Culture | Salto Afternoon

Besuch bei der Kusine (1/3)

Eine Geschichte zur deutschsprachigen Minderheit in Belgien in drei Teilen.
Belgien 1
Foto: Eleonora Mocellin

Belgien ist ein interessantes Land. Man kann es problemlos in einem Tag durchqueren. Zum Beispiel, indem man im flämischen Nordseebad Ostende in einen Zug steigt. Wenn man nicht gerade während der touristischen Hochsaison unterwegs ist, wird man beim Start vorwiegend niederländische Stimmen vernehmen. Nach rund anderthalb Stunden Zugfahrt durch flache Lande erreicht man den Hauptbahnhof der belgischen, und inoffiziell europäischen, Hauptstadt Brüssel. Dort hört man wahrscheinlich zu jedem gegebenen Zeitpunkt mindestens vier verschiedene Sprachen, saisonunabhängig. Wer im Zug sitzen bleibt, erreicht nach etwa zwei Stunden den Provinzbahnhof von Eupen, die Endstation der Linie, und wird vor allem von deutschen Stimmen umgeben sein. Hier ist man nahe an den Nachbarn, Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg. Kaum etwas erinnert einen am Eupener Bahnhof an Brüssel, oder an Ostende – weder die Sprache, noch die Landschaft mit den Hügeln und Laubwäldern, die der ehemalige belgische König Baudouin als Paradies bezeichnete. 
Vom Bahnhof erreicht man in einer Viertelstunde zu Fuß die Eupener Fußgängerzone, die dem Lananer Gries charakterlich erstaunlich ähnelt. Ein Optikfachgeschäft, ein Spielzeugladen, eine Metzgerei und ein Modegeschäft reihen sich aneinander, und mehrere italienische Restaurants mit authentischen Namen wie „Pizzeria Milano“ oder „Bella Venezia“ fehlen auch nicht. Von großen Marken oder Ketten ist allerdings keine Spur. Die Fußgängerzone mündet in den Marktplatz, wo außer der Pfarrkirche St. Nikolaus und der Redaktion der regionalen Tageszeitung „Grenz-Echo“, auch mehrere gut besuchte Restaurants und Cafés zu finden sind – zumindest, wenn es die Gesundheitsforderungen zulassen. In einer besonders beliebten Bäckerei, deren Terrasse der Samstagsbrunch-Treffpunkt zu sein scheint, bedient die Verkäuferin auf Deutsch oder Französisch, je nach Kundschaft. In den Regalen hinter der Theke liegen große Schwarzbrotlaibe neben schlanken Baguettes und Brezen, und in der Vitrine Quiches, Croissants und die in der Gegend typische Reistorte. Ein Hauch Französisch ist hier schon spürbar. Es mag Einbildung sein, aber auch das Deutsch, das hier gesprochen wird, scheint von einer französischen Weichheit und Leichtigkeit gefärbt zu sein. Ein angenehmer Singsang, der etwas an Horst Lichter erinnert, und gesäumt ist von Ausdrücken wie „voilà“ oder „allez“. Der charmante Klang macht irgendwie auch grammatikalische Unsäglichkeiten wieder gut, wie „Als ich nach hier gekommen bin“, die in der Nähe von Sprachgrenzen gerne auftreten, und die einen beim längeren Gespräch mit Einheimischen zum Schmunzeln bringen. 

So gleich und doch so verschieden. Wie erklärt man sich das bloß? Haben die etwas, das wir nicht haben? Wer das verstehen will, kommt nicht um ein paar Lektionen in belgischer Geschichte und Rechtskunde herum. 

Das beschauliche Eupen ist der Hauptort des Gebiets der Deutschsprachigen Gemeinschaft ganz im Osten Belgiens. Denn ja, in Belgien gibt es eine deutschsprachige Minderheit, und Deutsch ist, neben Niederländisch und Französisch, sogar eine offizielle Sprache des kleinen Königreichs. Dies ist nicht gerade weitgehend bekannt, was freilich mitunter der bescheidenen Fläche und Einwohner*innenzahl geschuldet ist – wir sprechen von etwa 73.000 Menschen auf 854 km². Als Südtiroler*in hört man jedoch fast reflexartig auf, wenn irgendwo die Rede ist von einer deutschsprachigen Minderheit. Das Interesse steigt nur, wenn man erfährt, dass wie im Falle Ostbelgiens, die Geschichte der Minderheit an Grenzverschiebungen nach den Weltkriegen geknüpft ist, und dass im Laufe der Jahrzehnte ein komplexes Autonomiesystem herangereift ist. Und unbedingt alles wissen muss man als Südtiroler*in dann, wenn man hört, wie gerne die deutschsprachigen Belgier*innen zu Belgien gehören, dass niemand von einer Schutzmacht oder Heimkehr spricht, oder um den Erhalt der Muttersprache bangt. So gleich und doch so verschieden. Wie erklärt man sich das bloß? Haben die etwas, das wir nicht haben? Wer das verstehen will, kommt nicht um ein paar Lektionen in belgischer Geschichte und Rechtskunde herum. 


