„Tun wir denn genug?“
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„Es ist ein Tag, an dem ich immer gerne teilnehme, mich aber am Abend immer frage: Tun wir denn genug?“, erzählt Arno Kompatscher zu Beginn seiner Wortspende zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust an der Mauer des Durchgangslagers Bozen. Man müsse an die Opfer erinnern, sagte der Landeshauptmann, an das Leid, das sie erfahren haben, an den millionenfachen Tod, an die Singularität dieses Ereignisses. „Es ist industriell organisierter Massenmord gewesen, hier ist die Menschheit wirklich so tief gefallen, in den tiefsten Abgrund ihrer Geschichte. Daran erinnern wir, aber tun wir genug, auch daraus die richtigen Lehren zu ziehen?“
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Am Abgrund ihrer Geschichte: Arno Kompatscher erinnerte an der Mauer des Lagers Bozen mit einer kurzen Rede. Foto: SALTO/HMKompatscher sprach darüber, wie sich Europa aus der Asche, aus den Ruinen aufgebaut habe und wie man daran geglaubt habe, dass derart schlimme Zeiten nie wieder möglich wären. „Wir hören jetzt über Remigration sprechen“, mahnte er, „und das ist nichts anderes als Deportation.“ Es seien wieder Zeiten, in denen einzelnen Gruppen die Schuld für alles gegeben werde und die Lösung darin gesehen werde, „diese wegzuhaben“.
Ein Muss. Und ein Hoch auf den Antifaschismus.
Auch der Bürgermeister der Stadt Bozen, Claudio Corrarati, wandte sich zum Giorno della Memoria an die Anwesenden. „Wir müssen uns erinnern, was in diesem Lager passiert ist“, sagte er und erinnerte auch an die Eröffnung der sehenswerten Ausstellung in der Bozner Stadtgalerie vor einigen Tagen, welche Kriegsspuren aus dem Archiv der Jahre 1940–45 zeigt. Insbesondere erinnerte Corrarati an den im Sommer 2025 verstorbenen Arnaldo Loner, dessen Einsatz zur Verurteilung des Nazischlächters aus dem Lager Bozen, Michael „Mischa“ Seifert, führte. Corrarati baute den inzwischen sehr dehnbaren und seit Jahren auch gerne von der politischen Rechten bemühten Begriff Freiheit in seinen Schlusssatz ein: Die Freiheit müsse immer im Zentrum stehen, sagte er.Der Präsident des lokalen ANPI (Associazione Nazionale Partigiani d’Italia) in Bozen, Guido Margheri, erinnerte an den Gründer der Bozner Partisanenvereinigung, der Lagerinsasse war und dessen Name auch immer wieder auf der neu gestalteten Erinnerungswand auftaucht. Er sprach über die Sinnhaftigkeit des „Nie wieder!“, gerade in der heutigen Zeit. Erinnerung müsse über Generationen hinweg weitergetragen werden, um zu verstehen, wie hart der Kampf gegen Nationalsozialismus und Faschismus vor über 80 Jahren gewesen war. Ebenso erinnerte Margheri an viele traurige Schauplätze der Welt in unserer Gegenwart, an die Kriege und die Faschismen, die im Kleinen wie im Großen wieder salonfähig werden.
„Bald werden diejenigen, die diese Zeit damals selbst erlebt haben, nicht mehr unter uns sein. Umso mehr liegt es an uns, dieses Bewusstsein ohne persönliche Erinnerung weiterzutragen – durch Wissen, Verantwortung und Klarheit der Werte.“ Und weiter: „Widerstand ist nicht nur eine historische Tatsache, sondern eine menschliche und zivile Haltung.“ Ein Muss. Und ein Hoch auf den Antifaschismus.
„Tun wir denn genug?“, fragte Kompatscher rhetorisch sehr geschickt ein zweites Mal in seiner kurzen Rede. Und welche Antwort wird er heuer haben? Und wie lautet Ihre Antwort, werte Leserinnen und Leser?
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Seit ca. 1946 sind laut Schätzungen ca. 10 bis 15 Millionen Menschen in Kriegen und bewaffneten Konflikten in Afrika ums Leben gekommen.
Wann, wann gedenken wir mit der gleichen Intesität dieser Menschen?
Antwort auf Seit ca. 1946 sind laut… von Josef Ruffa
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Ja und den Sklavenhandel bitte nicht vergessen, da hat sich Europa ja auch mit Ruhm bekleckert.
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Ich bin vor einigen Jahren im Brixner Gemeinderat mit meinem Antrag gescheitert, an unsere von den Faschisten enteignete und vertriebene jüdische Mitbürgerin Lea Pincherle zu erinnern. Da könne man den Italienern nicht antun, hieß es von der SVP, weil die Lea Pincherle ja nicht von deutschen Nazis, sondern von italienischen Faschisten verfolgt wurde. An dieser Haltung der SVP hat sich seither nichts geändert.
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Das liegt vor allem auch daran, dass die Zeitzeugen der 2 WK Generation jetzt überwiegend das zeitliche gesegnet hat. Deswegen ist Erinnerungskultur auch wichtig um nicht die gleichen Fehler wieder zu begehen.
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Aus meiner Sicht ist das Problem unserer Erinnerungskultur an den Holocaust und „die dreizehn Jahre“, dass sie mehr auf Symbolik und nicht auf tiefgreifende Ideologiekritik setzt.
Meine Beobachtung ist, dass oft gerade jene, die am lautesten nach (symbolischer) Erinnerungskultur und Distanzierungen schreien, selbst nicht in der Lage dazu sind, die psychologischen und ideologischen Grundlagen die den Holocaust erst möglich gemacht haben zu benennen und zu entkräften/widerlegen.
