Das Stilfserjoch ist typischerweise sieben Monate lang dicht, die SS38 zwischen Piantedo und Bozen unterbrochen. Dann erinnert uns gemütlich beim Ofen sitzend höchstens ein Glasl Grüner Veltliner an menschliches Leben jenseits des König Ortlers in den Himmel gereckter Stirn.
Für die Menschen dahinter bedeutet die siebenmonatige Straßensperre aber Isolation. “Alta Valtellina, nel cuore dell’Europa, esclusa dall’Europa”, wie es dort ausgedrückt wird. Der Wunsch nach ganzjährigem Anschluss an Europa oder wenigstens ans restliche Italien ist ungebrochen und so wird nicht nur die SS38 ständig ausgebaut, sondern man träumt auch von einem großen Tunnel durch den Mortirolo, um die Gegend mit dem brescianischen Edolo (Val Camonica) zu verbinden, was bis dato an der Finanzierung gescheitert ist. Aber da, plötzlich flammt Hoffnung auf. Hoffnung, dass ein noch tollkühneres Projekt finanziert werden könnte: Der Durchstich unterm Stilfserjoch! Il Traforo dello Stelvio. Nein, nicht eine Wiederbelebung der seit 1922 ruhenden Pläne des Herrn Casiraghi zum Bau eines Eisenbahntunnels, um Tirano mit der Vinschgerbahn zu verbinden, sondern die wintersichere Untertunnelung der SS38.
Wie der Noch-Provinzpräsident von Sondrio, Massimo Sertori, versichert: «Esistono studi di fattibilità molto più avanzati di quello che si possa pensare, ma anche i nostri vicini devono essere d’accordo. Si sta lavorando ma non voglio anticipare troppo per non creare problemi di rapporti». Mit “vicini” sind wohl wir gemeint und wir haben Ende Oktober Landtagswahlen. Das hat er schön gesagt, der Sertori. Nein, nein, das ist kein Thema für unseren Wahlkampf. Folgerichtig bleibt die Sache noch unter Verschluss, und man trifft sich erst am 9. November, also die Vinschger und die Veltliner und die Münsteraner unter den Augen der Öffentlichkeit.
Woher aber die Hoffnung, dass so ein Megaprojekt in Zeiten wie diesen finanziert werden könnte? Da wird es jetzt etwas politisch. Das Zauberwort heißt PTRA, also „Piani Territoriali Regionali d'Area”. Nachdem die Provinz Sondrio wie alle anderen Provinzen abgeschafft wird, beginnt sich die Region Lombardei um Strukturförderung der schwächeren Gebiete zu bemühen. Da gibt es (staatlicher) Gelder zu verteilen, zum Beispiel, um den veltliner Teil des Stilfser Nationalparks zu verwalten. Gelder also, mit denen man die Ex-Provinzen mit Zuckerbrot bei Laune halten kann. «Per dare l’indispensabile continuità alla statale sia verso sud che verso nord, il Rotary aveva chiesto di inserire questo percorso nel Ptra a livello di prioritaria importanza; ora forse sta per arrivare una prima risposta.»
Der Kontext muss an dieser Stelle wohl erst in die richtige Perspektive gerückt werden. Die finanzielle Situation lässt sich vergleichend trefflich mit den Worten des Legasekretärs Matteo Salvini illustrieren: «La regione Lombardia paga all’anno circa 70 milioni di euro di tasse e ne tornano indietro, a dir tanto, 25 milioni. Il Trentino Alto Adige trattiene il 92% di quello che versa. Non dico di arrivare anche noi a tanto, ma almeno il 75% mi sembra una quota ragionevole. I soldi comunque ci sono: questo è fuori discussione».
Und so könnte es sein, dass Sertori etwas hoch pokert. «A Letta e Delrio cercherò di far capire che Sondrio e Belluno in quanto Province montane hanno specificità che le rendono diverse da tutte le altre.» So erntet man kein Tunnel-Schweigegeld. «…spiegherò i motivi per cui pensiamo che l’abolizione sia un errore. Poi magari non riuscirò a convincerli, ma non si può chiedere a me di condividere un disegno che ritengo sbagliato. Realtà che hanno le nostre particolarità dovrebbero avere ancora più competenze e più autonomia, non venire abolite o trasformate in enti di secondo livello». Und als Lega-Politiker sind Sätze wie «Maroni ad esempio era freddo su questo tema e con lui ho discusso anche a muso duro. Fra partito e territorio io ho sempre scelto il territorio, spero che anche altri lo facciano.» nicht unbedingt der Karriere förderlich.
Nein, Schleimer ist er keiner, der Sertori und so schicke ich nachbarliche Hochachtung und hebe mein Glasl Grünen Veltliners, auch wenn der bekanntlich hauptsächlich in der Wachau angebaut wird. Vielleicht können wir 92% Südtiroler dem Sertori und seiner untergehenden Provinz ein bissel Wohlwollen entgegen bringen. Kostet ja nix.