Tee und „über Nacht veränderte sich mein Leben. Die Symptome schienen wie verschwunden. Dinge, die mir die Krankheit alltäglich erschwerten, wie die Bewegung meiner Hände, ein normaler Toilettengang, Gehen und Schlafen. All das war wieder möglich. Ärzte und Krankenschwestern fragten mich bei meinen Visiten im Krankenhaus verblüfft, was ich gemacht habe. Der legal erhältliche Hanf hat mich meine Krankheit vergessen lassen. Aber meine Krankheit hat mich nicht vergessen“.

     

    Nebenwirkungen der Hanf-Therapie? „Nur positive!“, so Birgit.

     

    Nach einer Überanstrengung, die Birgit mit der Linderung ihrer Symptome und der neu-gewonnenen Energie in Verbindung setzt – ermöglicht durch den CBD-Konsum, kehrten die Schmerzen in ihren Alltag zurück. Daraufhin erhielt sie ein ärztlich verschriebenes Rezept für THC-haltiges medizinisches Cannabis. Seitdem setzt sie auf eine hybride Therapieform mittels CBD zur Symptom- und THC zur Schmerzbekämpfung und reduziert damit die Präsenz ihrer Krankheit auf ein Minimum.

  • Peter Grünfelder und sein Team organisieren im Cannabis Social Club Bozen Workshops sowie Vorträge und Diskussionsrunden mit Expertinnen und Experten zum Thema Cannabis als Heilmittel statt. Foto: Peter Grünfelder
  • Vor der pflanzlichen Therapie musste sich Birgit herkömmlichen Therapien unterziehen, mit beträchtlichen Nebenwirkungen. Begonnen hat sie mit einer Interferon-Therapie – gängig bei MS, um Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Krankheit zu hemmen. Birgit aber litt vor allem unter den Nebenwirkungen: „Meine Lungen füllten sich mit Wasser, das war verbunden mit Schmerzen und schlaflosen Nächten“ .

     

    „Ich musste mich auf den Tod vorbereiten.“  

     

    Ihre Krankheit verlief schnell und sie musste auf eine Natalizumab-Therapie umsteigen: „Ich musste mich auf den Tod vorbereiten. Mir wurde gesagt, dass diese Therapie zum Tod oder zu schweren körperlichen Einschränkungen führen kann. Eine intensive, aber auch gute Zeit. Ich habe meine Angelegenheiten geregelt“, erzählt Birgit. Der Tod kann dabei durch eine mögliche Gehirnentzündung ausgelöst werden, wie Studien belegen. Nebenwirkungen der Hanf-Therapie: „Nur positive!“, so Birgit.

  • Der Cannabis Social Club versteht sich als Patientenvereinigung, die sich für die Bedürfnisse und Rechte von Menschen einsetzt, die ihre Leiden mit Cannabis-Arzneimitteln therapieren wollen. Seit 2015 ist es das Ziel der Vereinigung, den Zugang zu Cannabis-Arzneimitteln zu erleichtern und deren Integration ins öffentliche Gesundheitssystem voranzutreiben – durch Beratung, Aufklärung und politische Interessenvertretung. Der Club steht in enger Zusammenarbeit mit dem Cannabis Competence Center, das am selben Standort eine spezialisierte Arztpraxis und ein Hanf-Fachgeschäft betreibt.

  • „Meine jetzige Therapie bedeutet für mich Lebensqualität und lässt mich meine Krankheit vergessen.” 

     

    Die Kostenfrage zeichnet ein klares Bild: Der Einkaufspreis für Natalizumab beträgt 2.700 Euro – mit Sanitätsbeihilfe 1.800 Euro. Monatlich. Ein Fläschchen CBD-Öl kostet im Cannabis Social Club, wo Birgit ihre Produkte bezieht, knapp 100 Euro, kann je nach Bedarf über Monate reichen und war bisher in Fachgeschäften leicht erhältlich. 

    Birgit zieht daraus eine klare Bilanz: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Das ist nur ein Augenblick. Ich nahm in Vergangenheit für meine Gesundheit auch beträchtliche Kosten auf mich. Aber mein Leben ist zu kostbar, um ein Versuchskaninchen zu sein. Meine jetzige Therapie bedeutet für mich Lebensqualität und lässt mich meine Krankheit vergessen.” Auf die Frage, wie es nun mit ihrer Therapie weitergehen soll, wenn CBD in Italien verboten wird, gibt es noch keine klaren Antworten.

     

  • Decreto della sicurezza - In vielen Aspekten umstritten

    Das Sicherheitsdekret verbietet die Produktion, Verarbeitung, den Verkauf und Besitz von Hanfblüten, aus denen CBD gewonnen wird, sowie deren Derivaten – einschließlich Ölen, Extrakten, Harzen und anderen Produkten, die aus den Blüten gewonnen werden. Ein schwerer Schlag für jene, die auf diese Mittel angewiesen sind: „Die Abgeordneten sollten sich in die Lage der Bedürftigen einfühlen oder zumindest ihre Stimmen hören. Ich finde es nicht vertretbar, dass den Menschen so wenig Eigenverantwortlichkeit zugesprochen wird”, so Birgit. 

     

    ... welche Kollateralschäden birgt eine derartige Sicherheitspolitik?

     

    Oppositionsparteien und zivile Institutionen, wie ANCI oder CGIL werfen der Regierung vor, mit dem Dekret Grundrechte zu beschneiden und soziale Spannungen repressiv zu behandeln. Auch Juristinnen und Juristen bemängeln unklare Formulierungen und warnen vor verfassungsrechtlichen Problemen. Ebenso ist die Gleichsetzung von CBD-Produkten mit illegalen Substanzen juristisch fragwürdig, da sie europäischen Regulierungen widerspricht. Dennoch, das Ding steht und eine Überarbeitung ist derzeit nicht vorgesehen, Forderungen danach werden aber laut. Die Frage bleibt: Wer oder was wird hier eigentlich geschützt – und welche Kollateralschäden birgt eine derartige Sicherheitspolitik?