Der Grund dafür ist, dass eine der wesentlichen Bausteine der NS-Ideologie ist, dass das Gemeinwohl wichtiger sei als das Wohl des Einzelnen. Wenn man dann noch ein entsprechendes Ziel definiert, kann man nach dieser Logik Stück für Stück die Individualrechte aufheben.
Diesem Prinzip gilt es vehement entgegenzutreten. Daher sagt mir auch der klassische Liberalismus zu, da in einer den Prinzipien des Liberalismus folgenden Gesellschaft ein holocaustähnliches Verbrechen wesentlich unwahrscheinlicher ist als z.B. in einer kollektivistischen Prinzipien folgenden Gesellschaft. Diverse linke und rechte Gruppen sind aus meiner Sicht kollektivistisch ausgerichtet und daher mit höchster Skepsis zu sehen.
Daher belächele ich auch diese oberflächliche „Erinnerungskultur“ und bin auch der Meinung, man könnte und sollte mehr tun. Leider wird vielen nicht gefallen, was eine tiefere Auseinandersetzung mit der Materie zu Tage fördern würde.
Es ist nämlich nicht lange her, da haben wir Impfpässe ausgestellt und Menschen wegen Lappalien entrechtet und ausgegrenzt. Die Medien waren voll mit pseudointellektuellen Begründungen und Relativierungen. Aber dann scheinheilig Kränze niederlegen und „Nie wieder!“ schreien .... 🙄
Antwort auf Aus meiner Sicht ist das… von Oliver Hopfgartner
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Nur zwei Anmerkungen.
Das Gemeinwohl ist wichtig, nicht wichtiger aber wichtig.
Und Impfpässe werden immer noch ausgestellt.
Antwort auf Nur zwei Anmerkungen. Das… von Manfred Gasser
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Impfpässe wurden auch vor Corona ausgestellt und wer nicht die richtige Impfung hatte durfte in bestimmte Länder nicht einreisen. Alter Hut
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Impfpässe um in bestimmte Länder einreisen zu können , werden zum Selbstschutz ausgestellt, bei Corona wurden Ungefährdete dazu genötigt sich einen nicht ausreichend getesteten Impfstoff spritzen zu lassen, aber nicht zum Selbstschutz sondern wegen eines Narrativs das man in totalitären Staaten findet, dem Kollektivismus, wo sich jedes Individuum sozusagen der Gemeinschaft unterzuordnen und auf individuelle Rechte (bis hin zur Menschenrechten) verzichten muss und dass dies mit Gewalt bzw. Nötigung umgesetzt wird und das Individuum als Mittel zum Zweck missbraucht wird, nämlich in diesem Fall zu genötigten körperlichen Eingriffen für ein nicht näher definiertes Gemeinwohl, also eine klare Verletzung der MenschenWÜRDE (wobei es noch viele andere gegeben hat).
Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus und Sozialismus a la DDR waren solche kollektivistische Systeme, wobei die Juden Opfer des Nationalsozialismus wurden und andere Systeme andere Opfer zu verzeichnen hatten (meist Menschen die sich dem Kollektiv nicht unterordnen wollten). Genau deswegen wurde nach dem Krieg die MenschenWÜRDE als unveräußerliches Recht des Individuums in die Verfassungen geschrieben.
Jetzt der jüdischen Opfer zu gedenken ist wichtig und richtig (auf dass es sich nicht wiederhole). Da muss ich aber den verstorbenen Modeschöfer Karl Lagerfeld zitieren: " Die Opfer unter den Juden zu betrauern und gleichzeitig ihre größten Feinde massenhaft ins Land zu lassen (illegale Migranten oft ohne nachprüfbare Identität aus dem islamischen Kulturraum) passt nicht zusammen.
Wobei die Gefahr für die Juden nicht nur von denen ausgeht, Judenhass finden wir zuhauf in der linken Jugend v.a. oh Schande bei den Gebildeten (Studenten).
Antwort auf Impfpässe um in bestimmte… von Milo Tschurtsch
Ihr schießt hier völlig am…
Ihr schießt hier völlig am Thema vorbei.
Ohne Kollektiv gibt es keinen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Es ist der Kitt welcher uns in der Wirtschaft, im Verein, im Team, in der Gruppe zusammenhält.
Und Eurer Impfpass Vergleich mit dem Holocaust ist human gesehen, an Empathielosigkeit kaum zu unterbieten.
Erinnern ist wichtig. Aber…
Erinnern ist wichtig. Aber noch wichtiger wäre, versuchen zu verstehen, wie das geschehen konnte. Warum konnte jemand wie Hitler an die Macht kommen und wo gibt es Parallelen zu heute. Aber nicht in der Form „Du wählst die falsche Partei, du bist Nazi!“, sondern ich muss auf die Sorgen der Menschen eingehen und dafür Lösungen bieten, die glaubwürdig sind. Aber wie will ich glaubwürdig sein, wenn ich schon mehrmals oder fast immer an der Macht war, und die Probleme nie gelöst habe und nie auf die Sorgen der Menschen gehorcht habe? Überzeugen kann ich Menschen nur, wenn ich auf sie eingehe und sie und ihre Sorgen ernst nehme; genau das, was z.B. Grüne nie getan haben.
Zitat: „Warum konnte jemand…
Zitat: „Warum konnte jemand wie Hitler an die Macht kommen und wo gibt es Parallelen zu heute“:
eindeutig ja:
- Putin, Erdogan haben es vorgemacht;
- Orban und Trump versuchen es standhaft.
- Putin vollendet es gerade: er verheizt ukrainische Zivilisten mit seinen Drohnen, Granaten, Gleit-Bomben, Raketen, Marschflugkörpern - jeden Tag, jede Nacht!