Gefaltete Notizen
-
Die Meldung kam aus Italien und gelangte vorgestern rasch auch in deutsche Medienkanäle. So berichtete auch der Spiegel über die in Turin beschlagnahmten Notizen von Benito Mussolini, die dieser bei einem Treffen mit Hitler in Salzburg machte. Laut Angaben von Experten und der Carabinieri-Spezialeinheit handle es sich um Aufzeichnungen, die der Duce möglicherweise bei einem Treffen mit Adolf Hitler am 22. April 1944 im Schloss Kleßheim bei Salzburg zu Papier gebracht hatte.
Beim Treffen – zwei Tage nach Hitlers 55. Geburtstag – war es um die Behandlung italienischer Soldaten und Zivilisten in deutschen Internierungslagern gegangen. Mussolini beklagte sich über die Forderungen der deutschen Befehlshaber: Fritz Sauckel, der eine Million Arbeiter verlangte, Marschall Göring, der 200.000 Männer für die Flugabwehr forderte, sowie Feldmarschall Kesselring, der 60.000 Hilfskräfte benötigte. Am Nachmittag folgte eine Tirade Hitlers, in der er Ungarn und Italien für viele der Probleme verantwortlich machte.
-
Der Historiker Davide F. Jabes aus Rom – er ist auch ein profunder Kenner der Südtiroler Zeitgeschichte – veröffentlichte 2023 unter dem Titel Il Leader ein umfassendes Buch über den „Führer“, „weil ich der Überzeugung bin“, wie er gegenüber SALTO in einem Interview betonte, „dass Hitler im Grunde genommen für viele Menschen unbekannt ist.“ Nachgefragt zu den jüngst beschlagnahmten Notizen meint der Historiker: „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass der Inhalt dieser Dokumente – insbesondere angesichts ihrer Datierung – das, was wir bereits über das Verhältnis zwischen Mussolini und Hitler wissen, grundlegend verändern kann. Seit dem Zusammenbruch der italienischen Kriegsführung im Jahr 1941 unterhielten die beiden tatsächlich eine zutiefst asymmetrische Beziehung, mit Hitler in der Führungsrolle und Mussolini in der eines untergeordneten Partners.“ Das war schon mal anders gewesen. Hitler bewunderte Mussolini und dessen Regime.
Der Duce selbst sagte über sich, er sei eine Marionette in den Händen der Deutschen...
Die nun eingezogenen Dokumente waren im Vorfeld einer Auktion zum Verkauf angeboten worden. Ob es sich möglicherweise auch um Fälschungen handeln könnte? In den vergangenen Jahrzehnten gelangten immer wieder gefälschte Tagebücher oder Briefe über Auktionshäuser oder Medien an die Öffentlichkeit. „Im Allgemeinen bringen gefälschte Dokumente Neuerungen gegenüber dem historiografischen Bild, zumindest wenn sie zu einem hohen Preis verkauft werden“, meint Jabes im Zusammenhang und fügt hinzu: „Handelt es sich um echte Dokumente oder um glaubwürdige Kopien für einen kritischeren Markt, sind sie weniger sensationsheischend. Wenn darin Überlegungen enthalten sind, die die Rolle der RSI (Repubblica Sociale Italiana) von Mussolini in ein positives Licht rücken, dann sind sie mit ziemlicher Sicherheit Fälschungen.“
Der Leader (und der Duce): Zunächst Freundschaft und Vertrauen. Dann gegenseitiges Misstrauen bis zum Tod. Das Buch von Davide F. Jabes ist 2023 erschienen. Foto: SolferinoUnd wie lassen sich die nun ans Tageslich gebrachten Notizen Mussolinis historisch einordnen? „Der Duce selbst sagte über sich, er sei eine Marionette in den Händen der Deutschen und sehe keine andere Logik, als dem Tod oder jedenfalls der völligen Niederlage noch ein paar Monate abzuringen.