Film | Fundstück

Stumme Zeugen

Ein tanzbares und durch und durch folkloristisches Filmdokument aus dem Alpenraum ist Teil der Webplattform WikiFlix für historische Filme. Eine Spurensuche.
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Foto: WikiFlix
  • „Das ist ein wunderbares und klassisches Beispiel für das ‚Trachtenverständnis‘ an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert“, teilt die Trachtenexpertin und Wissenschaftlerin Angelika Neuner auf Nachfrage von SALTO zum Kurzfilm Danse Tyrolienne mit. Der französischer Stumm- und Dokumentarkurzfilm unter der Regie von François-Constant Girel aus dem Jahr 1896 ist vor kurzem auf der Webplattform WikiFlix aufgetaucht. 

    SALTO hat Neuner und dem Volksmusikexperten Thomas Nußbaumer den Film dieser „lebenden Photographie“ zukommen lassen. Zu sehen sind auf der frühen Aufnahme ein Tänzer und eine Tänzerin, die von einem Musiker begleitet werden.

  • Der Kameramann

    Gefilmt hat die einminütige Szene der in Seyssel – einen Katzensprung von der Schweizer Grenze entfernt – geborene François-Constant Girel, ein Sohn eines Apothekers, der selbst Pharmazie im nahen Lyon studierte. Sein Schwager war in der Fabrik der legendären Brüder Lumière beschäftigt, und so wurde Girel irgendwann im Jahr 1896 als Kameraoperator bei den Lumière-Brüdern angestellt.

    Im September desselben Jahres begann er mit Aufnahmen in Deutschland, wo die Szene der beiden tanzenden Tiroler – neben vielen anderen – wohl entstanden sein muss. Girel gilt auch als Entdecker der Kamerafahrt, als er seine Kamera während einer Schiffsfahrt am Rhein aktivierte und damit filmische Pionierarbeit leistete. Weiter verfolgt hat er den Kameraberuf allerdings nicht. Er kehrte zurück zu seinen Wurzeln und wurde Apotheker.

  • Verstädterte Tracht

    „Der für damalige Zeiten recht kurze Rock wird durch hohe Schnürstiefel ausgeglichen“, analysiert die Expertin Angelika Neuner das zunächst unbekannt gebliebene Trachtenkostüm. „Der Tänzer hat auf den ersten Blick etwas von einem Zillertaler. Das Leibl mit den breiten Borten am Halsausschnitt, der federkielgestickte Ranzen und die knielangen Lederhosen weisen typische Merkmale der Zillertaler Tracht auf, wobei diese damals als Inbegriff der Tiroler Tracht allgemein galt.“
     

    Ich würde es nicht wagen, diese Szene ins Zillertal zu verlegen, weil diese Landsleute einen viel selbstbewussteren und aufwendigeren Auftritt inszeniert hätten.

  • Über die Berge: Diese Aufnahme einer Tracht um 1900 wurde im Pfitschertal gemacht. Foto: Kulturpool.at

    Über das Pfitscher Joch ist auch die Nähe zu Südtirol gegeben, doch die Tracht einer Pfitscherin um 1900 unterscheidet sich deutlich.

    „Bis heute wird übrigens der Zillertaler Janker auch außerhalb der Zillertaler Gesellschaft als ‚trachtige‘ Bekleidung gewählt“, meint Neuner. Zur Kleidung der Tänzerin sagt sie: „Das ist ein reines Fantasiekostüm. Bluse und Schnürmieder sind stark an die damals gängigen Schnittformen der Alltagsmode angeglichen.“

    Der Zitherspieler trägt, laut Neuner „eine modernere Kniebundhose und eine graue Joppe, allerdings ist die Schnittführung sehr ‚verstädtert‘“, kommentiert sie. „Um 1900 war diese Hutform üblich, die bis in die 1930er-Jahre bekannt blieb. Die langen hellen Unterhosen sind den Trachten des Salzkammerguts entliehen und sollten wohl die ‚Urtümlichkeit‘ der Kleidung dieser Akteure unterstreichen.“ Zudem meint sie zur Lokalisierung: „Ich würde es nicht wagen, diese Szene ins Zillertal zu verlegen, weil diese Landsleute einen viel selbstbewussteren und aufwendigeren Auftritt inszeniert hätten.“

  • Zillertaler Trachtenjäger

    Der Musikwissenschaftler Thomas Nußbaumer von der Universität Mozarteum Salzburg: „Es handelt sich um ein wirklich schönes Filmdokument, das ich bislang noch nicht kannte“, sagt er zu den stummen Bildern. „Die Musik steht jedenfalls eindeutig in einem raschen Dreivierteltakt, was sich gut an den Tanzschritten der Tänzerin erkennen lässt. Für Schuhplattler werden üblicherweise Ländler-Melodien verwendet; auch das lebhafte Tempo des Tanzes ist ein weiteres Indiz, das für das Zillertal sprechen könnte.“
     

    Getanzt wurde gewöhnlich in Tanzdielen oder Wirtshäusern, nicht in stilisierter Weise auf der grünen Wiese.


    Für die bäuerliche Tanzpraxis hält auch er das Setting für eher untypisch. „Getanzt wurde gewöhnlich in Tanzdielen oder Wirtshäusern, nicht in stilisierter Weise auf der grünen Wiese. Auch erfolgte die musikalische Begleitung meist durch Geige, Schwegel, Hackbrett und Bassgeige, nur selten hingegen durch Zithersolo.“

    Nußbaumer vermutet eine „nachempfundene Tanzszene“; das Filmdokument sieht er im Zusammenhang „mit der damals aufkommenden bürgerlichen Trachten- und Schuhplattlerpflege“.

  • Früher Tanzfilm

    Die ersten öffentlichen Filmvorführungen durch die Brüder Lumière gab es Ende 1895 in Paris. Die sogenannten „lebenden Photographien“ – also die frühesten Projektionen – waren bereits im Oktober 1896 in Trient und Ende Juli 1897 in Meran zu sehen. Vielleicht sogar auch dieser Film.

    Der historische Tanzfilm ist – neben 4000 weiteren historischen Filmen – auf der Online-Streaming-Plattform WikiFlix unter dem Schlagwort „Tyrol“ zu finden. Älteres Bewegtbild aus den Alpen (auch wenn vermutlich in Köln gedreht) gibt es nicht.