Die Klöster des 21. Jahrhunderts?
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Patrick Unterkircher lebt und arbeitet in München, Innsbruck und Brixen und arbeitet mit Gleichgesinnten an einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt, das in Südtirol entstehen soll. Ein erster Anlauf, der versuchte Ankauf eines Hotels im Eisacktal ist gescheitert, doch die Gruppe macht weiter.
Unterkircher vertritt einen radikalen Standpunkt, wenn es um das Wohnen geht: „Unserer Auffassung nach sollte Wohnraum Menschenrecht sein, eine kollektiv organisierte Daseinsvorsorge, so wie Trinkwasser im Brunnen“, meint der junge Informatiker. Aktuell sieht er Wohnen im Würgegriff des Kapitalismus: „Was wir jetzt aus meiner Sicht wirklich brauchen, ist eine radikal neue Denkweise, wie wir mit Eigentum umgehen. Also damit, wie viel Menschen oder auch Firmen besitzen können oder sinnvollerweise sollen und wie Menschheitsvermögen und Ressourcen verwaltet werden. So wie wir es jetzt machen, funktioniert das auf keinen Fall!“
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SALTO change im Februar
Im Februar beschäftigt sich SALTO change mit alternativen Wohn- und Lebensmodellen, die Menschen jeden Alters in wechselnden Lebensverhältnissen flexibel und bedarfsgerecht das Grundrecht auf Wohnen gewährleisten können. Dies nicht nur, weil es besonders in Südtirol eine ständig akuter werdende Wohnungsnot gibt, sondern weil der tiefgreifende Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt neue Angebote erzwingt.
SALTO change Partner des Monats ist die Dialogreihe „start.klar. im UFO“, die sich gleich am Anfang des Monats mit dem Thema beschäftigt.
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Die Selbstverwaltung macht den Unterschied
Unterkircher sieht in manchem als innovativ dargestelltem Modell wenig Neues: „Das Guggenberg in Brixen zum Beispiel, wo die alte Kuranstalt von einer Bankstiftung gekauft wurde und nach einem Umbau vom Kolpingverein und einer Bürgergenossenschaft verwaltet wird, das wird jetzt eben an Menschen vermietet und die Menschen ziehen ein, akzeptieren die Hausordnung, kriegen ihr Zimmer, bezahlen Miete und der Rest wird für sie verwaltet“.
Für Patrick ist dies ein altes Modell, dem ein zentrales Merkmal neuer Wohnformen fehlt: „Uns geht es um die Selbstverwaltung, die den Unterschied zum Dienstleistungs- und Konsumgedanken ausmacht. Das Wohnprojekt sollte von den beteiligten Menschen selbst verwaltet werden und die Beziehungen untereinander sollten nicht nur rein rechtliche sein. Es geht nicht darum, ob in der Wohnung neben meiner jemand Neues einzieht, nein, in unserem Modell werden alle einbezogen und arbeiten dann auch gemeinschaftlich an der Verwaltung des Gebäudes oder Wohnbereiches mit. Und genau das ist der zentrale Unterschied.“
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Welche Hindernisse Patrick Unterkirchers Gruppe bei der Suche nach einem Objekt in Südtirol vorfindet, wie die nächsten Schritte ihres ambitionierten Projekts aussehen, was gemeinschaftliche Finanzökonomie ist, wie sich das Alltagsleben im Cambium abspielt, das zu einem gesellschaftlichen Bezugspunkt in der Gemeinde Fehring geworden ist und welche Fragen der Brunecker Stadtrat Lukas Neumair an die Gäste bei start.klar. im UFO hatte – all das könnt ihr in der SALTO change Videoaufzeichnung erfahren.