Das Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft, das oft auch schlicht als Ostbelgien bezeichnet wird, besteht aus einem nördlichen Teil, dem Eupener Land, und einem südlichen, der belgischen Eifel. Dazwischen verläuft das Hohe Venn, ein malerisches Moor. Im heutigen Ostbelgien treffen seit jeher verschiedene Sprachen aufeinander. Die deutsch-französische Sprachgrenze stabilisierte sich mit dem Hochmittelalter, und als Verwaltungssprache setzte sich das Deutsche in der belgischen Eifel im 17. Jahrhundert, im nördlichen Eupener Land im 19. Jahrhundert durch. Herrschaftsverhältnisse und politische Grenzen änderten sich häufig, und laut Historiker Carlo Lejeune wäre es falsch sich vorzustellen, dass sich die Bevölkerung darüber besonders viele Gedanken gemacht hätte. So gehörten Teile Ostbelgiens einmal zu kleineren Herzogtümern wie Limburg oder Luxemburg, dann zu Napoleons Imperium, ab 1815 dann zum Königreich Preußen, und später zum Deutschen Kaiserreich. Obwohl die deutsche Sprache Ostbelgien mit Preußen und dem Kaiserreich verband, wurden aus den katholischen Ostbelgier*innen nicht gerade glühende preußische Patriot*innen. Ab 1830 grenzte der westlichste Teil des Deutsche Kaiserreichs – das heutige Ostbelgien also – an das neu gegründete Königreich Belgien, das sich vom katholischen, vorwiegend französischsprachigen südlichen Teil des Königreichs der Niederlande abgespaltet hatte. Und mit dem Ersten Weltkrieg befand sich das Gebiet nicht nur an einer Staats-, sondern auch einer Bündnisgrenze. Belgien war auf der Seite der Entente, die den Mittelmächten, angeführt vom deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn, gegenüberstand. Nach den Kämpfen und der Niederlage der Mittelmächte folgte das in Südtirol bekannte Lied vom Verliererland, dass der Siegermacht ein Stück Land samt Leuten abtreten musste – der schmale Gebietsstreifen zwischen der niederländischen und luxemburgischen Grenze wurde belgisch. 

Sowohl das Grenz-Echo als auch der Belgische Rundfunk haben sich jedoch zu einem modernen, pluralistischen Blatt bzw. Sender entwickelt und dienen nicht mehr dazu, den belgischen Staat zu promoten.

Das Königreich Belgien war zu jenem Zeitpunkt noch keine hundert Jahre alt, ein Zentralstaat, und die Staatsbildung war noch fortlaufend. Das dazugewonnene Gebiet sollte in das Staatsgefüge integriert werden, und aus den Bewohner*innen sollten gute Belgier*innen werden. Dafür war zwischen 1920 und 1925 Generalleutnant Herman Baltia zuständig. Dieser wählte einen moderneren Weg als etwa französische Entscheidungsträger, die in Elsass-Lothringen quasi für dieselbe Aufgabe verantwortlich waren. Baltia hielt es für sinnvoll, den Ostbelgier*innen ihr neues Land schmackhaft zu machen, und damit Ruhe und Stabilität in der Region garantieren, statt ihnen eine andere Sprache und Kultur aufzuzwingen. Daher wurde die deutsche Sprache in Ostbelgien toleriert, und ostbelgische Grundschulkinder konnten beispielsweise weiter in ihrer Muttersprache unterrichtet werden. Jedoch bedeutete das auch, dass ihnen spätere Aufstiegschancen verwehrt blieben. Zur Integration der Ostbelgier*innen sollte auch eine neugegründete Tageszeitung beitragen, das Grenz-Echo, und Jahre später der Belgische Rundfunk. Beide prägen bis heute die ostbelgische Medienlandschaft, und informieren auf Deutsch über die Geschehnisse in Belgien. Sowohl das Grenz-Echo als auch der Belgische Rundfunk haben sich jedoch zu einem modernen, pluralistischen Blatt bzw. Sender entwickelt und dienen nicht mehr dazu, den belgischen Staat zu promoten. Laut Lejeune können Baltias Ansätze durchaus als mutig bezeichnet werden, weil er durchaus auch Gegenwind aus Brüssel dafür bekam. Trotz alldem darf man nicht vergessen, dass es in Ostbelgien unter Baltia nicht demokratisch zuging. Die Regierung in Brüssel hatte dem Generalleutnant viel Macht in die Hände gegeben, und Gewaltenteilung oder Pressefreiheit wurden den Zielen von Ordnung und Stabilität geopfert. Außerdem wurde 1920 eine sogenannte „Volksbefragung“ statt, bei der Ostbelgier*innen schriftlich, durch eine Eintragung in öffentliche Listen, gegen den Anschluss an Belgien protestieren konnten. Das wagten allerdings nur 271 Leute, und der ganze Prozess war natürlich weder frei noch geheim noch unbeeinflusst. Als nach 1925 die freie Meinungsäußerung wieder möglich wurde, bildeten sich in der ostbelgischen Bevölkerung zwei Gruppen, eine pro-deutsche, die eine neue, faire Abstimmung und somit die Möglichkeit einer Rückkehr zum alten Vaterland forderten, und eine pro-belgische, die dafür einstand, sich zum immer noch relativ neuen Heimatland zu bekennen. Auch nachdem 1933 Hitler in Deutschland an die Macht gekommen war, blieb ein Teil der Menschen in Ostbelgien pro-deutsch eingestellt. 1936 wurde die Heimattreue Front gegründet, die ideologisch und finanziell direkt vom Dritten Reich gespeist wurde. Obwohl die vor Ort einflussreiche katholische Kirche die Front scharf verurteilte, bekam diese bei den