“ Bei den Aufzeichnungen – „sie weisen eine vierfache Faltung auf“, schreibt der Spiegel und bezieht sich auf Experten – handle es sich um die Niederschrift, die als Vorbereitung für das Treffen der beiden Diktatoren erstellt worden sein könnte. Sie behandeln die Bereiche Streitkräfte, Politik, Wirtschaft und Arbeit. Genauere Informationen zum Inhalt gibt es noch nicht. „Von den drei im Spiegel-Artikel hervorgehobenen Punkten“, meint Jabes, „wurde nur einer teilweise umgesetzt: derjenige bezüglich der Streitkräfte. Dies geschah jedoch nicht, weil die nationalsozialistische Regierung beabsichtigte, die Italiener als Kampftruppe gegen die Alliierten einzusetzen, sondern um zu vermeiden, deutsche Truppen von der Kontrolle des Territoriums abzuziehen. Diese Notwendigkeit wurde 1944 immer dringlicher, als die Streitkräfte der Italienischen Sozialrepublik für ‚Polizeiaufgaben‘ und zur Unterdrückung der Partisanenverbände in den Gebieten des neuen Marionettenstaates eingesetzt wurden.“ Im Versuch, ein gewisses Maß an „Autonomie und Bedeutung zu bewahren“, so Jabes, „zeichnete sich Italien während des Krieges dadurch aus, dass es – wenn auch im diskriminierenden Rahmen der Rassengesetze – die in den italienischen Besatzungszonen in Frankreich, Griechenland und teilweise Jugoslawien lebenden Juden schützte. Mit dem Sturz des Regimes und dem Waffenstillstand jedoch trat das Dritte Reich an die Stelle des Königlichen Heeres, und das Schicksal der Juden unter der Kontrolle der Wehrmacht war besiegelt.“
Mussolini setzte sich für verschiedene Anliegen ein, „doch hatte er nie die Fähigkeit – und vermutlich auch nicht den Willen –“, sich gegenüber dem deutschen Verbündeten durchzusetzen. „Das Treffen von Feltre am 19. Juli 1943 ist hierfür sinnbildlich: In einem Moment, in dem Mussolini sich hätte lösen und einen Ausweg aus dem Konflikt suchen müssen, monopolisierten Hitlers Ausführungen das Gespräch, indem er ihn mit Versprechungen über Geheimwaffen überschüttete, die den Verlauf des Krieges ändern sollten. Sechs Tage vor seiner Absetzung und Verhaftung war bereits deutlich, wie vollständig der Duce inzwischen dem Willen Hitlers untergeordnet war.“
Das letzte Zusammenkommen der beiden Diktatoren fand ein Jahr darauf am 20. April 1945 in Berlin, anlässlich Hitlers 56. Geburtstages statt.
Benito Mussolini und Adolf Hitler: Brachten viel und großes Unheil in die Welt. Hier bei einem Treffen im Juni 1940. Foto: WikipediaLaut Jabes ist es durchaus plausibel, „dass etwaige weitere Archivfunde aus jener Zeit nur bestätigen können, dass in den Bereichen Politik sowie Wirtschafts- und Arbeitsfragen die tatsächliche Entscheidungsmacht in Berlin lag“.
Zudem erinnert er daran, „dass die italienischen Einheiten Ausbildung und Ausrüstung nur mit Hitlers Zustimmung erhielten: In der Sicht vieler deutscher Kommandostellen wäre die den Italienern zugedachte Rolle kaum anders gewesen als die von kolonialen Hilfstruppen, wenn nicht sogar auf Formen von Zwangsarbeit reduziert.“
Am Morgen des 23. April 1944 ging das Treffen der beiden Diktatoren weiter, unter anderem mit Hitlers Leugnung der Misshandlung internierter italienischer Truppen, weil diese in des Führers Augen „nicht vertrauenswürdig waren“ und „eine Belastung für das deutsche Volk“ darstellten. Schließlich stimmte Mussolini am Nachmittag einer verlängerten Ausbildung seiner Truppen in Deutschland zu und gab zudem den Forderungen von Sauckel und Göring nach. Tags darauf reiste Mussolini ab. Es folgten noch weitere sechs Treffen. Das letzte Zusammenkommen der beiden Diktatoren fand ein Jahr darauf am 20. April 1945 in Berlin, anlässlich Hitlers 56. Geburtstages statt. Mussolini reiste trotz der militärisch aussichtslosen Lage ins zunehmend eingeschlossene Berlin. Wenige Tage später beging Hitler Selbstmord, Mussolini wurde am 28. April 1945 von Partisanen erschossen.
Weitere Artikel zum Thema
Kultur | SALTO GesprächDie Fakten in den Akten
Gesellschaft | L'intervistaLa Chiesa e l’ombra del nazismo
Gesellschaft | In der StreitergasseHaltung zeigen!
Stimme zu, um die Kommentare zu lesen - oder auch selbst zu kommentieren. Du kannst Deine Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.