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Mich fasziniert das dabei zum Ausdruck kommende Solidaritätsprinzip. Sind diese neuen und, wie wir gelernt haben, selbstverwalteten Wohn- und Lebensformen die Klöster des 21. Jahrhunderts, in denen sich ähnlich gesinnte Menschen zusammenfinden, um gemeinschaftlich zu leben? Um das zu schaffen, müssen wohl alle eine ähnliche soziale und intellektuelle Grundausstattung haben oder zumindest ähnliche Weltanschauungen, denke ich mir. Patrick Unterkircher gefällt das Bild vom Kloster. „Was uns miteinander verbindet, ist der Wille zur Veränderung als Lebensprinzip, verstanden als gemeinsam erlebter Wachstumsprozess.“
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(c) UFO, startklar
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Gemeinschaftliches Wohnen als „Beziehungsarbeit“
Sarah Stoisser sieht das solidarische und gemeinschaftliche Zusammenleben als Etappe eines lebenslangen Lernprozesses. Sie lebt seit nunmehr 10 Jahren im selbstverwalteten Wohnprojekt Cambium in Fehring in der Steiermark. Das Projekt wird von einem Verein getragen, der eine ehemalige Kasernenanlage gekauft und für Wohnzwecke adaptiert hat. Wie jede Form von Gemeinschaft, ist ein gemeinschaftliches Wohn- und Lebensprojekt mit Hochs und Tiefs verbunden: „Ich glaube, dass man da schon Erfahrungen in einer WG gemacht haben sollte, damit man zumindest die Grunddynamiken des Zusammenlebens mit anderen Menschen kennt“, führt Stoisser aus.
„Jeder geht im Leben durch so Wellen...“
Ich frage sie nach den Tiefs und danach, ob es auch beim Cambium-Projekt Phasen gab, in denen die Beteiligten kurz davor waren, alles hinzuschmeißen. „Zum Glück nie alle gleichzeitig, würde ich sagen. Jeder geht im Leben durch so Wellen und so ist es halt hier auch. Und mal denke ich mir, okay, vielleicht ist etwas Kleineres doch irgendwie angenehmer“, erinnert sich die zweifache Mutter, „und dann kommen wieder so Wochen, wo ich merke, wow, was ist das für ein Potenzial, dass wir so viele sind und so unterschiedlich. Also ich würde niemals mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu tun haben, würde ich nicht hier wohnen, weil es sind halt meine Nachbarn. Und dann merke ich, ah, okay, cool, da kann ich wieder etwas lernen.“
Ich höre heraus: Gemeinschaftliches Wohnen ist in erster Linie Beziehungsarbeit. Wie wird diese Beziehungsarbeit bei Cambium organisiert? Was passiert, wenn es zu Spannungen und Konflikten kommt? „Das sind zwei verschiedene Bereiche“, erzählt sie uns: „Der eine Bereich ist die Frage, was wir tun, um Gemeinschaft weiterzuentwickeln und Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen. Da unternehmen wir viel. Wir treffen uns einmal die Woche an einem Abend zum Plenum. Das kann in verschiedenen Formen erfolgen: informativ, verbindend, als emotionales Sharing oder der Leitungskreis beruft ein Plenum zu einem bestimmten Thema ein. Und wir treffen uns alle vier bis sechs Wochen für ein ganzes Wochenende, wo wir dann einfach Gemeinschaftszeit machen. Wir haben uns für diese Gemeinschaftsarbeit viel Unterstützung geholt und das bringt sehr gute Resultate.“
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Wenn Konflikte heißlaufen...
Und was passiert, wenn es einmal richtig kracht? „Ja, auch das kommt vor“, berichtet Sarah: „wenn Konflikte so richtig heißlaufen, holen wir gern jemanden Dritten dazu, damit wir begleitet ins Gespräch gehen können. Wir haben bisher noch immer gute Wege gefunden.“ Da unterscheiden sich gemeinschaftliche Wohnmodelle eben kaum von allen anderen Formen menschlicher Beziehungen, denke ich mir. Oder vielleicht doch: Der Lernprozess scheint mir bei diesen Wahlgemeinschaften präsenter und unmittelbarer zu sein, eben deshalb, weil man die Beziehungsarbeit als Teil der gemeinsamen Organisationsarbeit versteht.