 

Parlamentswahlen 1939 fast die Hälfte der Stimmen aus Ostbelgien. Im Zweiten Weltkrieg überfiel das Deutsche Reich Belgien, und annektierte das deutschsprachige Ostbelgien am 18. Mai 1940. Ab 1941 kämpften rund 8.800 ostbelgische Soldaten auf der Seite der Wehrmacht gegen das Land, das bis vor kurzem noch ihres gewesen war. Nach Kriegsende reimte sich die Geschichte: Die Deutschen hatten verloren, Belgien war auf der Seite der Siegreichen, und erhielt Ostbelgien also zurück. Es kam zu skurrilen Szenarien. Die Soldaten, die bis 1940 Belgier gewesen waren, dann Reichsdeutsche geworden waren und als solche an fernen Fronten für Hitler gekämpft hatten, kamen zurück in ihr inzwischen wieder belgisch gewordenes Zuhause, wo sie umgehend verhaftet wurden. Es wurde eine massive „Säuberungspolitik“ eingeleitet, während der bis zu 7.000 Ostbelgier interniert wurden und fast fünfhundert von ihnen die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Außerdem wurde gegen mehr als 18.000 Ostbelgiern kriegsgerichtliche Ermittlungen eröffnet, und die Hälfte der wahlberechtigten durften bei den Wahlen 1946 ihre Stimme nicht abgeben. Diese Ereignisse, und die starke und offensichtliche Zerstörung der belgischen Eifel führten laut Carlo Lejeune zu einem kollektiven Trauma – auf das viele Ostbelgier*innen entweder mit einer zunehmend apolitischen Haltung, oder einer Flucht in die Opferrolle reagierten. Allerdings gab es im Unterschied zu Südtirol auch deutschsprachige Ostbelgier*innen, die sich nun dem belgischen Staat und der Frankophonie zuwandten – beispielsweise durch die Französisierung von Namen. „Das kann natürlich auch schlichtem Opportunismus geschuldet gewesen sein“, so Lejeune. Der Historiker merkt auch an, dass natürlich keine dieser Reaktionen eine Art von Aufarbeitung seien. Eine solche sei aber jetzt in vollem Gange – nicht zuletzt, weil das Thema durch das Ableben von Zeitzeugen entschärft wurde.

 

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Quo Vadis Südtirol Fri, 05/07/2021 - 19:10

War selbst mehrmals dort. Das was mich besonders beeindruckt hat, war die Tatsache, dass selbst die staatlichen Behörden die deutsche Sprache wie selbstverständlich verwenden. Selbst die Polizei tritt einsprachig (!) deutsch auf. Und wird als total normal empfunden. Nichts ist erzwungen gekünstelt zweisprachig. Da sind die Ostbelgier wohl die glücklichen Dritten zwischen den beiden großen Sprachzwisten Flamen und Wallonen.

Fri, 05/07/2021 - 19:10 Permalink
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Quo Vadis Südtirol Sat, 05/08/2021 - 19:46

In reply to by pérvasion

Korrekt. Ich meinte mit meinem Kommentar die Toponomastik. Oder alles andere was Original eigentlich auf deutsch wäre, aber weil es eben ohne italienisch nicht geht, übersetzt werden muss. Umgekehrt gilt dasselbe natürlich nicht. Nur italienisch ist ja bekanntlich ausreichend. Außer bei formalen öffentlichen Akten. Wie dort aber die Qualität der deutschen Sprache ist, weiß jeder.

Sat, 05/08/2021 - 19:46 Permalink
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Martin Aufderklamm Fri, 05/07/2021 - 20:27

Belgien ist ein sehr interessantes Land abseits vom Massentourismus (belgische Küste ausgenommen) und auch abseits der Europahauptstadt Brüssel.
Eine sehr schöne und authentische Beschreibung der Situation in Eupen und Umgebung. Ich freu' mich auf die beiden nächsten Teile.

Fri, 05/07/2021 - 20:27 Permalink