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Sehr interessanter und…
Sehr interessanter und wichtiger Beitrag. Speziell im Jetzt und Heute ... ein exzellenter Diskussionsansatz. Danke!
Wohnungen sollten bereits…
Wohnungen sollten bereits bei der Planung so eigerichtet werden, „dass man Teile davon ausklammern kann, wenn sich die Familie ändert. (Beispiele: würde beim Auszug oder Tod eines Partners, die finanzielle Stuation erleichtern, dem Auszug oder beginnender Eigenständigkeit der Kinder usw.)“
Man müsste sich dann allerdings, „von manchen lieb-gewonnenen Gegenständen befreien!“
Hmm ... ich bin sehr…
Hmm ... ich bin sehr skeptisch, was diese Wohnform angeht. Wenn ich an mein Kondominium denke, bin ich dafür, fein säuberlich zwischen den Parteien zu trennen.
Aber ich gebe zu, das ist wohl eine sehr konservative Einstellung, und ich weiß auch nicht, wie viel gemeinschaftliches Potenzial damit verloren geht. Der skurrile Mitbewohner entpuppt sich womöglich als Seelenverwandter, und die unsympathische Untermieterin ist vielleicht die netteste Person, die man sich vorstellen kann.
Junge Familien bräuchten oft Hilfe bei der Aufsicht ihrer Kinder, Ältere bräuchten Unterstützung beim Einkauf usw.
Lassen wir uns überraschen, welchen Erfolg dieses Wohmodell bringen wird.
Antwort auf Hmm ... ich bin sehr… von Stereo Typ
Die jungen Leute machen sich…
Die jungen Leute machen sich da nichts vor und sagen das auch deutlich: Es ist ein mitunter mühsamer Lernprozess. So wie bei allen anderen Formen menschlicher Beziehungen.
Aber die Potenziale für das persönliche Wachstum und soziale Innovation sind hoch.
Zitat: „Das Wohnprojekt…
Zitat: „Das Wohnprojekt sollte von den beteiligten Menschen selbst verwaltet werden und die Beziehungen untereinander sollten nicht nur rein rechtliche sein“:
Welcher Art Beziehung sollte dann herrschen, die das Zusammenleben regelt?
Diese Information wäre sehr hilfreich, um verstehen zu können.
Zitat: „in unserem Modell werden alle einbezogen und arbeiten dann auch gemeinschaftlich an der Verwaltung des Gebäudes oder Wohnbereiches mit. Und genau das ist der zentrale Unterschied“: und worin besteht hier nun dieser „zentrale Unterschied“ zu einem normalen Kondominium?
Diese Information wäre sehr hilfreich, um verstehen zu können.
Zitat: „Sind diese neuen und, wie wir gelernt haben, selbstverwalteten Wohn- und Lebensformen die Klöster des 21. Jahrhunderts, in denen sich ähnlich gesinnte Menschen zusammenfinden, um gemeinschaftlich zu leben?“ ... klingt irgendwie nach den Kommunen der 80er Jahre, auch nach Sekten... was, wenn nun jemand anders zu denken beginnt: muss er dann ausziehen? Die Klöster, das nur zur Erinnerung, hatten eine straffe, autoritäre Organisation und klare, verbindliche Regeln, welche innerhalb der Mauern Gesetz waren.
Aus dem ganzen Artikel heraus erschließt sich mir diese neue Gesellschaft und wie diese funktionieren kann oder soll, nicht. Wenn ich also in diese Gemeinschaft eintreten möchte, bekomme ich Wohnung oder Wohnraum ohne Miete? Was regelt das Zusammenleben und die Kosten?
Antwort auf Zitat: „Das Wohnprojekt… von Peter Gasser
Danke für die anregenden…
Danke für die anregenden Fragen. Wir werden das interessante Thema in diesem Sinne vertiefen.